,Es besteht zu wenig Respekt´
 

,Es besteht zu wenig Respekt´

Helmut Brandstätter, derzeit Eigentümer der Beratungsagentur BBC, wird mit 1. August Chefredakteur des "Kurier" – ein Gespräch über Journalismus, Printmedien, die Marke "Kurier" und Vorhaben wie Vorgaben.

Helmut Brandstätter: Darf ich gleich etwas vorweg nehmen? Sie werden verstehen, dass ich heute, am 4. Juni, noch nichts zum "Kurier" sagen will und kann…  

HORIZONT: Einverstanden, dann werden wir drum herum reden… aber sie werden uns erzählen können, wie es zu Ihrem Engagement gekommen ist?

Brandstätter: Ganz einfach: ich gehe auf der Straße und das Telefon läutet und es ist jemand dran, der mir den Vorschlag macht…  

HORIZONT: …der selber den Vorschlag macht oder im Auftrag…?  

Brandstätter: Im Auftrag. Ich habe gesagt Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Und zwar, weil ich ein gut gehendes Unternehmen habe. Und das Schönste im Leben ist die Freiheit, die ich hier genieße. Ich mache tolle Sachen und denke überhaupt nicht daran, mich jemals wieder in ein Angestelltenverhältnis zu begeben. Aber das war ein überzeugender Mensch - ,reden wir doch einfach´ - und dann habe wir geredet… . (seufzt) Da habe ich gespürt, wie die Lust gestiegen ist, noch einmal ein journalistisches Produkt zu gestalten. Dann kam eins zum anderen und dann hab´ ich gesagt: Machen wir es!  

HORIZONT: Wann fand das statt?
 
Brandstätter: Das war heuer im Frühjahr, so im Februar oder März. 

HORIZONT: Am Donnerstag, den 26. April wurde die Personalie bekanntgegeben – wann stand das für Sie fest?  

Brandstätter: Am Freitag davor.  

HORIZONT: Als Sie, ein prononcierter TV-Mann, als designierter Chefredakteur des "Kurier" bekannt gegeben wurden, erinnerte sich die Branche sofort an Robert Hochner und die AZ, Anno 1989/1990 – der kehrte, mit der Erkenntnis, dass TV und Print doch sehr verschiedene Paar Schuhe sind, nach nicht einmal einem Jahr reumütig wieder zum ORF zurück… Nun sind sie natürlich ein anderer Mensch als Robert Hochner, aber TV-geprägt wie er damals. Warum sollte das bei Ihnen funktionieren?  

Brandstätter: (lacht) Erstens: Ich werde nicht zum ORF zurückkehren! Ich habe mich vom ORF sehr glücklich verabschiedet, nachdem ich 15 Jahre mit vollem Einsatz und jeden Tag begeistert für den ORF gearbeitet habe. Ich bin der glücklichste ORF-Angestellte, den es je gegeben hat. Das wird wohl auch damit zusammenhängen, dass ich die Hälfte der Zeit im Ausland verbracht habe. Zum Zweiten: Der Zustand der AZ damals war wohl…hm. Ich selbst habe damals aus demokratischer Überzeugung Aktien gekauft um 2.000 Schilling, um die AZ, die damals gar nicht so schlecht gemacht war, zu unterstützen…Aber das ist alles nicht vergleichbar. Umgekehrt kann man auch – obwohl ich mich mit niemandem vergleichen möchte! – den Fall Franz Kreuzer anführen, der von Print kam und sehr erfolgreich war im Fernsehen. Noch einmal umgekehrt könnte ich Leute nennen, die von Print zum Fernsehen gegangen sind und völlig gescheitert sind. Möchte ich aber nicht. Das waren auch gute Journalisten! Das eine ist Journalismus und das andere ist mit dem Medium umgehen können und wollen.

HORIZONT: Faktum bleibt, dass Ihre Biografie eine TV-Karriere ist…

Brandstätter: Genau. Und ich glaube, es ist in diesen Zeiten von Vorteil, dass man nicht nur auf Print reduziert werden kann. Keiner kann sich dem Faktum entziehen, dass Print und Online zusammenarbeiten. Bei deutschen Zeitungen gibt es inzwischen Beispiele, wo die Redaktionen zusammengehören und aus Online heraus die Zeitung gemacht wird. Damit will ich aber nicht sagen, dass ich an dieses Modell glaube. Woran ich aber zu 100-Prozent glaube, sind Marken. Und ich glaube ebenso zu 100 Prozent, dass es heute schon nicht mehr möglich ist und in ein paar Jahren schon gar nicht mehr möglich sein wird, ein Online-Produkt zu machen oder ein Printprodukt oder ein Fernsehprodukt – weil das zusammengehört! Wie das zusammengehört, wie man das organisiert, et cetera – das sind alles die große Fragen. Aber die Denke ,Wir machen eine Zeitung und rundherum interessiert uns die Welt nicht´ - gibt es nicht mehr.

