‚Du wolltest zur 'Presse'?‘ ,Nein, zum 'Stand...
 

‚Du wolltest zur 'Presse'?‘ ,Nein, zum 'Standard'!‘

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Siebente Auflage der ‚Tafelrunde‘ inklusive Perspektivenwechsel: ÖBB-Chef Kern interviewte "Presse"-CR Nowak

Alle paar Monate gelingt es Carola ­Purtscher, einer handverlesenen Schar an Gästen einen ganz besonderen ­Einblick in das Leben und Seelenleben ­prominenter Journalisten, Politiker und Wirtschaftslenker zu ermöglichen. Das Vehikel dazu nennt die Eigentümerin der PR-Agentur Purtscher Relations „Perspektivenwechsel“. Dieser findet in Form eines Interviews mit vertauschten Rollen und im Rahmen ihrer Network-Eventserie „Tafelrunde“ in der Beletage des Palais Todesco statt.

Dieser Einblick manifestiert sich weniger auf der Inhaltsebene des geführten Gesprächs, sondern vielmehr auf der Beziehungsebene. Wie gut ist jemand auf den Rollentausch vorbereitet? Was ist das Ziel des ungewohnten Auftritts? Wie gut ­gelingt es, in eine andere Rolle zu schlüpfen? Diese Fragen bekommen Purtschers Gäste – es sind stets nur 35 an einer gesetzten Tafel – in dem halbstündigen Interview beantwortet, und mit ­Sicherheit offenbart sich dabei mehr über die Persönlichkeiten als in Hunderten Zeitungs- oder Fernsehinterviews in ihren angestammten Rollen.

Christian Konrad und Ingrid Thurnher, Karlheinz Kopf und Wolfgang Ainetter, Rudolf Hundstorfer und Martina Salomon, Gerhard Zeiler und Barbara Stöckl, ­Armin Thurnher und Sebastian Kurz – so lauteten die ersten sechs Paarungen der Tafelrunde und alle diese zwölf Persönlichkeiten offenbarten – gewollt oder nicht – bis dato unbekannte Züge.

Zwei Journalisten

Und nun also: Christian Kern, der gefeierte CEO der ÖBB, interviewt Rainer Nowak, den Chefredakteur der "Presse", der ab Oktober die Herausgeberschaft der Tageszeitung übernehmen wird. Was offenbart Kern in der Art und Weise seiner Fragen? Jedenfalls, dass er sich authentisch für Medien interessiert, kein Wunder, immerhin arbeitete er als Wirtschaftsjournalist, ehe ihn SPÖ-Staatssekretär Peter Kostelka in sein Team holte. Kerns Empathie für die Situation von Medienunternehmen im Allgemeinen und Tageszeitungen im Speziellen liegt aber tiefer. Das zeigt sich auch daran, dass er sich beim Start des Interviews auf die legendäre Folge der ORF-Satiresendung „Die 4 da“ bezieht, in der Thomas Maurer, Florian Scheuba, Erwin Steinhauer und Rupert Henning die österreichische Tageszeitungsszene lustvoll zerpflücken (nachzusehen hier auf YouTube). Und obwohl er die Fragen stellen sollte, bringt Kern auch eine Botschaft an Verleger unter, die ihm schon als Gastredner bei der Adgar-Gala des VÖZ am Herzen lag: Mit ständigem Downsizing kann kein Transformationsprozess gelingen.

Rainer Nowak kann man spätestens nach diesem Auftritt zu jenen Journalisten zählen, die den Verwerfungen des Marktes mit fröhlicher Pragmatik begegnen. Er reflektierte offen über ­Digitalstrategie und die Gründung der "Presse am Sonntag" als bewussten Kontrapunkt zur werktäglichen Ausgabe („das war eigentlich ein Retortenbaby, mit viel Marktforschung und allem, was Journalisten so hassen“). Auf die Frage, ob Nowak einen Karriereplan für die Zeit nach der "Presse" habe – immerhin gebe es kaum einen gewichtigeren Job im Medienland Österreich –, antwortete Nowak mit einem verschmitzten Verweis auf seinen Vorgänger Michael Fleischhacker, heute NZZ.at: „Vielleicht werde ich das digitale NÖ-Fenster der 'Süddeutschen Zeitung' machen.“ Die letzte Frage gehörte allerdings Nowak: „Stimmt es, dass du früher zur 'Presse' wolltest?“ Darauf Kern augenzwinkernd: „Nein, ich wollte immer zum 'Standard'.“

Dieser Artikel erschien bereits am 19. September in der HORIZONT-Printausgabe 38/2014. Hier geht's zur Abo-Bestellung.
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