Ernst Haupt-Stummer: Das musische Multitalent
 

Ernst Haupt-Stummer: Das musische Multitalent

Margarethe Haupt-Stummer
Ernst Haupt-Stummer neben einer seiner Skulpturen, dem „Fischer am Teich“.
Ernst Haupt-Stummer neben einer seiner Skulpturen, dem „Fischer am Teich“.

Aufgewachsen in der Slowakei musste Ernst Haupt-Stummer nach dem Zweiten Weltkrieg nach Österreich fliehen. Hier baute er seine neue Existenz auf – eine der wichtigsten Werbeagenturen zwischen den 70er- und 90er-Jahren. Heute lebt er seine musischen Talente aus und betätigt sich als Maler, Musiker und Schriftsteller.

Dieser Artikel ist zuerst in Ausgabe Nr. 15/2018 des HORIZONT erschienen. Noch kein Abo? Hier klicken!

Sein erstes Werbebüro eröffnete er in der Wiener Innenstadt mit nobler Adresse auf der Freyung – ein kleines Untermietzimmer um 200 Schilling im Monat. Aus dem ausrangierten Bügeltisch seiner Mutter bastelte er sich einen Schreibtisch, und wenn sich ein Kunde anmeldete, musste seine Schwester Sekretärin spielen und in die Schreibmaschinentasten hauen. „Die konnte gar nicht tippen, sie tat nur so, aber es sah sehr geschäftig aus“, lacht der frühere Agenturchef, wenn er an die Anfänge seiner Karriere denkt. Das zweite Büro siedelte er an einer nicht minder attraktiven Adresse an: im alten Hochhaus in der Herrengasse mit immerhin schon drei Räumen. Und einem Mitarbeiter, der ihm 15 Jahre die Treue hielt, Dr. Wolfgang Lieben-Seutter. Allerdings trennten sich ihre Wege: Als Lieben- Seutter 50 Prozent Anteile wollte, ließ Haupt-Stummer ihn gehen. Auf seine Unabhängigkeit wollte er auf keinen Fall verzichten.

50 Leute auf 1000 Quadratmetern

Als die Agentur Ende der 60er-Jahre aus allen Nähten platzte, zog man weiter. Die Adresse Reisnerstraße war nun nicht mehr so nobel, dafür residierte man imperial; ein altes herrschaftliches Palais mit Keramikkaminen, Flügeltüren und Stuck an der Decke. Die Agentur Haupt-Stummer zählte dort zuletzt 50 Mitarbeiter, die sich auf 1000 Quadratmetern tummeln durften. Es wurde viel gefeiert in dieser Zeit und Haupt-Stummer kam morgens oft mit Schädelweh in sein Chefbüro. Längst beschäftigte er eine „richtige“ Sekretärin, der er dann im Kopfstand diktierte. „Damit das Blut in den Kopf kam und ich wieder denken konnte!“ Ein besonders cleverer Coup war Haupt- Stummers Gründung einer eigenen PR-Agentur, der ersten in Österreich, namens Pubrel, denn seine Kunden hatten vermehrt den Wunsch geäußert, ihre Werbetätigkeiten auch redaktionell breitenwirksam publiziert zu sehen. „Ich betreute auch Kunden von Young & Rubicam, die damals noch ohne eigenes Büro in Österreich agierten“, erzählt Haupt- Stummer, und als es dann soweit war, wollten sie ihn kaufen. Er sagte Nein, denn wieder ging ihm seine Unabhängigkeit über alles, auch wenn er nun alle Y&R-Kunden verlor. Er spürte, der finale lukrativ beste Deal stand erst bevor.

Der Deal mit Sorrell

Vorerst setzte Haupt-Stummer in den 70ern und 80ern mit bemerkenswerten Kampagnen Zeichen und rangierte in der Agenturliste meistens unter den Top zehn. Er hatte Talent für gute Leute. Rudi Kobza verdiente hier seine Sporen und Walter Holiczki, sein ehemaliger Agenturleiter und späterer Geschäftsführer, begleitete Haupt-Stummer über 20 Jahre. Auch sein Talent fürs Geschäftliche, zum Unternehmertum war ausgeprägt. „Die 15 Prozent Agenturprovision wurden ja noch komplett bezahlt!“ bestätigt er rückblickend. Als Martin Sorrell anklopfte, stand die Agentur Haupt-Stummer bestens da. Ihr Eigentümer war nun bereit, zu fusionieren. Sorrell bot das Dreifache und Haupt-Stummer konnte die Geschäfte noch fünf Jahre weiterführen. Noch einmal bestand er auf seiner Unabhängigkeit, niemand sollte ihm in diesen fünf Jahren reinreden dürfen. Sorrell willigte ein und hat sich an die Abmachung gehalten. Fortan hieß die Agentur Haupt-Stummer Thompson.

