"Es war zum Teil eine Mission Impossible"
 

"Es war zum Teil eine Mission Impossible"

Privat
Heinz Nußbaumer mit dem 40. US-Präsidenten Ronald Reagan.
Heinz Nußbaumer mit dem 40. US-Präsidenten Ronald Reagan.

Heinz Nußbaumers Jahre als Sprecher zweier Bundespräsidenten waren von politischen Krisen geprägt. Im Interview gibt er tiefe persönliche Einblicke in die Heraus­forderungen, die das höchste Amt im Staat für die Kommunikationsarbeit mit sich bringt.

HORIZONT: Als außenpolitischer Journalist des Kurier haben Sie die ganze Welt bereist und zahlreiche große Persönlichkeiten kennengelernt. Was hat Sie veranlasst, Pressesprecher von Kurt Waldheim zu werden?

Heinz Nußbaumer: Ich hatte damals mit schweren Krankheiten zu kämpfen. Es war mir unmöglich, in dieser Situation außenpolitischer Ressortleiter zu bleiben. Waldheim lernte ich bereits in seiner Zeit als UNO-Generalsekretär näher kennen, da ich ihn öfter auf Reisen begleitete. In Zeiten existenziellen Zweifels bekam ich dann das Angebot, sein Pressesprecher zu werden. Waldheim hat mir damals gesagt: „Wenn du willst, kannst du daneben Bücher schreiben oder Orchideen züchten.“ Davon war natürlich bei meinem Eintritt keine Rede mehr. 

Als Sie Waldheims Pressesprecher wurden, stand dieser bereits auf der Watchlist der USA und war damit außenpolitisch isoliert. Wie haben Sie diese Problematik in Erinnerung?

Bevor ich damals sein Pressesprecher wurde, schrieb ich ihm einen Brief, in dem ich erklärte, warum ich angesichts der Watchlist an seiner Stelle zurücktreten würde. Waldheim hat mir daraufhin einen eindrucksvollen Brief zurückgeschrieben, in dem er schilderte, warum das nicht ginge, weil das Land zwischen jenen, die ihn gewählt und jenen, die ihn nicht gewählt hätten, zerklüften würde. Im Nachhinein muss ich sagen, dass er wahrscheinlich recht hatte.

Ich habe ihm dann noch vor Ablauf der ersten Amtszeit geraten, keinesfalls wieder zu kandidieren, um seinen Gegnern das Feindobjekt zu entziehen. Das hat ihm große seelische Qualen bereitet, weil es aus seiner Sicht der Sieg des Unrechts war. Aber er hat sich schließlich doch dazu überwunden. Einen Textentwurf seiner TV-Ansprache zu seiner Nicht-Kandidatur hatte ich übrigens bereits vor seiner Entscheidung geschrieben. 

Waldheim gilt als umstrittener Präsident. Welche Möglichkeiten hatten Sie bei Ihrer Arbeit als sein Pressesprecher?

Als ich 1989 zu ihm kam, war das Land zerrissen und meine Möglichkeiten, das noch zu verändern, waren nahezu homöopathisch. Da uns Auslandskontakte weitgehend nicht zur Verfügung standen, haben wir viel im Inland gemacht. Hier haben wir versucht, das Amt bestmöglich auszufüllen, aber es war schon sehr dornig. Margaret Thatcher sagte einmal in einem Interview: „I have nothing against Kurt Waldheim. He is just bad news.“ Und dieses „He is just bad news“ war die täglich erlebte Realität. Wir hatten kaum eine Chance, an diesem Image etwas zu verändern.

Welche Veränderungen brachte für Sie der Wechsel zu Thomas Klestil?

Im Lauf meiner zehn Hofburgjahre habe ich 863 Redeentwürfe geschrieben. Da zeigte sich beim Präsidentenwechsel schnell, dass die Reden – um den Persönlichkeiten Waldheims und Klestils individuell zu entsprechen – verschieden geschrieben werden mussten. Ich musste mit der Emotionalität der Sprache ganz anders umgehen. 

Klestil hat sich sehr bemüht, mit Medien zu kooperieren. Wie beurteilen Sie sein außergewöhnliches Naheverhältnis zu bestimmten Medien?

Es war für mich sehr belastend. Ich habe Klestil wiederholt gesagt, dass Exklusivwege der Information nur ins Abseits führen können. Zum einen haben uns Exklusivgeschichten meist „Rachegeschichten“ von anderen Medien eingebracht. Zum anderen hat Klestil geglaubt, dass er ein paar Journalisten an der Hand hat, die er durch Nähe steuern kann. Er dachte, er macht damit Gutes – doch es hat nie Gutes gebracht.

