Ein Tropfen namens Niko
 

Ein Tropfen namens Niko

Editorial von Sebastian Loudon

Fassungslosigkeit - das ist die große gemeinsame Gefühlsregung, in der sich alle Beobachter der Causa Pelinka vereint sehen. Die einen sind fassungslos über den vermeintlichen dreisten Zugriff der SPÖ auf den ORF, den sie mit dieser Personalie verbunden sehen. Andere sind fassungslos darüber, wie atemberaubend patschert das ORF-Management bei der Planung und Umsetzung einer delikaten Personalie umgeht. Wieder andere sind schlicht fassungslos darüber, dass die Affäre um einen 25-Jährigen, der Büroleiter des ORF-Chefs werden soll, über so lange Zeit solch unglaubliche Wellen schlägt - als gäbe es nichts Wichtigeres. Elfriede Jelinek ist auch fassungslos und erzeugt mit ihrer persönlichen Verbal-Hinrichtung Pelinkas selbst wieder Fassungslosigkeit. Und Alexander Wrabetz ist fassungslos ob der vorherrschenden Fassungslosigkeit, denn damit hat er bestimmt nicht gerechnet, als er die Verkündung des geplanten Pelinka-Engagements und weiterer in Wahrheit ebenso grauslicher Polit-Bestellungen für den Vorabend des Heiligen Abends ansetzte. Der taktische Trick hätte vielleicht vor ein paar Jahren sogar funktionieren können, aber nicht zum Jahreswechsel 2011/2012. Heute sorgen Twitter & Co. als schnelle Brüter der kollektiven Erregung dafür, dass ein Aufregerthema auch über die Weihnachtsfeiertage und Silvester hinweg am Köcheln bleibt. 

Nun haben wir Mitte Jänner, und der Pelinka-Shitstorm - pardon, aber so nennt man eine digitale Protestwelle nun einmal - ist voll im Gange. Dafür sorgen nicht nur die Aufgeregten, sondern auch die Aufreger selbst, mit weiteren Fassungslosigkeit erzeugenden Torheiten, seien es E-Mails an die "ehemaligen" Fraktionskollegen oder väterliche Watschenandrohungen im Falter. Hier ist einigen Herrschaften etwas so fundamental entglitten, dass man sich fragt: Wie konnte es so weit kommen? Die Antwort ist vielschichtig. 

Niko Pelinka ist zweifellos eine polarisierende Figur - sein Auftreten, sein Aussehen, seine Herkunft machen es der Beobachterschar scheinbar unmöglich, ihn nicht als karrieregeilen Schnösel abzutun, und das mitunter mit verstörender Boshaftigkeit. Verblüffend nur, dass jene, die mit ihm zusammenarbeiten - und unverdächtig sind, jener SPÖ-Clique anzugehören, die mitverantwortlich ist für dieses Schlamassel - in den höchsten Tönen von ihm sprechen. "Der Niko würde das Niveau des Intellekts im sechsten Stock des ORF-Zentrums mit einem Schlag in die Höhe schnellen lassen", sagt ein ORF-Mann, dem man zutraut, dies beurteilen zu können. Ganz substanzlos scheint er also nicht zu sein. Doch dann gibt es diese Bilder und ihre Macht. Pelinka als Einflüsterer (siehe Seite 1), als Strippenzieher, als Partygast an Wrabetz' Seite, beide mit eindeutig zu weit aufgeknöpftem Hemd - diese Bilder sind das lange Vorspiel dieser Erregung, ebenso wie die monatelangen Gerüchte und die im Nachhinein skurril anmutenden Dementis. 

Eine weitere Zutat für den Aufregercocktail: die diffusen Vorstellungen über die Macht und Tätigkeit eines Büroleiters. Dieser Job hat tatsächlich viele Facetten. Ja, es gibt Büroleiter, die brav PowerPoint-Folien durchsortieren und unbeholfene Entwürfe für Reden schreiben. Es gibt aber auch Büroleiter, auf die der Spruch "You're the boss, so do what I say" zutrifft, die also schon allein durch die Art und Weise, wie sie die Entscheidungsfindung ihres Chefs vorbereiten, einen ungeheuren Einfluss haben. Zudem hat man im ORF mit diffusen Stabstellen bereits einschlägige Erfahrungen gemacht. Pius Strobl war im ORF-Organigramm Leiter der Doppel-Hauptabteilung Marketing und Kommunikation, seinen wahren Einfluss zog er allerdings aus der Position als Wrabetz' engster Mitarbeiter. Dieses Naheverhältnis zum Letztentscheider ist es, was Macht vermittelt, und was trotz der verniedlichenden Bezeichnung als Büroleiter die ORF-Journalisten in einem noch nie dagewesenen Ausmaß auf die Barrikaden bringt. 

Bleibt die Frage: Wieso tut sich Wrabetz das zu Beginn seiner zweiten Amtsperiode eigentlich an? Und hier gibt es bis hinauf in die obersten Sphären von ORF-Insidern zwei diametrale Meinungen. Die einen - dazu zählt etwa Armin Wolf, seit 2006 Gallionsfigur der Bemühungen der ORF-Journalisten um Unabhängigkeit - meinen: Die SPÖ habe Wrabetz Pelinka aufs Aug' gedrückt, er sei "politisch erpresst" worden, ihn in seinen engsten Kreis zu holen. Ein Riesenblödsinn, sagen die anderen: Der ORF-Generaldirektor sei "regelrecht vernarrt" in den jungen Vifzack, nicht allerdings erst, wie vielfach dargestellt, seit dessen Orchestrierung der Wiederwahl. Vielmehr verdanke Wrabetz Pelinka sein berufliches Überleben aus jener Zeit, als die SPÖ-Spitze ihn noch partout ablösen wollte. Damals habe Pelinka sich für Wrabetz ins Zeug gelegt, und das soll der Grundstein für das besondere Vertrauensverhältnis zwischen den beiden gewesen sein. Dieses Vertrauen und die zweifellos wohlwollende Zurkenntnisnahme des Jobwechsels durch die SPÖ sollen Wrabetz für die zu erwartenden Reaktionen blind gemacht haben. Dramatisch wurde es aber erst durch die verheerend unprofessionelle Vorgehensweise bei Bekanntgabe der Besetzung samt nachfolgender Ausschreibung des Postens. "Das ist der Fluch der bösen Tat", seufzt ein ORF-Mann und erinnert an den Rausschmiss des langjährigen Administrationschefs Wolfgang Buchner. Denn: "Mit Buchner im Haus wäre so eine Dummheit nie passiert." 

War es also aus eigenem Antrieb, garniert mit mangelndem Spürsinn für die internen und externen Reaktionen oder ein eiskalter politischer Auftrag aus der SPÖ-Zentrale? Vermutlich eine Kombination von beidem. Der Schaden jedenfalls ist für alle Beteiligten - den ORF, sein Management, die SPÖ und die Familie Pelinka - verheerend. Niko Pelinka - davon ist auszugehen - wird diesen Job in der geplanten Form nie antreten. Er war, so formuliert es Armin Wolf im profil, "der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat". Ein berühmter Tropfen fürwahr. Die Fassungslosigkeit ist groß, das Fass ist voll, die Überschwemmung ist passiert, und es bleibt nur zu hoffen, dass sie die verdorrten Äcker der heimischen Medienpolitik ein wenig fruchtbarer macht.
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