Daten, Daten, Daten : Ein Abgesang auf die P...
 
Daten, Daten, Daten

Ein Abgesang auf die Privatsphäre

Kristin Jacobsen/Sopra Steria
Michal Kosinski lehrt an der Universität Stanford zum Thema Menschen im digitalen Umfeld. Mit Hilfe von wenigen Social-Media-Likes kann das von ihm entwickelte Modell die Persönlichkeit von Nutzern mit hoher Wahrscheinlichkeit vorhersagen.
Michal Kosinski lehrt an der Universität Stanford zum Thema Menschen im digitalen Umfeld. Mit Hilfe von wenigen Social-Media-Likes kann das von ihm entwickelte Modell die Persönlichkeit von Nutzern mit hoher Wahrscheinlichkeit vorhersagen.

Wir hinterlassen im Netz immer mehr Daten, aus denen immer genauere Persönlichkeitsprofile erstellt werden, warnt Stanford-Professor und nextM-Speaker Michal Kosinski.

Der Name der Firma ist untrennbar mit dem überraschenden Sieg Donald Trumps bei der US-­Präsidentschaftswahl 2016 verbunden: Cambridge Analytica nutzte persönliche Daten von Facebook-Nutzern, um ein exaktes Profil von potenziellen Wählern anzufertigen und ihnen passgenaue Werbung auszuspielen. Dass man mit vergleichsweise wenig Facebook-Likes intime Einblicke in die Persönlichkeit von Nutzern erlangen kann, hatte zuvor Michal Kosinski, heute Psychologieprofessor an der Universität Stanford, herausgefunden.

Für seine frühen Studien wurden zunächst Facebook-Likes von 60.000 Usern gesammelt und mit Informationen über IQ, ­Sexualität und politische Einstellung abgeglichen. Mit einem relativ simplen Machine-Learning-Modell gelang es Kosinski und seinem Team, herauszufinden, welche Muster an Likes zu welchen demographischen und psychologischen Eigenschaften passen. Mit nur 300 Facebook-Likes eines Nutzers konnte Kosinskis ­Algorithmus so höchst private Einstellungen etwa zu Politik oder sexueller Orientierung mit hoher Wahrscheinlichkeit vorhersagen.

All das werde zu einer Revolution im Marketing führen, prophezeite Kosinski jüngst bei einem Auftritt vor Mitarbeitern des größten Datensammelunternehmens Google. Durch genaue Persönlichkeitsprofile, auf Basis weniger Daten erstellt, könne man Werbung immer individueller adressieren. Den Geist zurück in die Flasche bringen könne man aber nicht. Davon ist Kosinski überzeugt. Denn die Daten, die Nutzer im Netz hinterlassen, würden nicht weniger, sondern mehr. Und das wiederum bedeute, dass die Menschen künftig deutlich weniger Privatsphäre haben werden.

Privatsphäre unwiederbringlich verloren

Usern künftig mehr Kontrolle über ihre eigene Daten zu geben, würde nichts bringen, so Kosinski bei dem Vortrag. Selbst Regierungen könnten die Daten, die sie besitzen, nicht kontrollieren, wie das Beispiel Edward Snowden zeige. Kein Bürger habe die Zeit oder Mittel, seine Daten erfolgreich gegen einen motivierten Dritten zu schützen. Außerdem sei der Homo sapiens schlichtweg zu sehr Narzisst: Menschen werden weiter bloggen, tweeten und Fotos auf Instagram posten – ausreichend Daten für immer bessere Algorithmen, um individuelle Persönlichkeitsmerkmale mit hoher Präzision vorherzusagen.

Die Idee von Privatsphäre sieht Kosinski als unwiederbringlich verloren. Dessen müsse man sich bewusst werden und die Gefahren dahinter sehen. Allein anhand von Gesichtsbildern könne etwa ein relativ simpler Algorithmus bereits mit über 80-prozentiger Wahrscheinlichkeit vorhersagen, ob ein Mann homosexuell sei oder nicht, warnt Kosinski: „In manchen Ländern kann das über Leben und Tod entscheiden.“

Michal Kosinski spricht am 12. März auf der Zukunftskonferenz nextM, veranstaltet von der GroupM, in der Aula der Wissenschaften in Wien. Die Konferenz steht dieses Jahr unter dem Motto „The Rising Force“. Mehr Information finden Sie unter nextm.at.

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