"Es kann keinem Politiker wurscht sein, ob es...
 

"Es kann keinem Politiker wurscht sein, ob es uns gibt oder nicht"

ERNST KAINERSTORFER
ATV-Geschäftsführer Martin Gastinger erwartet sich von Medienminister Thomas Drozda Lösungen, die mehr Förderungen für österreichische Privatsender vorsehen.
ATV-Geschäftsführer Martin Gastinger erwartet sich von Medienminister Thomas Drozda Lösungen, die mehr Förderungen für österreichische Privatsender vorsehen.

ATV Geschäftsführer Martin Gastinger zur Lage des Senders, warum er ihn selbst sofort kaufen würde, zu seinen Forderungen an Medienminister Thomas Drozda und den VÖP.

HORIZONT: Seit August ist bekannt, dass ATV-Eigentümer Herbert Kloiber den Sender künftig nicht mehr im Portfolio der Tele-München-Gruppe führen möchte. Laut Kloiber hätten sich bereits drei, vier ernstzunehmende nichtösterreichische Interessenten gemeldet. Gibt es bereits Verkaufsgespräche?

Martin Gastinger: Ich bin der Geschäftsführer und nicht der Eigentümer und daher kann ich auch nicht sagen, ob Herbert Kloiber irgendwelche Verkaufsgespräche führt und mich nicht darüber informiert. Das wird möglich sein und das kann sein. Ich persönlich weiß nichts von irgendwelchen Verkaufsgesprächen.

ATV hatte in den Jahren 2012 bis 2014 jeweils Verluste von rund 14 Millionen Euro geschrieben. Würden Sie den Sender kaufen?

Ich würde den Sender sofort kaufen und hätte auch Interesse daran, den Sender zu kaufen. Das ist immer eine Frage, wie das Geschäftsmodell aussieht, was man mit dem Sender vorhat, wie man ihn gestalten möchte und wie er ausgerichtet ist. Ich selber glaube, dass ATV wahnsinniges Potenzial hat und immer schon hatte. Ich wurde selber schon gefragt, ob ich nicht Lust hätte, gemeinsam mit Investoren den Sender zu kaufen. Weil das eben ein attraktives Ding ist. So ein Sender in Österreich ist ja nichts Schlechtes.

"Wir verdienen Geld nicht aus Förderungen, sondern durch Werbung", sagten sie bei der Präsentation Ihres Programmes. Bei der Enquete von Medienminister Thomas Drozda zur Zukunft der Presse- und Medienförderung wurde zwar über Förderungen diskutiert, allerdings über jene für den ORF. Was sagen Sie dazu?

Ich finde das überhaupt nicht problematisch. Ich finde, man kann über alles reden. Und natürlich sollte sich ein Herr Drozda als Medienminister Gedanken darüber machen, dass er ein Interesse daran hat, ein ausgewogenes Mediensystem in Österreich zu gestalten und auch zu haben. Und ausgewogen heißt, dass es private Fernsehsender, privates Radio, Zeitungen und Zeitschriften geben muss. Aber es muss ausgewogen sein. Ich habe das Gefühl, dass er sich dessen bewusst ist, dass es nicht nur um den ORF gehen kann. Er hat mir auch zugesagt, dass er sich intensiv mit unserer Problematik auseinandersetzen wird. Insofern gehe ich davon aus, dass wir da wirklich in die Tiefe gehen werden und auch darüber sprechen werden, wie man hier Lösungen finden kann, dass auch Privatsender irgendeine Art von Förderung bekommen. Wenn eine halbe Million Menschen bei einem unmoderierten Modell zuschauen, dann kann kein Politiker sagen, das interessiert niemanden. Was die Zuschauer betrifft, sind wir da schon auf einem ORF-Niveau. Insofern kann es keinem Politiker wurscht sein, ob es uns gibt oder nicht.

ATV ist 2014 aus dem Verband Österreichischer Privatsender (VÖP) ausgetreten. Sie haben dem Verband damals vorgeworfen und werfen ihm noch immer vor, österreichische Sender nicht gut genug zu unterstützen, sondern vor allem die österreichischen Werbefenster anderer Privatsender. Seit diesem Jahr gibt es mit Ernst Swoboda einen neuen Vorstand im VÖP, der ATV gerne im Verband sehen möchte. Auch Sie haben Bereitschaft signalisiert, mit dem VÖP über einen erneuten Beitritt zu verhandeln. Wie weit ist man da?

Na gar nicht ist man da, man ist gar nicht. Es gab ein Gespräch mit Ernst Swoboda, in dem er mir gesagt hat, dass er Interesse hätte, dass ATV wieder dabei ist. Ich habe ihm gesagt, dass man darüber reden kann, wenn sich der Verein um die Anliegen von ATV kümmert.

