Ein Player für alle Radiosender
 

Ein Player für alle Radiosender

Drei Privatradios holen sich die Lizenz für den BBC Radioplayer und wollen damit das Medium Radio in der digitalen Welt stärken

Vor rund zwei Jahren organisierte die RTR-GmbH eine Studienreise für heimische Radiomacher in jenes europäische Land, wo die Zukunft des Radios am weitesten gediehen ist: Großbritannien. Dort ist nicht nur digitales Radio (DAB+) seit Jahren etabliert, vor vier Jahren starteten BBC und Privatsender eine gemeinsame technologische Plattform für die Verbreitung ihrer Programme über das Internet.

,Eine Art Autoradio für das Internet‘
Der Radioplayer war geboren (www.radioplayer.co.uk). Das Konzept: „Eine Art Autoradio für das Internet“, wie es Christian Stögmüller, Geschäftsführer von Life Radio, im HORIZONT-Gespräch begreiflich machen will. Der Radioplayer ist also eine Software, verfügbar als App oder über das „klassische“ Internet, über die sämtliche lizenzierten Radioprogramme aus dem Vereinigten Königreich abrufbar sind. Damit hat jeder Sender eine einfache und voll funktionsfähige Technologie, die er auf seiner eigenen Website integrieren kann. Für kleinere Sender hat der Player zusätzlich den Reiz, im Programmpaket mit den großen verfügbar zu sein. Der britische Radioplayer ist im Rahmen ­einer nicht gewinnorientierten Gesellschaft organisiert, die ihre Softwarelösung über Lizenzen an andere Länder vergibt, letztlich auch mit dem Ziel, das Streaming-Angebot von Radiosendern in ganz Europa technologisch zu vereinheitlichen, um dadurch auch für die Autoindustrie ein ernst zu nehmender Partner bei der weiteren Entwicklung von vernetzten Autos zu sein. Irland, Norwegen, Deutschland und Belgien haben das System bereits übernommen. Finnland ist kurz davor – und ebenso Österreich. Denn bei der Delegationsreise aus Österreich hat der Radioplayer vor zwei Jahren einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Seither hat man die Entwicklung dort sehr genau beobachtet. Die Geschäftsführer dreier großer Privatsender gaben sich heuer einen Ruck und gingen in Vorleistung, um Nägel mit Köpfen zu machen: Ernst Swoboda, Kronehit, Gottfried Bichler, Antenne Steiermark und Kärnten, und eben Stögmüller sind gerade dabei, die Radioplayer-Lizenz für Österreich zu erwerben und der heimischen Radioszene eine zukunftstaugliche techno­logische Plattform für die Verbreitung ihrer Programme über das Internet zu ermöglichen.


Kronehit klagt Aggregator
„Die Nutzung von Audioinhalten über IP (Internet Protokoll, Anm.) steigt ­ungebrochen. Mit dem Radioplayer bringen wir Technologie auf den Markt, die es den Sendern ermöglicht, ihre Kompetenz bei der Musikauswahl und ihre regionale Relevanz in diesem stark wachsenden Markt zur Geltung zu bringen“, sagt Antenne-Geschäftsführer Gottfried Bichler. Für Kronehit-Chef Ernst Swoboda hat das gemeinsame Vorgehen in Sachen Radioplayer noch einen weiteren wesentlichen Aspekt, nämlich diversen Content-Aggregatoren im Radio etwas entgegenzuhalten. Dienste wie radio.at oder radio.de übernehmen die Streaming-Programme von Radiosendern und vermarkten sie eigenständig etwa mit Hörfunkspots zu Beginn der Übertragung. „Bei solchen Angeboten bleiben alle Kosten bei uns, und der Aggregator vermarktet unser Produkt“, skizziert Swoboda die He­rausforderung. Während es zwischen ­Kronehit und radio.at eine Einigung gibt, ist dies bei radio.de nicht der Fall. Und weil Kronehit hier kein Einverständnis für die Übernahme des Programms ge­geben hat, wurde radio.de jüngst von Kronehit geklagt. Ein Verfahren ist anhängig. Zwar ist dies nur ein Nebenschauplatz, er verdeutlicht aber für Swoboda sehr gut die vielschichtige Bedeutung einer kollektiven Plattform, über die Radiosender ihre Programme via Streaming verfügbar machen können. Swoboda: „Wir aggregieren uns quasi selbst und nehmen dieses wachsende Geschäft selbst in die Hand.“ Und wer ist „wir“? Die drei genannten Sender gehen nun in Vorleistung, haben die Interessengemeinschaft „Radioplayer Österreich“ ins Leben ge­rufen und befinden sich mit dem englischen Lizenzinhaber in den abschließenden Verhandlungen. Als Starttermin ist der Sommer 2015 vorgesehen. Die Technologie steht dann ­allen lizenzierten Rundfunkveranstaltern zur Verfügung, sprich, nur jenen Sendern, die eine Hörfunkzulassung in Österreich haben. Diese können aber dann auch ihre zusätzlichen Webangebote (Sender wie Kronehit, Life Radio, Arabella und andere betreiben längst zielgruppengerechte Spartenprogramme im Internet) über den Radioplayer anbieten. Reine Webradios ­können am Projekt Radioplayer dann nicht teilnehmen, kartellrechtliche Probleme sieht der mit allen Wassern gewaschene Jurist Swoboda nicht.

,Freuen uns, wenn der ORF dabei ist‘
Was wird eine Teilnahme kosten? Die Protagonisten des Radioplayer Österreich bleiben noch vage, nicht zuletzt weil die Kosten für Einzelne davon abhängen, wie viele Sender sich die ­Lizenzkosten teilen. Stögmüller gibt aber Vergleichswerte: „Einen kleinen Lokalsender in UK kostet die Teilnahme am Radioplayer 99 Pfund pro Jahr. Einen größeren deutschen Sender kostet es rund 4.000 Euro jährlich. Ganz nach dem britischen Vorbild, wo die BBC von Anfang an federführend dabei war, sind Stögmüller, Swoboda und Bichler darum bemüht, den ORF mitsamt seinen Hörfunkangeboten zu einer Teilnahme am Radioplayer zu bewegen. Entsprechende Sondierungsgespräche gab es bereits, im Jänner werden sie mit Hörfunk-Direktor Karl Amon fortgeführt. Stögmüller: „Dieses Projekt ist für alle Sender – privat und öffentlich-rechtlich – eine riesige Chance, gemeinsam am Siegeszug des mobilen Internets und der steigenden Audionutzung über Smartphones zu partizipieren. Es ist Gattungsmarketing auf technologischer Ebene, daran muss auch der ORF ein Interesse haben.“ Derzeit beträgt der Anteil der über Streaming erreichten Hörer bei Radiosendern zwischen drei und fünf Prozent. Die Entwicklung des Radioplayers in Großbritannien hat einen deutlichen Anstieg der Nutzung über Streaming gezeigt. Für Stögmüller kein Wunder: „Damit wird Radio richtig sexy.“

Dieser Artikel erschien in HORIZONT 51/2014 vom 19. Dezember 2014. Die Printausgabe von HORIZONT können Sie hier abonnieren.
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