"Es passieren hier Dinge, die in einer Demokr...
 

"Es passieren hier Dinge, die in einer Demokratie nicht passieren sollten"

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Rubina Möhring, Leiterin Reporter ohne Grenzen Österreich, über ihren Lebensweg, warum die Dissertation auf dem Müll landete, über Materialermüdung von demokratiepolitischem Bewusstsein und Existenzängste von jungen Menschen

Sie ist nach Wien gekommen, um Geschichte zu studieren, Schwerpunkt Osteuropa und Südosteuropa. Sie wollte Journalistin werden. „Es war 1970 und anders als in Deutschland“, sagt Rubina Möhring heute über ihren damaligen Start in Wien. Die Mädchen hatten Faltenröcke an und trugen Haarreifen, die Jungs ordentliche Scheitel. „Ich hatte Jeans, Schlabberpulli, lange Haare und dachte mir, wo bin ich denn hier? Dann kam der Professor herein und alle standen auf, ich bin sitzen geblieben, er hat gesagt ‚setzen Sie sich’ und ich bin aufgestanden - und gegangen. Das war nicht meine Welt.“

Als Frau hat man sonst keine Chance

Rubina Möhring war zu diesem Zeitpunkt 20 Jahre jung und wollte wissen, ob sie das Zeug zu einer Journalistin überhaupt in sich trägt. Es folgten Bewerbungen beim WDR, bei der deutschen Welle der BBC und bei der österreichischen „Presse“. Bei ersteren hätte sie drei Monate warten müssen, bei der "Presse" konnte sie jedoch gleich als Volontärin beginnen. Die Entscheidung war also klar.

Nach zwei Jahren, wo sie zuerst für den Lokalteil und später für das Auslandsressort schrieb, ereilte sie eine bittere Erkenntnis. "Ich habe begonnen, nur noch von der Substanz zu leben, ich hatte keine Zeit mehr zum Lesen, ich hatte keine Zeit mehr zum Nachdenken." So sollte es nicht weitergehen. Kollegen haben ihr zugeredet, das Studium fertigzumachen, schließlich hätte man gerade als Frau sonst keine Chance in dieser Branche. Also zurück auf die Uni. In Windeseile hat Möhring daraufhin ihr Studium beendet. „Ich war dafür ein halbes Jahr in der Türkei und habe in den Archiven gearbeitet. Während ich die Dissertation schrieb, wurde das ORF-Format Club2 gegründet. Der Produktionsleiter hat mich kennengelernt und meinte, ich würde da gut reinpassen." Nach ein paar Anrufen, hat es schließlich geklappt. „So bin ich beim ORF gelandet, ohne Beziehungen. Und mit dem deutschen Akzent, der damals viel schlimmer war.“

Nach einem halben Jahr beim Öffentlich-Rechtlichen trudelten auch schon die nächsten Ratschläge ein. „Rubina, mach deine Dissertation fertig oder du wirst es dein Leben lang bereuen“, etwa von Robert Hochner oder Ursula Stenzel. Doch der Weg erwies sich holpriger als gedacht. In einer Nacht hat es sich sogar zugetragen, dass Möhring all die Unterlagen zur Fertigstellung der Dissertation (Anm.: damals noch echtes Papier) zum Mistkübel gebracht hat. „ich hatte das Zeug mit Spagat zusammengeschnürt und die Unterlagen in den Müll geworfen.“ Den Doktortitel hat sie sich dann aber doch noch abgeholt.

„Meine Wünsche waren ziemlich unermesslich“

Wieder zurück beim ORF wanderte sie vom Club2 zur ZIB 2 und zu Politik am Freitag. "In dieser Phase meines Lebens habe ich gemerkt, dass ich Familie haben möchte, aber auch Karriere. Meine Wünsche waren ziemlich unermesslich.“ Sie war gerade im Gespräch, Zweitkorrespondentin in Bonn zu werden, da war sie Anfang 30. „Aber dann kam mein Sohn und ich denke, das war eine bewusste Entscheidung gegen eine gerade weitere Karriere, um nicht zu verhärten, weil ich sehr ehrgeizig war“, sagt Möhring. Die Reaktionen waren unterschiedlich. Ein damaliger Kollege etwa meinte: „Jetzt darfst du schon politische Journalistin sein und jetzt bekommst du auch noch ein Kind auf Kosten des Hauses.“ Vier Jahre später folgte auch noch eine Tochter und Möhring ist beim ORF ein bisschen kürzer getreten, hat historische und bildungspolitische Dokumentationen gemacht – etwa für die Sendung Audimax Hochschulreport.

„Kurz darauf wurde ich von Franz Bauer – damals Präsident von Reporter ohne Grenzen Österreich - gefragt, ob ich die Leitung der hiesigen Organisation  Reporter ohne Grenzen in Österreich übernehme wollte.“ Bauer selbst wurde damals Vorsitzender der Gewerkschaft. „So bin ich dort gelandet.“ Durch Veranstaltungen und intensive Medienarbeit hat sie versucht, die Organisation bekannter zu machen. 2005 erreichte sie das Angebot, die aktuellen Redaktionen Wissenschaft und Kultur  bei ORF3sat zu übernehmen, genauer die Leitung der Österreich-Büros der 3sat-Magazine „nono“ und „kulturzeit“. 2010 hat sie den ORF verlassen. „Seitdem mache ich Reporter ohne Grenzen und schreibe meinen wöchentlichen Blog auf derStandard.at." Zudem diskutiert sie gemeinsam mit Armin Thurnher und Gästen aus der Branche regelmässig beim Medienquartett

Reporter ohne Grenzen organisiert Hintergrundgespräche und Symposien, unterstützt Journalisten, die hier um Asyl ansuchen, schreibt die entsprechenden Expertisen und finanziert sich hierzulande durch Spenden. „Für mich ist es eine ehrenamtliche Tätigkeit. Ich halte das für ein wichtiges Korrektiv. Es passieren hier Dinge, die in einem demokratischen Staat nicht passieren sollten, zumal das Land auch so klein ist. Das sind Tendenzen, die ich für sehr gefährlich halte und es zeigt mir, dass Pressefreiheit einfach nicht mehr ernst genommen wird“, sagt Möhring.

Würden Sie noch mal Journalistin werden?

„Ich glaube ja.“ Auch wenn sie zugibt, dass es früher einfacher war, denn „man konnte seine Zukunft sorgloser und linearer planen. Meine Kinder sind 27 und 31 und ich sehe die Existenzängste, die diese Generation in sich trägt. Das hatten wir damals überhaupt nicht.“ Was Möhring auffällt, ist die Materialermüdung von demokratiepolitischem Bewusstsein. So sei die Ansicht, dass eine objektivierende Berichterstattung notwendig ist, früher stärker ausgeprägt gewesen. "Die Menschen, die jetzt in der Regierung sitzen, sind bereits Friedensgenerationen. Die Konfliktherde sind schon sehr weit weg, da beginnt man vielleicht ein schlampiges Verhältnis zu den Menschenrechten aufzubauen. Man erinnert sich nicht mehr, die letzten Zeitzeugen werden auch immer weniger.“
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