Ein Jahr Protest: ORF-Freie bangen weiter
 

Ein Jahr Protest: ORF-Freie bangen weiter

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Mitarbeitervertreterin Kaufmann: Auftstockungs-Vorschlag der ORF-Führung weiter zu gering

Die freien Mitarbeiter des ORF bangen nach einem Jahr öffentlicher Proteste wegen äußerst unterdurchschnittlicher Entlohnung weiter. Nach wie vor gebe es "keine Lösung", sagte Mitarbeitervertreterin Barbara Kaufmann, die für Ö1 arbeitet, wo besonders krasse Arbeitsbedingungen kritisiert werden, im Gespräch mit HORIZONT online. Ihr Fazit nach 12 Monaten Kritik und Verhandlungen: "Seit Jänner 2012 hat sich an der Honorarsituation überhaupt nichts verändert.“

Tortenkrümel als Startschuss

Am 20. Jänner waren die ORF-Freien erstmals an die Öffentlichkeit getreten, um auf ihre Nöte aufmerksam zu machen. Sie marschierten mit symbolträchtigen Tortenkrümeln auf einem Tablett vor einer Sitzung des Stiftungsrates auf und präsentierten dort vor den versammelten Berichterstattern und Gremienmitgliedern ihre Forderungen. Weitere Aktionen folgten, bei den Österreichischen Medientagen versammelten sie sich etwa vor der Stadthalle, um zu protestieren.

1.300 Euro brutto für Fulltimejob

Vor allem die Mitarbeiter in Ö1, dem öffentlich-rechtlichen Aushängeschild des ORF, klagen über krasse Unterbezahlung. Im Schnitt verdiene ein ORF-Freier nur rund 1.300 Euro brutto, so Kaufmann. Zwölf Mal im Jahr mit hoher Arbeitsbelastung, zur Erfüllung des öffentlich-rechtlichen Kernauftrages. Im September gab es Verhandlungen mit Radiodirektor Karl Amon, der eine Honorargarantie vorschlug, was die Freien aber ablehnten, da sie eine Anpassung der Honorare forderten. Ein Gespräch mit ORF-Chef Alexander Wrabetz folgte einige Wochen darauf, so Kaufmann. Der Generaldirektor habe Sympathie bekundet, aber zunächst keine Zahlen genannt.

"Erster Vorschlag" als "Nullsummenspiel"

Erst bei einer Betriebsversammlung im ORF-Radio Mitte Dezember sei ein konkreter Vorschlag erfolgt, so Kaufmann: Wrabetz habe 500.000 Euro zusätzliches Honorarbudget angekündigt, "als ersten Vorschlag". Für die Freien viel zu wenig: "Unter einer Aufstockung um 1,5 Millionen Euro ändert sich wenig", meint Kaufmann. Das hätten die Berechnungen der Journalisten ergeben. Sie spricht außerdem von einem "Nullsummenspiel": Die Budgets für die Sendungen, in denen die freien Mitarbeiter ihr Geld verdienen, würden nämlich im neuen Jahr sukkzessive heruntergefahren, wodurch sich am Einkommen der Journalisten de facto nichts ändere.

Derzeit warten die Freien einmal mehr auf den ORF-Chef. "Es gibt einen Vorschlag von Wrabetz, dass wir uns im Jänner 2013 wieder zusammensetzen. Bisher gibt es aber weder einen Termin, noch eine Kontaktaufnahme", so Kaufmann, die sich auch vom kaufmännischen Direktor im Stich gelassen fühlt. Richard Grasl habe sich trotz mehrmaliger Kontaktversuche nie zurückgemeldet, sagt die Journalisten.

Neujahrstreffen am 9. Jänner

Unterdessen werden die Freien Mitarbeiter aus Fernsehen und Radio am 9. Jänner ein Neujahrstreffen abhalten, um die Situation zu besprechen. "Aus Sicht der Freien hat sich im vergangenen Jahr überhaupt nichts geändert. Wir sind sehr wütend. Nicht enttäuscht oder traurig, sondern wütend", schildert Kaufmann. Dazu kommt auch das Feedback von den Hörern: Immer mehr würden laut darüber nachdenken, aus Solidarität ihre Mitgliedschaft im Ö1-Club zu kündigen.

Wrabetz: Verhandlungen im Jänner

Im Finanzplan 2013 sind laut ORF-Führung Mittel zur Besserstellungen freier Mitarbeiter "in gewissem Rahmen" enthalten. Im Dezember meinte Wrabetz dazu, er gehe davon aus, ab Jänner die Verhandlungen mit dem Zentralbetriebsrat wieder aufnehmen zu können. Vertreter der freien Mitarbeiter sollen im Verhandlungsteam vertreten sein, so Wrabetz. Man habe Mittel bereitgestellt, um die Situation zu verbessern, allerdings nicht nach Gießkannenprinzip. Vielmehr solle das Geld dort eingesetzt werden, wo hochqualitative Produktionen stattfinden, deren Arbeitsaufwand bisher kaum abgegolten werden konnte.
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