Eigenproduktionen sind teuer, aber markenschä...
 

Eigenproduktionen sind teuer, aber markenschärfend

ServusTV/SAM-Film/Martin Hörmandinger
Alexandra Winkler (Julia Franz Richter) plötzlich Alleinerbin eines Trakehner-Gestüts.
Alexandra Winkler (Julia Franz Richter) plötzlich Alleinerbin eines Trakehner-Gestüts.

ORF, Puls 4, ATV und ServusTV rittern mit Eigenproduktionen um die Gunst des Publikums. Diese sind zwar kostenintensiv, aber essenziell für das Image eines Senders.

Dieser Artikel ist zuerst in Ausgabe Nr. 6/2018 des HORIZONT erschienen. Noch kein Abo? Hier klicken!

Der ORF ist mit rund 33 Prozent Marktanteil in der Gesamtbevölkerung und rund einer Milliarde Euro Jahresumsatz klar die Nummer eins unter Österreichs Sendern. Rund 600 Millionen Euro dieser Milliarde entfallen auf Gebühren; durchschnittlich 100 Millionen Euro investiert der ORF jährlich in die heimische TV- und Filmwirtschaft, deren größter Auftraggeber er ist. Im Angesicht wachsender Konkurrenz setzt der ORF, wie er auf Anfrage mitteilt, auf ein Alleinstellungsmerkmal: „Eigen-, ko- und auftragsproduzierte Formate, besonders im fiktionalen Bereich, gehören zum USP des ORF-TV-Programmangebots und sind beim Publikum sehr beliebt.“ Beliebt sind sie, das zeigte beispielsweise der Beginn der aktuellen Staffel der „Vorstadtweiber“, die knapp eine Million Seher beim Staffelstart erreichten und sich bei knapp 800.000 Sehern einpendeln. Eine Idee der TV-Direktorin Kathrin Zechner, mittlerweile auch an die ARD weiterverkauft. Besonders fiktionale Eigenproduktionen sind jedoch teuer und können über den Verkauf allein nicht refinanziert werden. Beim ORF heißt es: „So kostet die Erstsendeminute eingekaufter Filme und Serien zwischen 350 und 400 Euro, die Erstsendeminute eigenproduzierter Filme und Serien kostet 9.000 bis 10.000 Euro.“ Um die Kosten zu reduzieren, wird deshalb weiterverkauft oder koproduziert. Eigenproduktionen wie die Stadtkomödie „Geschenkt“ (Sendetermin 2019) oder die zehnteilige Dramedy-Serie „Walking on Sunshine“ mit Robert Palfrader (Sendetermin noch offen) zählen zu den aktuellen Dreharbeiten. „SOKO Donau“ läuft gerade, ab 27. Februar wird unter anderen die neue Serie „Fokus Mord“ in acht Teilen gesendet.

Private Kampfansage an ORF

Die ProSiebenSat1-Puls-4-Gruppe hat den ORF im Visier. Puls-4-Senderchefin ist Ex-ORFlerin Stefanie Groiss-Horowitz: „Bei Puls 4 liegt ein großer Fokus auf Eigenproduktionen, weil diese die Wahrnehmung und Unterscheidbarkeit des Senders beim Publikum massiv prägen.“ Allerdings fügt sie hinzu: „Was die eigenproduzierte Fiction betrifft, ist das eine Frage der Finanzierbarkeit. Das würden wir natürlich sehr gerne machen, und ich denke, wir könnten schaffen, mit etwa der Hälfte der Gebühren gleich viele Filme und Serien zu produzieren wie der hochsubventionierte ORF.“ Fiction-Eigenproduktionen seien heuer keine geplant, die Action-Show „Ninja Warrior Austria“ sei eine Koproduktion mehrerer internationaler Partner: „Wir sind derzeit in Gesprächen für eine weitere Staffel“. Die Show zog im Herbst 2017 rund 250.000 Seher in den Bann, was einem Marktanteil von gut zehn Prozent entspricht.

Bauer sucht weiter Frau

Statt finanzintensiver Fiction bringt Puls 4 beispielsweise Neues wie das „Café Puls am Abend“ (ab 5. März), oder verstärkt die Comedy-Night durch den „Migrantenstadl“. Während Puls 4 2017 einen Marktanteil von drei Prozent (12+) erreichte, erzielten ATV 2,6 und ATV2 0,7 Prozent. Auch ATV-Programmgeschäftsführer Thomas Gruber sieht Eigenproduktionen als Identitätsspender und Profilschärfer, sie seien „eine wesentliche Stellschraube für die Positionierung und das Image eines Senders“. Neue „schwer finanzierbare“ fiktionale Eigenproduktionen stehen jedoch nicht am Plan, sondern vor allem Doku-Soaps und Reportagen wie „Balkan-Hochzeiten“ und „Mein Gemeindebau“ (ab 8. März) und „Die Polizeihundestaf fel“ (ab 14. März). Das „Quotenflaggschiff“ ist immer noch „Bauer sucht Frau“. Das Format wird weitergeführt, denn die 14. Staffel erreichte gerade durchschnittlich 237.000 Seher (10,7 Prozent Staffelmarktanteil bei 12- bis 49-Jährigen). Servus TV aus dem Hause Red Bull Media erreichte 2017 einen Marktanteil von 2,1 Prozent. Das Senderprogramm wird zu rund 65 Prozent selbst produziert. Die achtteilige fiktionale Serie „Trakehnerblut“, die in der ARD als „Gestüt Hochstetten“ lief, sorgte jüngst für Aufsehen. Vor allem auch deshalb, weil sonst kein Privatsender fiktionale Eigenproduktionen in Österreich wagt. Die Serie erreichte in Österreich durchschnittlich 115.600 Seher pro Folge. ServusTV zum Deutschlandeinsatz: „15,5 Prozent Marktanteil und 4,7 Millionen Zuseher bei der ersten Doppelfolge.“ Folgt eine Fortsetzung? „Grund genug, über eine Fortsetzung der Serie nachzudenken.“ Sicher fortgesetzt werden auch „Österreichische Hotel-Legenden“ (ab 23. Februar) und die Unterhaltungsshow „Homo Austriacus“ (März).

ATV-Programmgeschäftsführer Thomas Gruber sieht Eigenproduktionen als „wesentliche Stellschraube“ für das Image seines Senders.
Lisa-Maria-Trauer
ATV-Programmgeschäftsführer Thomas Gruber sieht Eigenproduktionen als „wesentliche Stellschraube“ für das Image seines Senders.
Puls-4-Chefin Stefanie Groiss-Horowitz glaubt, dass sie – die mittel vorausgesetzt – weit effizienter produzieren könnte als der ORF.
Puls4/Lisa-Maria Trauer
Puls-4-Chefin Stefanie Groiss-Horowitz glaubt, dass sie – die mittel vorausgesetzt – weit effizienter produzieren könnte als der ORF.
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