Europäischer Traum – europäisches Trauma?
 

Europäischer Traum – europäisches Trauma?

Zur vierten Auflage der Veranstaltungsserie „Mediengipfel am Arlberg – Auslandskorrespondenten diskutieren in Lech“ – Mit Fotos zum Event.

Von 9. bis 11. Dezember trafen sich dieses Jahr wieder führende Auslandskorrespondenten in Lech/Zürs am Arlberg zum grenzüberschreitenden Gedanken- und Meinungsaustausch. Initiiert wird der Mediengipfel seit dem Jahr 2007 in enger Kooperation zwischen der Kommunikationsagentur pro.media und Lech Zürs Tourismus.

Am Donnerstagabend startete der diesjährige Mediengipfel in Lech hochkarätig: Den Auftakt der Veranstaltung bildete ein Dialog zwischen dem deutschen Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger und Andreas Braun, dem intellektuellen Kopf der Swarovski Kristallwelten. Im Zentrum standen Fragen wie: Ist die europäische Währungsunion in Gefahr oder findet die EU künftig eine politische Stimme? Wie entwickelt sich der europäische Geist angesichts anhaltender wirtschaftlicher Erschütterungen? Enzensberger machte aus seiner Skepsis keinen Hehl: Zweifellos habe die EU viel Positives gebracht, doch die permanente Vergrößerung sowie das Zusammenspannen ganz unterschiedlicher Volkswirtschaften hätten zu immer größeren Problemen geführt. Man dürfe nicht alternativlos über die Zukunft Europas nachdenken – das Motto „Augen zu und durch“ käme einer Beleidigung der menschlichen Vernunft gleich. Immerhin seien an der Überdehnung historisch betrachtet etliche Weltmächte zerbrochen, das Schrumpfen auf ein gesundes Maß müsse auch im europäischen Kontext ein Denkmodell sein. Enzensberger warnte mit Blick auf die Geschichte vor den Gefahren einer eindimensionalen Harmonisierung des Kontinents: „Auch das Phänomen der ‚Blase‘ ist nichts Neues.“

Im Anschluss griff eine prominent besetzte Podiumsrunde diese Gedanken auf. Unter der Leitung von „Standard“-Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmidt diskutierten unter anderen Markus Spillmann (Chefredakteur „NZZ – Neue Zürcher Zeitung“), Bernard Maissen (Chefredakteur der Schweizer Depeschenagentur), Ambros Kindel (Ressortchef Außenpolitik der APA), der ehemalige ORF-Informationsdirektor Elmar Oberhauser sowie Hendrik Schott vom südafrikanischen Medienkonzern Naspers. „NZZ“-Chefredakteur Spillmann betonte, dass man sich den Staatsbankrott einzelner Länder aufgrund der sozialen Folgen nicht leisten könne. Die Podiumsteilnehmer bekannten sich unisono zum europäischen Gedanken und warnten in diesem Zusammenhang vor zu viel Pessimismus. Europa sei keineswegs am Ende, befinde sich aber zweifellos in einer selbstverschuldeten Krise, meinte etwa APA-Ressortchef Kindel. Mit dem Abstand eines südafrikanischen Korrespondenten betrachtet sei das europäische Projekt ein sehr positives, pflichtete Schott bei. Und Oberhauser bekräftigte: „70 Jahre kein Krieg in Europa – allein diese Tatsache rechtfertigt alles!“ Einig war man sich auch in der Einschätzung der europäischen Repräsentanten: Die EU habe kaum charismatische Persönlichkeiten, in der Folge seien auch Themen aus Brüssel dem Medienpublikum kaum vermittelbar. Die EU-Berichterstattung sei nicht sehr sexy.  

