Entwicklung DAB+: Auf digitalen (Um-)Wegen
 
Entwicklung DAB+

Auf digitalen (Um-)Wegen

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Der Ausbau des digitalen Antennenradios DAB+ schreitet schneller als geplant voran – und doch bleiben die großen Player bisher aus. Eine Spurensuche.

Gute Laune, wenn der Wecker in aller Früh klingelt? Was Morgenmuffel lediglich ein müdes Gähnen kostet, geht zumindest in der aktuellen DAB+-Kampagne – inklusive rhythmischer Bewegungen zur Musik – mühelos von der Hand. „Mehr Spaß“, lautet die Botschaft der Anfang Dezember lancierten Kampagne. Der Verein Digitalradio Österreich bezeichnete diese als „die bisher größte Werbekampagne der privaten Radiosender in Österreich“. Bruttowerbewert: knapp zwei Millionen Euro.

Schnell in der Nische

Der Zeitpunkt für die breit angelegte Kampagne war kein zufällig gewählter, gab es doch Erfolge zu kommunizieren. Schneller als erwartet breitet DAB+ sein Netz über Österreich aus. So erfolgte die zweite Ausbauphase, die erst für Ende März 2020 geplant war, bereits am 11. Dezember. 77 Prozent der heimischen Bevölkerung werden damit mit DAB+ versorgt. Durch die vorgezogene Netzabdeckung verschieben sich auch die weiteren Ausbaustufen nach vorne: Am 26. Mai kommen die Sender Bruck Mur-Mugel sowie ­Rechnitz-Hirschenstein dazu, die letzte Stufe in Kärnten erfolgt am 25. August. 83 Prozent der Österreicher sollen bis dahin DAB+ empfangen können.


Auch immer mehr Sender surfen auf der digitalen Radiowelle mit: Neun nationale – darunter Radio Energy, Radio 88.6, Arabella Plus und jö.live – sowie acht regionale Digitalradios waren beim Start vergangenen April dabei. Mittlerweile ist die Digitalradio-Familie auf 22 Sender gewachsen. Den in der Werbekampagne bemühten Spaß am Digitalradio haben allerdings weitgehend tendenziell kleinere Sender entdeckt. Unter den Neuankömmlingen finden sich wenig breitenwirksame Namen wie Radio Fantasy, High Live Radio, Hood Music oder Radio SOL. Große Player wie der ORF mit Ö1, Ö3, FM4 und den Regionalradios sowie kronehit wollen sich dem DAB+-Verbund weiterhin nicht anschließen.

Streaming first

Der ORF soll dem Vernehmen nach für zusätzlichen Ärger in der DAB+-Familie gesorgt haben. Im Vorfeld der Regierungsverhandlungen soll bei Türkis und Grün ­gegen DAB+ interveniert worden sein, hieß es von einem DAB+-Betreiber im Dezember gegenüber der Wiener ­Zeitung. ORF-Chef Alexander ­Wrabetz soll dabei hinter verschlossenen Türen DAB+ als „Totgeburt“ bezeichnet haben.


Schon im Vorfeld des DAB+ Starts hatte Wrabetz hinsichtlich einer ORF-Teilnahme abgewunken, da er die Radiozukunft im Streaming sehe. Außerdem gilt DAB+ im Öffentlich-Rechtlichen als Übergangstechnologie. Vor allem die neue Mobilfunkgeneration 5G und deren Broadcast-Modus seien auf lange Sicht lukrativer. Auch Radiochefin Monika Eigensperger bekräftigte kürzlich gegenüber dem Standard ihre Zukunftshoffnungen in 5G – wie auch die bestehende Ablehnung gegenüber DAB+. Ein zusätzliches Angebot sei dem ORF gesetzlich nicht erlaubt. Und: „Für mich als Konsumentin ist es nicht besonders attraktiv, mir ein neues Kastl zu kaufen, wenn ich dort nichts Neues bekomme.“

„Für mich als Konsumentin ist es nicht besonders attraktiv, mir ein neues Kastl zu kaufen, wenn ich dort nichts Neues bekomme.“
Monika Eigensperger, ORF Radiodirektorin

2015 wollte der ORF noch unter dem Arbeitstitel „Ö3X“ für eine jüngere Zielgruppe im DAB+-Testbetrieb für Wien starten – eine klare Abwehrmaßnahme gegen kronehit mit dessen Fokus auf jüngere, für die Werbewirtschaft attraktive Mainstream-Hörer. Das Vorhaben scheiterte an jenem geltenden ORF-Gesetz, das Türkis-Grün laut ersten Bekundungen fit für die digitale Medienrealität machen will. Die Jungen sah Eigensperger im Standard-Interview damit nun wohl nicht zufällig über Smartphone, Smartspeaker sowie Computer – und nicht mehr über DAB+ erreicht. Aus ähnlichen Beweggründen entschied man sich auch bei kronehit gegen eine Teilnahme am DAB+-Netz. Man setze „im digitalen Bereich voll auf eine Zukunft im Internet, mit modernen Features, die ein klassisches Rundfunksystem nicht bieten kann“, hieß es in einem Statement des Senders auf Facebook.

Politische Richtlinien-Hoffnungen

Dass die großen Player sich nicht für DAB+ begeistern, liegt wohl auch daran, dass Radiogeräte hierzulande teils noch immer ohne DAB-Empfangsmöglichkeit verkauft werden. In einem gemeinsamen Brief an den damals noch zuständigen Verkehrsminister Andreas ­Reichhardt und Medienminister ­Alexander Schallenberg sprachen sich mehrere Branchenverbände – darunter VÖP, VÖZ und der Verein Digitalradio Österreich – dafür aus, auch in Österreich eine DAB+-Empfangspflicht für alle Radioempfangsgeräte einzuführen. Dabei beziehen sie sich auf eine EU-Richtlinie, die den Verkauf von Radiogeräten ohne DAB+-Empfang bereits einschränkt. Diese sei jedoch in ­Österreich noch nicht umgesetzt.


Ob und wann die Regierung hier Schritte setzt, ist die große Zukunftsfrage für Digitalradio in Österreich – wie auch die Frage, ob steigende DAB+-Marktanteile UKW-Platzhirsche wie den ORF und kronehit zum Umdenken bewegen. Ein Blick über den nationalen Tellerrand, konkret nach Deutschland, hält erste Antworten bereit: Nur dort, wo das UKW-Spektrum bereits komplett auf DAB+ abgebildet ist und zudem neue Anbieter um die Gunst der Hörer buhlen, ist DAB+ erfolgreich. Wo die großen Sender nicht auf DAB+ zu empfangen sind, reicht Hörern häufig ihr altes UKW-Gerät. Das funktionierte so lange, bis die Marktanteile für DAB+ doch zu groß geworden sind, etwa in Berlin und Brandenburg, wo auch bisherige Gegner von DAB+ wie RTL nun doch beim digital-terrestrischen Radio mitmachen. Auch in Frankreich sind Radio France und die großen Privatradio-Gruppen nach langen Blockaden mittlerweile Teil des digitalen Radionetzes.

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