Einstimmiger Interpretationsspielraum
 

Einstimmiger Interpretationsspielraum

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ORF-Standort: Beschluss im Stiftungsrat zu "größtmöglicher Zusammenführung am Küniglberg" - Was das bedeutet, darüber gehen die Meinungen auseinander - Ein Kommentar

Die monatelange ORF-Standortdebatte, die sich für alle Beteiligten recht unerquicklich auf das Politikum "St. Marx, ja oder nein?" zugespitzt hatte, ist am Donnerstag vom ORF-Stiftungsrat endbehandelt worden. Ein einstimmiger Beschluss zum Antrag von Generaldirektor Alexander Wrabetz verabschiedete eine "größtmögliche Zusammenführung am Küniglberg". Wrabetz will die Gespräche mit der Stadt Wien "ordentlich weiterführen", Finanzdirektor Richard Grasl, der als Gegner von St. Marx gilt, sah hingegen einen "Schlussstrich" in der Debatte. So weit, so klar, so uneindeutig.

Schon wenige Stunden später, bei der ORF-Programmpräsentation, wo sich die Hauptakteure ein paar Stockwerke tiefer bei Häppchen und Getränken unter die übrigen Gäste mischten, verfestigte sich der Interpretationsspielraum: "St. Marx ist tot", war die Lesart jener, die - parteipolitisch nicht unverdächtig - schon von Beginn an den Standortwunsch der roten Wiener Stadtregierung zu verhindern suchten. Andere, die dem neuen Standort immer schon freundlicher gegenüberstanden, sahen keinen letztendlichen Beschluss in dieser Sache.

Wer für St. Marx ist, schielt schon jetzt auf eine Hintertür: Zwar wird vordergründig eine Konzentration am Küniglberg angestrebt, ob dies aber räumlich möglich ist, wird sich erst zeigen, wenn der Raum- und Funktionsplan des damit beauftragten deutschen Experten Bert Müller steht. Auf Grundlage seiner "standortneutralen" Vorschläge wird ein Architektenwettbewerb abgehalten. Ein langfristiger Prozess, in Rahmen dessen man auch draufkommen könnte, dass sich die am Donnerstag "einstimmig" beschlossenen Pläne nicht ausgehen. Dann wird der heutige Interpretationsspielraum schnell zu einem Plan B. Und der würde wohl St. Marx heißen, politisch günstigere Vorzeichen vorausgesetzt.

Lediglich eines ist klar: Der Standort Heiligenstadt, wo bisher ORF-Online und Ö3 beheimatet sind, hat keine Zukunft mehr. Zumindest dieses Faktum tröstete faktentreue Berichterstatter, die sich am Donnerstag aus der Melange der diametralen Deutungen ihren Reim machen mussten und kopfschüttelnd dem Redaktionsschluss entgegenblickten. Zumindest fad wird das Thema nicht werden. Auch das ist ein Trost.
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