Am folgenden Tag definierte der ungarische Staatssekretär Gergely Pröhle im Rahmen einer spannenden Podiumsrunde die Stoßrichtungen seines Landes für den EU-Vorsitz in der ersten Jahreshälfte 2011. Darüber diskutierten mit ihm unter der Leitung von ARD-Korrespondentin Susanne Glass (Präsidentin der Auslandspresse in Österreich und Mitinitiatorin des Mediengipfels) unter anderen Charles Ritterbrand („NZZ“), Michael Frank („Süddeutsche Zeitung“), Pierre Feuilly (AFP Wien), Schauspieler Alexander Goebel sowie Laurens Boven, niederländischer Korrespondent in Berlin. Der ungarische EU-Vorsitz werde ab Jänner vor allem Fragen der Energiesicherheit, der Erweiterung, der Donaustrategie und der östlichen Partnerschaft in den Mittelpunkt stellen, erklärte Pröhle. Insgesamt, so betonte er, sei die Erweiterung der EU ein zentrales Anliegen, da die europäische Politik den Fokus auf die weitere Stabilisierung des Westbalkans legen müsse. „Zahlreiche Missverständnisse“ ortete der ungarische Staatssekretär hinsichtlich der Kritik am geplanten ungarischen Mediengesetz, bei dem eine Behörde auch über die unabhängigen Medien wachen soll. Das Gesetz sei noch gar nicht beschlossen, außerdem würden in anderen europäischen Ländern vergleichbare Regelungen existieren. „Die Rechtsstaatlichkeit bröckelt nicht“, versicherte Pröhle. „Süddeutsche“-Redakteur Frank plädierte hinsichtlich der gegenwärtigen Krisen in Europa für mehr Gelassenheit. Die Vielfalt Europas sei eine Tugend, auch wenn gemeinsame klare Spielregeln natürlich notwendig seien. Nach einer stürmischen Kindheit mit starkem Wachstum sei die EU mittlerweile in der Pubertät. Der niederländische Korrespondent Boven zeigte auf, dass Staaten wie Deutschland derzeit durchaus von der Wirtschaftskrise profitieren würden, wenngleich das Verständnis der EU-Bürger für Länder wie Griechenland und Irland endlich sei. Schauspieler Goebel bemerkte, dass die europäische Politik enorme Kommunikationsprobleme habe. Die positiven Entwicklungen müssten an die Bevölkerung mit Emotion vermittelt werden – dabei könnten gerade die Kulturschaffenden einen großen Beitrag leisten. Auch Feuilly stellte fest, dass die großen europäischen Nationen aktuell wieder mehr nach eigenen Interessen vorgehen und europäische Interessen nach hinten reihen würden.  

Ein leidenschaftliches Plädoyer für den europäischen Einigungsprozess hielt zum Abschluss des Mediengipfels Österreichs Außenminister Michael Spindelegger beim Pressebrunch am Samstag: „Wir dürfen uns vom europäischen Weg nicht abbringen lassen“, betonte er. Die Krisenbewältigung in Europa sei erfolgversprechend – nicht zuletzt durch eine stärkere und koordiniertere Wirtschaftsaußenpolitik. Wo die Grenzen Europas im Sinne der fortschreitenden Erweiterung verlaufen, könne man noch nicht abschätzen. Aber: „Europa ist jedenfalls nicht vollständig ohne die Länder des Westbalkans.“ Auch Spindelegger ortete große Herausforderungen im Bereich der Kommunikation, die deutlicher die positiven Auswirkungen transportieren müsse. In Österreich habe man zu diesem Zweck eine neue Initiative gesetzt: In rund 200 Gemeinden gebe es mittlerweile sogenannte „Europagemeinderäte“, die eine stärkere regionale und lokale Verankerung des europäischen Gedankens unterstützen könnten. Außerdem appellierte er für die Wichtigkeit eines gemeinsamen Wertekatalogs der EU-Mitgliedsstaaten. Wer gegen zentrale europäische Werte verstoße, müsse mit Widerstand rechnen. „Das hat Wirkung, wenn man auf europäischer Ebene scharf kritisiert wird!“, zeigte sich Spindelegger überzeugt.  

Für Susanne Glass, Präsidentin der Auslandspresse in Österreich und Mitinitiatorin der Veranstaltung, ist der Erfolg des Forums jedenfalls erfreulich: „Lech am Arlberg hat sich in den vergangenen Jahren als Treffpunkt internationaler Medienvertreter etabliert, um gemeinsam aktuelle Entwicklungen, aber auch Arbeitsbedingungen zu reflektieren. Allein die Mitglieder in unserem Verband vertreten insgesamt 400 Medien aus rund sechzig Ländern. Was unsere Mitglieder über Österreich schreiben und senden, erreicht Hunderte Millionen Menschen in aller Welt.“
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