HORIZONT: Sie haben Ihren ersten Rundgang beim "Kurier" in der Lindengasse schon hinter sich?  

Brandstätter: Ich war mich kurz vorstellen, ich habe inzwischen mit dem Redakteursausschuss ein Gespräch gehabt und habe demnächst ein Gespräch mit dem Betriebsrat. Ich habe angekündigt, dass ich keine Einzelgespräche führen möchte, bevor es am 1. August losgeht, aber natürlich habe ich alle möglichen Konzepte in meinem Kopf und auch zu Papier gebracht.  

HORIZONT: Sind Sie auch Online-Chefredakteur?  

Brandstätter (entschieden): Nein.  

HORIZONT: Ist das gescheit?  

Brandstätter: Naja, ich werde mich jetzt einmal um das eine kümmern und dann um die anderen Fragen. Also: Ich glaube nicht unbedingt nur an Funktionen. Aber klar ist: wenn die Redaktionen nicht zusammenarbeiten, ist die Marke in schlechter Verfassung. Wie man zusammenarbeitet, das werden wir besprechen. Auch die Online-Leute wissen, dass wir miteinander müssen….

HORIZONT: (bezüglich des Buches „Hör.Mir.Zu.“) Stichwort Marke: sie haben ja in eigener Sache mit Ihrem Buch schon Schritte in Richtung Marke/Markenprofil gesetzt – wie würden Sie die Marke Helmut Brandstätter eigentlich positionieren?

Brandstätter: Ecken und Kanten. Entscheidungsfreudig, meinungsfreudig – sehr meinungsfreudig sogar, diskussionsfreudig, keiner Auseinandersetzung aus dem Weg gehen. Und: Ich fürchte mich vor niemandem! Ich fürchte mich … vor Krankheiten.  

HORIZONT: War das immer schon so?  

Brandstätter: Ich bin ein niederösterreichischer Bauernbub –  die Familie meines Vaters kommt aus Küb am Semmering in der Nähe von Payerbach. Niederösterreichische Bauernbuben wissen, dass sie von ihrem eigenen Können und Fleiss abhängig sind und natürlich von der Natur – aber sie wissen auch, dass sie nicht vom Nachbarn abhängig sind. Ich streite nicht gerne mit dem Nachbarn, aber wenn er den Streit sucht, fürchte ich mich nicht davor.

HORIZONT: Sie fürchten sich vor niemandem, aber Respektspersonen haben sie schon – ich denke da an Gerd Bacher, beispielsweise…?  

Brandstätter: Respekt absolut, spielt eine große Rolle: Der Respekt vor Gerd Bacher ist exponentiell gewachsen mit seiner Bereitschaft, über alles und mit allen, die auch wollten und konnten, zu diskutieren. Das war der entscheidende Punkt. Als Korrespondent, musste man seinem Büro melden, wenn man ein paar Tage in Wien war. Dann hieß es oft: ,Kommen Sie und reden wir´. Und so bin ich eine Stunde oder auch mehr dort gesessen und habe in meinem Fall mit ihm über Deutschland diskutiert. Das war jedesmal aufregend und interessant und natürlich waren wir nicht jedesmal einer Meinung. Bacher hat immer die Auseinandersetzung gesucht. Das führt mich zu einem wichtigen Punkt: Meine Wahrnehmung der österreichischen Politik- und Medienlandschaft. Sie stellt sich mir wie eine verlängerte Heurigenbank dar – man redet miteinander, manchmal sauft man auch miteinander – aber manchmal habe ich schon das Gefühl, das da zu wenig Respekt besteht. Sowohl der Politik gegenüber dem Journalismus als auch umgekehrt. Das ist eigentlich mein Zugang und was ich in Deutschland sehr stark erlebt habe: Selbst Helmut Kohl, der sich mit den Journalisten nicht leicht getan hat, hatte zumindest vor einem Teil der Journalisten Respekt und wir hatten vor Helmut Kohl Respekt. Manchmal geht mir das in Österreich ab – Respekt ist die einzige Grundlage, auf der man arbeiten kann. Man weder arbeiten oder persönliche Beziehungen haben, wenn der eine vom anderen abhängig ist. Das ist immer ungleich. Wenn man aber einander respektiert und weiß, was der eine kann und was der andere kann, dann geht das schon. Und so sollte es, glaube ich, zwischen Politik und Wirtschaft zugehen und Politik und Medien – und auch in Redaktionen. Wenn ich für Redakteure keinen Respekt aufbringen kann, tue ich mir auch schwer. Und umgekehrt – wenn die Redaktion den Chefredakteur nicht respektieren kann, weil er es halt nicht kann, tut sie sich auch schwer.