Flucht aus dem Paradies

Die wahren Talente des Ernst Haupt- Stummer blieben aber über all die geschäftigen Agenturjahre fast verborgen. Aufgewachsen quasi mit dem Silberlöffel erlebte er eine unbeschwerte Kindheit in der Slowakei. Inmitten der kleinen Karpaten erblickte Klein-Ernst im Südostturm des Schlosses Tavarnok 1933 das Licht der Welt. Seine Vorfahren waren zu Vermögen und Ansehen gekommen, erst durch Salz-, dann durch Zuckerhandel. Die weitverzweigte Familie lebte in sechs Schlössern der Umgebung. Im Haushalt der Haupt-Stummers gab es neun Dienstmädchen, Personal für Fuhrpark, Wäscherei, Heizung und zwei Gouvernanten für die Erziehung der Kinder. Der kleine Ernst lernte Geige und Klavier und wuchs im Geiste eines humanistischen und sehr kultivierten Elternhauses auf. Im großen Saal des Schlosses wurden Theaterstücke aufgeführt, Kammermusik gespielt, Lesungen abgehalten. Sein Vater betätigte sich als Bildhauer, die Mutter als Sängerin. Eine Kindheit wie im Märchen, die bis zum Sommer vor Kriegsende andauerte. Die Ohren des 12-jährigen Buben hatten bis dahin nur Wohlklänge gehört. Eines Morgens, Mitte August, vernahm er ein seltsames Geräusch am Himmel, ein tiefes, bedrohliches Brummen, als ob der ganze Himmel ein riesiges seltsames Musikinstrument wäre – viermotorige amerikanische Bomber, die im Angriff auf Wien über die noch friedliche Landschaft Tavarnok flogen. Erste Vorboten der bevorstehenden Katastrophe. In Tavarnok fielen die Partisanen ein, die Haupt-Stummers wären enteignet worden. Lieber flohen sie aus ihrem Paradies und ließen all ihr Hab und Gut zurück.

Der andere Haupt-Stummer

Haupt-Stummer sah sich nun in der Verantwortung, seine Familie zu unterstützen. Mit eisernem Willen baute er sein Unternehmen auf. „Ich war nicht der typische Werbemann, der in seinem Job aufgeht, eher der Unternehmer, der gute Leute beschäftigt“, erklärt er. Und er fügt hinzu, dass er sein ganzes Leben nicht „arbeitete“, sondern „leitete“. „Es gibt zweierlei Menschen: Die einen sind die Pferde, die ziehen, und die anderen, die im Wagen sitzen und kutschieren. Beide Teile sind gleich wichtig, ohne den einen geht das andere nicht. Ich habe immer gute Pferde gehabt, sie betreut, bei Laune gehalten, Streicheleinheiten verteilt. Das war mein Job.“ Seinem musischen Talent frönte er an den Wochenenden, mit professionellen Musikern spielte er Kammermusik, seine Leidenschaft für Kunst und Kultur ließ ihn nie los. Aber erst jetzt, im fortgeschrittenen Alter und ohne Agenturstress, kann er auf der gesamten Klaviatur spielen. Besonders liegen ihm musikalische junge Talente am Herzen. „Ich habe ein Gespür für Talente. Die jungen Leute haben kein Geld und miserable Instrumente. Ich coache und finanziere sie, damit sie sich voll auf ihr Musikstudium konzentrieren können“, erzählt Haupt- Stummer von seiner Passion. Patricia Kopatchinskaja ist so ein Fall. Die junge Geigerin verdankt dem Mäzen ihre Karriere, die gebürtige Moldavierin spielt mittlerweile in allen großen europäischen Konzerthäusern.

‚Die dunklen Dinge müssen raus‘

Das eigene Geigenspiel lassen seine Finger nicht mehr zu, auch der Kopf reagiert nicht mehr so schnell. Nun lässt er geigen, sagt er schmunzelnd. Schreiben und Malen geht aber immer noch – vorwiegend akribische monumentale Bleistiftzeichnungen. Er sieht Bilder, wenn er Musik hört und transferiert Symphonien von Schostakowitsch, Bruckner und Beethoven in eine andere Dimension, in die Optik. Die Bilder machen Angst, Hieronymus Bosch lässt grüßen. Hat er Dämonen im Kopf? „Ich bin ein optimistischer Mensch. Aber die dunklen Dinge in mir müssen raus, dadurch werde ich leichter“, erklärt er seine mystischen Sujets, die zuhauf in der Villa im 18. Bezirk hängen und im Garten als Skulpturen stehen. Zu seinem 80er hat er im Wiener Künstlerhaus ausgestellt. Seine beiden Kinder sind ebenfalls kreative Talente. Max betreibt das Atelier section.d (wie Design), Christine section.a (wie Art). Das liegt bei den Haupt-Stummers wohl in den Genen.

[Suzanne Sudermann]


Zur Person

Ernst Haupt-Stummer wurde 1933 in im heutigen Tovarníky, Slowakei, geboren. 1945 floh die Familie nach Österreich. Er studierte ein Jahr Bühnenbildnerei an der Akademie der bildenden Künste Wien und ein Jahr Betriebs- und Volkswirtschaft in München. Seine Werbeagentur gründete er 1958 und die erste PR-Agentur namens Pubrel 1964. Aus der Werbe- und PR-Branche zog er sich 1994 zurück und widmet sich seitdem der Kunst und Musik.

stats