Ein digitaler Groschenroman
 

Ein digitaler Groschenroman

Editorial von Birgit Schaller, stellvertretende Chefredakteurin (HORIZONT 27-29/2013)

Die weisungsfreie Kommunikationsbehörde Austria hat nun also eine – noch nicht rechtskräftige – Entscheidung gefällt. Mit dem Schriftstück KOA 11.261/13-015 ist ein weiteres Kapitel im Entwicklungsroman namens österreichische Medienpolitik aufgeschlagen.

Es scheint eine Entscheidung mit Augenmaß zu sein, denn noch wird auf allen Seiten still und aufmerksam geprüft. Einzig der Verband Österreichischer Privatsender beharrt weiterhin auf einem Totalverbot der Werbung, kann allerdings nicht be­rufen, da nur die Bundeswettbewerbsbehörde „Amtspartei“ im Verfahren ist und Einspruch erheben darf. Dass einem VÖP als Interessenvertreter der Privaten wohl gar nicht Genüge getan werden kann, liegt in der Natur der Sache. Erstaunlich ist aber, dass von einigen Vertretern der Privatsender, die noch am Werbeplanung.at Summit in der ­vergangenen Woche (Seite 6) höchst alarmistisch mit Sätzen wie „Es ist ein Fehler, der nicht pas­sieren darf“ oder „Die Vermarktung wäre ein Kniefall“ aufgejault hatten, nun plötzlich recht wenig, ja eigentlich gar nichts zu hören ist. Wie war das schnell: Wer schweigt, stimmt zu?

Nun, vielleicht sind die rund 850.000 monatlichen User und ihre etwa zwölf Millionen Videoaufrufe doch überschaubar? Die von der KommAustria auferlegten Regeln doch dazu geeignet, den digitalen Markt­erfolg des ORF im Zaum zu halten? Der ORF ­jedenfalls ist höchst bemüht, sein Anliegen der Vermarktung herunterzuspielen, im Antrag selbst steht: Es gehe ja nur um sieben Prozent der ­Online- und 0,4 Prozent der gesamten Werbeeinnahmen, 62 Prozent der Aufrufe on Demand seien Nachrichtensendungen (hier wurde die kommerzielle Nutzung abgewiesen) und man ­erlege sich ohnehin eine Reihe von Selbst­beschränkungen auf. Ja, der Status quo scheint überschaubar.

Nachdem mit dem Bescheid gleichzeitig ein Ausbau der TV­thek auch im fiktionalen Bereich gestattet und die Bereitstellungsdauer auf bis zu 30 Tage ausgedehnt wird, ist aber Vorsicht geboten. Die aktuell vorgegebenen Werbeverbote sind wohl ein Minimum an Zugeständnis für die Privaten, die ohnehin an einem überschaubaren Kuchen knabbern. Denn, so stellte ein Besucher des Werbeplanung.at Summit letzte Woche fest: „Es ist schön, dass dem Thema Digital so viel Aufmerksamkeit zuteil wird, aber wer hier verdient wirklich Geld damit?“ Nun, die Zukunft ist digital. Und wie hieß es einst: Wer den Groschen nicht ehrt, ist den Schilling nicht wert. Just FYI: Neben den „ZiB“-Sendungen finden sich unter den „meistgese­henen“ der TVthek sehr wohl kommerziell verwertbare Sendungen: „Liebesg’schichten und Heiratssachen“, „Rosamunde Pilcher“ oder „Die Starnacht am Wörthersee“.

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