HORIZONT: Im "Falter"-Interview (5. Mai, Ausgabe 18), formulieren Sie: 'Journalismus ist Journalismus, und guter Journalismus ist guter Journalismus.' Könnte Sie das auch mit begrifflichem Leben erfüllen?  

Brandstätter: Was ist guter Journalismus? Sicher nicht die Frage Print oder Online oder TV. Sondern: Neugierig zu sein, aber auch in der Lage zu sein, seinem Publikum zu vermitteln, was man herausgefunden hat. Das aber auch in der Form, in der Art der Aufbereitung. Letztlich geht es darum, Geschichten zu erzählen – das kann das Fernsehen heute immer weniger, finde ich, und die Zeitungen machen das auch zu wenig. Ich sage in meinen Vorträgen immer, dass es nur zwei Dinge gibt, die wir uns merken: Nämlich Bilder und Geschichten. Deswegen ist die Auswahl der Bilder so wesentlich, weil das ja etwas zeigt und deshalb verwenden PR Agenturen auch viel Geld und Zeit darauf – und das Geschichten erzählen ist etwas, das die Menscheit macht seit sie auf der Erde ist, und ich habe das Gefühl, das kommt ziemlich zu kurz. Wobei beispielsweise Wirtschaft und Politik immer schwerer auseinanderzuhalten ist – was ist zum Beispiel die ÖBB? Die werden immer mehr ein politisches Thema und weniger ein Wirtschaftsthema. Oder die Hypo Alpe Adria…das dem Leser zu erklären und zu vermitteln, was daran politisch und was daran wirtschaftlich ist halte ich für eine riesige Aufgabe. Da tun sich Zeitungen manchmal schwer, weil sie solche Themen in dem oder dem Ressort spielen. Mich interessieren Ressortzuständigkeiten überhaupt nicht. Ich sehe alles, was wir Journalisten tun, nur aus dem Blickpunkt des Lesers – und der denkt nicht in Ressorts, der denkt in Geschichten.  

HORIZONT: Ihre TV-Journalismus-Biografie ist von Politik und Wirtschaft geprägt – beim ORF sowieso, auch bei n-tv…  

Brandstätter: Also auf Politik und Wirtschaft lasse ich mich nicht reduzieren. Bei n-tv habe ich beispielsweise das Format „Maischberger“ eingeführt und eines meiner schönsten Interviews habe ich mit Cecilia Bartoli geführt. Oder nehmen Sie puls-tv: Da haben wir gezeigt, dass Information durchaus unterhaltsam sein kann – ich habe dort das Frühstücksfernsehen eingeführt und die ersten Wahlsendungen gemacht, davon zehrt der Sender heute noch… . Ich beschäftige mich auch sehr intensiv jeden Tag mit der Society-Seite des Kurier… Zeitungen müssen auch Unterhalten! Die Frage ist: Welche Funktion hat eine Zeitung heute noch? Informieren, unterhalten, und dann glaube ich ganz sicher Sicherheit geben. Die Leser müssen sich auskennen. Die Leute sind overnewesed – es ist ja alles vorhanden, gerade auch durch das Internet. Aber: was heißt das eigentlich? Was ist die Analyse, was heißt das für mich, wie kann ich das einordnen? Die Zeitung muss also Sicherheit geben: Wenn ich in der Früh die Zeitung lese muss ich das Gefühl haben ,Wie geht es in den Tag hinein´?  

HORIZONT: Also keine Bedenken wegen des Medienkanal-Wechsels?