Unter welchen Bedingungen kommt für Sie ein Wiedereinstieg in den Verband in Frage?

Das ist ganz simpel, nämlich wenn der VÖP bereit ist, sich mit den Fragen, die ATV wichtig sind, und das sind in erster Linie medienpolitische Fragen, auseinanderzusetzen. Es geht darum, hier eine Gerechtigkeit zu schaffen, dass österreichische Sender behandelt werden wie österreichische Sender und dass der VÖP eben nicht ein Verein der deutschen Privatsender in Östereich ist - im TV-Bereich meine ich. Meine wichtigsten Forderungen habe ich alle auf den Tisch gelegt. Solange es hier so ist, dass meine Forderungen nicht einmal in den Vorstand zu Besprechungen gelangen, weil der Vorstand mehrheitlich aus deutschen Privatsendern in Österreich besteht, hat das keinen Sinn.

Jetzt startet trotz allem am 27. Oktober Ihr neuer Sender ATVsmart. 2016 scheint das Jahr der Sendergründungen zu sein: 4News, oe24.TV und jetzt ATVsmart. Ist in Österreich überhaupt noch Platz für einen weiteren Sender?

Nachdem in den letzten zehn Jahren 100 Sender gestartet sind, werden es in den nächsten zehn Jahren wieder 100 Sender sein, die starten. Also es wird nicht bei ATVsmart bleiben. Ich mache mir da überhaupt keine Gedanken darüber, dass wir die einzigen sind, sondern die Vielfalt wird wachsen. Diese Entwicklung ist nicht zu stoppen.

ATVsmart ist kein linearer Sender, sondern eine kostenlose VoD-Plattform. Wie sieht das Finanzierungsmodell hinter ATVsmart aus?

Das Finanzierungsmodell ist ganz einfach. Wir finanzieren uns durch Werbung: Pre Rolls, Opener-Spots, Display-Ads, Content-Marketing mit eigenen Video-Kategorien, Kategorien-Sponsoring und Sponsor-Logos auf Formatseiten.

Weg von der VoD-Plattform, hin zu Ihren linearen Sendern: ATV setzt bei seinen Eigenproduktionen hauptsächlich auf Dokusoaps und Reportagen. Sehen Sie in diesen Formaten die Zukunft des Fernsehens?

Wir produzieren nicht nur Dokusoaps und Reportagen, sondern wir haben viele Servicesendungen. Wir machen eigentlich alles bis auf Shows. Und insofern denke ich, dass es eine sehr breite Vielfalt ist, die wir anbieten und die durchaus vergleichbar ist mit anderen Sendern. Unsere Alleinstellungsmerkmale sind, dass wir eben sehr österreichisch sind von den Inhalten her und wahrscheinlich jener Sender, der am meisten österreichische Inhalte in diesem Land produziert. Neben dem ORF.

Im April diesen Jahres haben Sie den Verkauf der Kuppelshow "Wirt sucht Frau" nach Deutschland vermeldet. An welchem Eigenproduktionen gibt es noch Interesse aus dem Ausland?

Über unseren Mutterkonzern, die Tele-München-Gruppe, haben wir einen breiten Katalog an Sendungen, die wir verkaufen. In den letzten zehn Jahren haben wir sicherlich an die hundert Formate entwickelt und davon werden rund 20 permanent zum Verkauf angeboten. International verlaufen momentan Gespräche zu "Wirt sucht Frau", was im Englischen "Date the Chef" heißt. Konkretes Interesse an der Sendung gibt es aus Frankreich und Skandinavien. Die Sendung wird nächste Woche auch auf der MIPTV in Cannes sehr groß angeboten. Also insofern bin ich ganz zuversichtlich.

"Bauer sucht Frau" zählt zu den erfolgreichsten Eigenproduktionen des Senders. Im Mai diesen Jahres haben Sie auch ein Printprodukt zur Sendung gelauncht - mittlerweile ist die dritte Ausgabe erschienen. Wie gut wird das Printprodukt angenommen?

Das war der Versuch, "Bauer sucht Frau" auch als Printobjekt vorzustellen und das hat sehr gut funktioniert. Jede Ausgabe ist vergriffen - ausverkauft kann man ja nicht sagen, weil sie kostet ja nichts. Das führte dazu, dass wir gesagt haben, dass wir vielleicht die Schlagzahl erhöhen müssen. Nun befinden wir uns gerade in Gesprächen mit dem Styria Verlag, mit dem wir die Ausgabe gemeinsam produziert haben.
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