'Es ist ein Ehrenkodex der Branche'
 

'Es ist ein Ehrenkodex der Branche'

APA-Redakteurin Sonja Gruber hat sich im Rahmen einer Studie mit Sperrfristen auseinandergesetzt – ein Status quo für ein Feld, das von der Wissenschaft bisher vernachlässigt wurde

Im journalistischen Bereich gehört Nachrichtenmaterial, das Sperrfristen unterliegt, zum Alltag. Bis zum Ablauf solcher Fristen kann die Zeitspanne von wenigen Minuten bis hin zu Tagen oder Wochen betragen. Und erst wenn die Sperrfrist wirklich vorbei ist, darf die Nachricht raus. Dieses Vorgehen birgt so manchen Vorteil, etwa dass sich der Journalist trotz allgegenwärtigen Aktualitätsdrucks ausführlich mit dem jeweiligen Thema beschäftigen kann – besonders bei komplexen Inhalten, etwa im Finanz- oder Wirtschaftsbereich, ist das sinnvoll.

Sonja Gruber, Wirtschaftsredakteurin bei der Wiener Nachrichtenagentur APA, hat sich beim Reuters-Institut für Journalismus in Oxford in einer Studie mit Sperrfristen auseinandergesetzt. Unter dem Titel „News Embargoes – Under threat, but not extinct“ räumt sie damit einem Thema Platz ein, das bisher wissenschaftlich unbehandelt blieb. In ihrem Status quo zieht sie den Faden von der Entstehungsgeschichte über die Bedeutung von Sperrfristen in unterschied­lichen Branchen bis hin zur Frage, welchen Stellenwert News-Embargos in der Zeit von Online, Mobile und Co. haben.

„Es ist bisher noch nicht wissenschaftlich erforscht, wann Sperrfristen ihren Anfang genommen haben. Die meisten Experten gehen davon aus, dass das Embargo aus dem 20. Jahrhundert stammt, ein ameri­kanischer Professor datiert es sogar ins 19. Jahrhundert zurück, als die Post und daher auch Zeitungen Tage brauchten, bis sie mit dem Zug bei ihren Empfängern eintrudelten. Es war dies auch die Zeit, als Zeitungen noch ganze Redetexte von Politikern in voller Länge abdruckten. Es könnte also sein, dass Journalisten diese vorab mit Sperrfrist bekommen haben, damit die besagte Rede dann im ganzen Land am selben Tag verbreitet werden. konnte“, so Gruber. Durch die digitalen Medien sowie den zeitlichen und wirtschaftlichen Druck werden Embargos heute aber brüchig.

Missachtung meist aus Versehen

Laut Gruber wird trotzdem nur ein kleiner Teil der Sperrfristen missachtet. „Meist handelt es sich um ein Versehen – die Aussender verwechseln die Zeitzonen, ein Praktikant macht einen Fehler oder der Onlineredakteur drückt irrtümlich auf ‚Senden‘“, erzählt sie und weiter: „Es ist ein Ehrenkodex der Branche. Journalisten sehen im Generellen keinen Grund, Embargos zu brechen. Wenn es doch geschieht, werden Konsequenzen zwar angedroht, aber selten implementiert.“ Als gängige Sanktion nennt sie die Streichung von der Liste – aber meist nur für einige Wochen. Letzten Endes sind eben doch beide Parteien aufeinander angewiesen. Dass Sanktionen aber auch härter ausfallen können, zeigt das Beispiel von Edward Kennedy. Der Associated-Press-Journalist verkündete das Ende des Zweiten Weltkriegs und somit die Kapitulation Deutschlands noch vor der offiziellen Bekanntgabe. Infolge wurde er gefeuert. Die US-Agentur entschuldigte sich 2012 bei ihm.

Und wohin bewegt sich die Sperrfrist-Thematik derzeit in Journalistenkreisen? „Durch Veränderungen der Medienwelt befinden sich Journalisten zunehmend unter Druck. Es gibt durchaus Gründe, warum Journalisten an Sperrfristen festhalten – etwa weil es praktisch ist –, aber tendenziell wird es weniger, vor allem bei Soft Topics lassen sich diese immer schwerer durchbringen“, zieht Gruber ihre Conclusio. PR-Agenturen werden ihr zufolge weiter versuchen, das Timing zu steuern, was aber nicht zuletzt wegen des sich verändernden Medienverhaltens immer komplexer wird.

Neben all dem ortet sie aber auch einen Gegentrend bei institutionellen Embargos. Organisationen wie Euro­stat oder IWF, die heikle Finanzmarktinformationen publizieren, verschärfen die Sicherheitsmaßnahmen. In den USA gibt es sogenannte „Lock-up“-Räume, von denen besonders Regierungseinrichtungen Gebrauch machen. „Einige wenige Journalisten werden eingeladen, erhalten das Informationsmaterial und werden damit in einem Raum eingesperrt. Während sie ihre Artikel vorbereiten, werden alle Verbindungen nach außen gekappt, bis alle gleichzeitig publizieren dürfen“, führt Gruber aus.

Dieser Artikel erschien bereits am 23. Jänner 2015 in der HORIZONT-Printausgabe 4/2015. Hier geht’s zur Abo-Bestellung.
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