Brandstätter: Ich komme nicht nur von elektronischen Medien zu Print, sondern war auch auf der anderen Seite, der PR. Etwas, das in Österreich ungewöhnlich ist aber beruflicher Wechsel tut generell gut. Ich bin der Meinung, man vier Jahre Politiker sein dürfen und dann wieder einen anderen Beruf haben dürfen, was in anderen Ländern ganz normal ist. Natürlich habe ich hier bei BBC als Dienstleister für meine Kunden gearbeitet – wie ich glaube mit Engagement und auch Erfolg – und sehr wohl den Journalismus verstehend. Das ist ja der Grund, warum man sich eine PR Agentur auch sucht – weil viele Kunden mit Medien und Journalisten nicht umgehen können. Deshalb ist es auch sinnvoll, beides zu verstehen. Es schadet aber auch einem Journalisten überhaupt nicht, zu verstehen, wie die anderen ticken. Beide Seiten zu kennen, halte ich für einen Vorteil. Ich glaube einschätzen zu können, was sich Unternehmen oder Politiker – über wen eben berichtet wird – mit Grund von Medien erwarten dürfen. Und was sie sich nicht erwarten dürfen. Dass zu einer funktionierenden Demokratie freie Medien gehören, die nach bestem Wissen und Gewissen berichten können, das ist ganz wesentlichen. Das ist keine Frage des Standpunkts, ob ich auf der journalistischen, auf der PR- oder politischen Seite bin. Das ist mein Standpunkt als Demokrat – dass es unabhängige freie Medien geben muss, wo die Medien nicht versuchen sollen, sich Dinge durch Freundlichkeiten bei der Politik zu kaufen und wo die Wirtschaft nicht versuchen soll, sich Dinge bei Medien zu kaufen sondern man sich mit Abstand und Respekt einander gegenüber steht. Das ist natürlich ein bisschen ein Idealbild – aber ich glauben, daran soll man schon arbeiten.

HORIZONT: Was ist ihre persönliche Lese-Liste?

Brandstätter: Ganz ehrlich: Zu Hause habe ich "Kurier" und "Presse", hier im Büro die FTD "Financial Times Deutschland", "Die Zeit", dann lese ich auch das neu gemachte "Handelsblatt" – da ich verschiedene Sprachen spreche, kaufe ich gelegentlich italienische, spanische, französische, englische Zeitungen… Den "Standard" lese ich eher Online. Aber ich schaue auch gern in die "Huffington Post" hinein oder tmz.com, weil ich wissen will, was es in Hollywood Neues gibt – und natürlich Aktienkurse.

HORIZONT: Zurück zum "Kurier": Bereits zum Jahreswechsel verlautete, dass eine Art „Tageschefredakteur“ neben Christoph Kotanko gesucht wurde – das war in den Gesprächen mit Ihnen ein Thema?

Brandstätter: Nein, das war da schon vom Tisch. An Doppelspitzen glaube ich nicht. Ich glaube an klare Verantwortlichkeiten.

HORIZONT: Nun liegt zwischen dem 26. April und dem 1. August viel Zeit – warum so viel Zeit?

Brandstätter: Ich habe gesagt, dass ich den "Kurier" nicht machen kann, solange ich die Firma nicht verkauft habe. Beides kann man nicht gleichzeitig machen und ich weiss, dass das nicht in drei Tagen geht. Und ich habe hier bei BBC eine nicht geringe Anzahl Kunden, mit denen ich einen Vertag habe – und die ich am gleichen Tag angerufen habe und ihnen sagen konnte, dass ich die Verträge erfülle und die Firma mit Nachfolgern noch weiter bestehen wird. Es sind ja fünf Mitarbeiter da, es gibt Bettina Pepek als Geschäftsführerin. Ich gehe davon aus, dass der Verkauf Ende Juli erledigt sein wird.

HORIZONT: Welche Reaktionen haben Sie zu Ihrer Designierung erfahren?

Brandstätter: Naja, Wolfgang Rosam hat mich gefragt, warum ich meine Freiheit aufgebe. Ich habe ihm gesagt, dass ich frei bleibe, zu sagen und zu schreiben was ich für richtig halte. Und sehr viele haben gesagt ,Tolle Herausforderung´!

HORIZONT: Verbessert oder verschlechtert sich Ihr Einkommen?