Die Beziehung zu Margot Löffler, seiner engen Mitarbeiterin und Wahlkampfmanagerin, wurde öffentlich. Wie haben Sie diese Situation erlebt?

Die Ehekrise war für mich eine sehr herausfordernde Zeit. Plötzlich wurde Klestil zum Gelächter – und das ist das Schlimmste, was einem Bundespräsidenten passieren kann. Zunächst war es wichtig, Klestil wieder im Amt stabil zu machen. Dazu schien es seinen engsten Vertrauten notwendig, dass seine neue Partnerin auf ihre berufliche Nähe zur Hofburg verzichtet. Das war schwer durchzusetzen, da Klestil sie verständlicherweise in seiner Nähe haben wollte. Dann waren da auch noch Probleme mit der getrennt lebenden Gattin. Sie hat anfangs öffentliche Auftritte gesucht, die unser Dilemma nur noch größer machten. Das hat für mich ein großes und komplexes Geflecht an schwierigen Situationen gegenüber allen Beteiligten ergeben. Es war zum Teil eine „Mission impossible“.

Neben seiner privaten Krise hatte Klestil auch mit gesundheitlichen Problemen im Amt zu kämpfen. 

Das war für mich die belastendste Krise. Auf der einen Seite war der Bundespräsident als Patient, der die Dramatik seines gesundheitlichen Zustands nicht sehen konnte und wollte. Auf der anderen Seite waren die Ärzte, die teilweise in einem unglaublichen Hahnenkampf versuchten, diverse Diagnosen durchzubringen. Dazu kamen noch seine völlig überforderte Familie und die Medien, die mir tagein tagaus die Hölle heiß machten. In dieser Situation war ich irgendwie am verlassensten.

Welche Lehren können Sie aus Ihrer Tätigkeit als Pressesprecher zweier Bundespräsidenten ziehen?

Zwei wesentliche Erfahrungen: Erstens, das unglaubliche Ausmaß an politischer Verlogenheit, das ich unter Waldheim erlebte: Wer da nicht aller in der Nacht da war, große Politiker, auch aus den USA, die im Stillen trotz gleichzeitiger Watchlist bei ihm um Unterstützung angesucht haben. Diese Verlogenheit vor und hinter den Kulissen war unbeschreiblich. Zweitens, eine massive Entfremdung mit meiner eigentlichen Profession, dem Journalismus.

Ich habe die inneren Abläufe selbst miterlebt und es in den Medien oftmals dann ganz anders gelesen – ohne, dass eine Informationsschuld meinerseits vorlag. Manchmal habe ich auch einzelnen Journalistenkollegen, mit denen ich befreundet war, zum Verständnis der Wahrheit sehr vertraulich Hintergründe erzählt. Nur um dann diese vertraulichen Informationen am nächsten Tag in der Zeitung zu lesen. Enttäuschung über die Verlogenheit der Politik und die Entfremdung gegenüber meiner eigenen Profession sind zwei Erkenntnisse, die ich aus dieser Zeit mitnehme.

Als Journalist ist es Ihnen geglückt, ein einstündiges Exklusivinterview mit US-Präsident Ronald Reagan zu erhalten. Schildern Sie bitte diese Erfahrung. 

Unser Gespräch war zu meiner Überraschung von Anfang an ein sehr privates. Reagan sprach hauptsächlich über Persönliches abseits der Fallstricke der Tagespolitik. Ich habe mich immer gefragt, wann ich jetzt meine Fragen unterbringen könne. Als das Interview fast vorbei war, habe ich es doch noch geschafft, die eine oder andere Frage zu stellen. Zum Teil hatte Reagan große Schwierigkeiten, diese zu beantworten – was war schon Österreich für ihn … Als ich das Oval Office verließ, fragte ich mich: Und was war jetzt mein Interview?

In diesem Augenblick kam sein Pressesprecher und überreichte mir ein Kuvert mit von mir nie gestellten, sondern vom Büro erarbeiteten Fragen und Antworten. Ich fragte mich, ob man so etwas überhaupt abdrucken kann. Mein Chefredakteur hat dann zu mir gesagt: „Sind Sie wahnsinnig? Natürlich werden wir das abdrucken. Wer hat schon ein Interview mit Reagan!“ Letztlich zeigte sich, dass die Zeitung sowieso mehr Interesse an den Fotos meiner Begegnung mit Reagan hatte, als an dem politischen Inhalt des „Interviews“. 

[Mathias Hadwiger]

Das vom Studenten Mathias Hadwiger geführte Interview erscheint ebenso im Fachmagazin PRaktivium – einem Projekt des Masterstudiengangs Media- und Kommunikationsberatung der FH St. Pölten. Gratis-Druckexemplare mit weiteren Interviews können online bestellt werden oder sind in digitaler Form gratis abrufbar.
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