Brandstätter: Kommt auf das Jahr an. 2009 war ein ordentliches Jahr, 2008 war sehr gut, aber generell war das Finanzielle nicht ausschlaggebend. Ich habe beim "Kurier" auch eine Erfolgstangente…  

HORIZONT: …die sich worauf bezieht – Verkaufsauflage, Reichweite?

Brandstätter: Sag´ ich nicht - über Vertragsinhalte spreche ich nicht. Aber ich bin sehr für den Leistungsgedanken und dafür, dass man Leistung belohnen soll – für Leistung soll man einen Bonus bekommen, auch wenn die öffentliche Meinung eine andere ist. Es ist ja eine Frage der Größenordnung. Ein Vielfaches des Einkommens für kurzfristige Erfolge ist natürlich absurd, aber für langfristige Erfolge ist das in Ordnung.

HORIZONT: Sie haben ja einen Überblick auf deutsche Verhältnisse – wo würden Sie das einordnen?

Brandstätter: Gar nicht soviel Unterschied…bei n-tv war das allerdings sehr leistungsabhängig.

HORIZONT: Wieviele Mitarbeiter hatten sie da?

Brandstätter: In der Spitze 400.

HORIZONT: Im Geschäftsbericht des Eigentümers Medicur wird für 2009 der Kurier mit einem Umsatz von 107 Millionen Euro und 250 Mitarbeitern angeführt – wieviele Mitarbeiter ressortieren zu Ihnen?

Brandstätter: Das weiß ich im Detail noch gar nicht, ich bin ja noch nicht dort – aber ich gehe einmal davon aus, dass es keine Entscheidung ohne mich geben wird. (lacht auf)Sag´ ich einmal so… . Ich nehme das sehr ernst – ob ich hier bei BBC für fünf Menschen verantwortlich bin oder beim "Kurier" für 100 oder 250 – es sind Menschen, für die ich verantwortlich bin. Da ich das sehr ernst nehme, weiß ich, dass das sehr zeitaufwändig ist. Führung heißt ja nicht einfach vorgeben, sondern auch sich auseinandersetzen. Aber das braucht auch Organisation – ich denke nicht in Kategorien von Vorgaben, sondern eher im Zugang ,Was funktioniert? Was funktioniert nicht?´ Was ich installieren will nach dem ersten oberflächlichen Eindruck ist ein echter Newsroom, so wie ihn beispielsweise Österreich auch hat. Wo die Redakteure zusammen sitzen… Aber auch das werde ich nicht von außen dekretieren, sondern mir anschauen, besprechen, herausfinden. Ich will die Zeitung miteinander machen, nicht einfach einteilen. Und um das auch klar zu sagen: Mit dem Christoph Kotanko, den ich schon lange kenne, habe ich sehr gute und intensive Gespräche, wir tauschen uns aus und er steht mit seinem Wissen schon jetzt zur Seite, wofür ich sehr dankbar bin…

HORIZONT: Kommen wir zur Marke "Kurier" – wie würden Sie die Marke hic et nunc beschreiben?

Brandstätter: Die Marke "Kurier"…Wir alle sind mit dem "Kurier" aufgewachsen, das war doch immer die Familienzeitung. Das ist ja nichts Schlechtes. Der "Kurier" ist also eine Zeitung für die ganze Familie, auch die Bücher-Struktur spricht ja dafür, sodass unterschiedlich interessierte Familienmitglieder Unterschiedliches lesen können, ohne warten zu müssen. Ich glaube aber, dass man die Marke trotzdem schärfen kann im Meinungsbereich – daran kann man arbeiten. Heißt: Es deutlicher sagen. Im Fall Rosenkranz hab´ ich mit Freude das „So geht das nicht´ im "Kurier" gelesen – wenn jemand die österreichische Geschichte nicht kennen will, dann soll er bitte nicht für das höchste Amt im Staat kandidieren. Das muss man schon deutlich sagen. Das ist zwar ein Extremfall, aber das Prinzip gilt: Es deutlich, deutlicher sagen.

HORIZONT: Jetzt haben Sie ja doch auch über den Kurier gesprochen. Letzte Frage: Ein neuer Mann erhält auch Vorgaben – was ist die Vorgabe für Helmut Brandstätter beim "Kurier"?

Brandstätter (ganz direkt): Mehr Zeitung verkaufen! … also: Marktanteile gewinnen, stärker werden…das ist, glaube ich, der wesentliche Punkt.  
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