Die vier Qualitäten von Journalismus
 

Die vier Qualitäten von Journalismus

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Miriam Meckel von der Universität St. Gallen ermuntert die Journalisten ihrer Rolle treu zu bleiben: „Die Menschen finden es schön die Welt erklärt zu bekommen“.(c)P.Svec
Miriam Meckel von der Universität St. Gallen ermuntert die Journalisten ihrer Rolle treu zu bleiben: „Die Menschen finden es schön die Welt erklärt zu bekommen“.(c)P.Svec

Miriam Meckel auf den Österreichischen Medientagen.

„That’s the way it is“ – mit dem legendären Schlusssatz des ebenso legendären US-Anchorman Walter Cronkite übertitelte die deutsche Kommunikationswissenschafterin Miriam Meckel ihre Key Note zu den 17. Österreichischen Medientagen.

Dieser Schlusssatz, so Meckel, symbolisiert eine journalistische Geisteshaltung, die heute weder anzutreffen noch wirklich aufrechtzuerhalten sei, nämlich das Selbstbewusstsein eines Journalisten, seinem Publikum die Sachlage in absoluter und abgeschlossener Form geliefert zu haben. Das sei heute nicht mehr möglich, vor allem, weil die Informationsflut dazu führe, dass die Komplexität der Welt heute vielfach intensiver wahrgenommen werde, als früher. Das heißt, Journalisten sehen sich nicht mehr in der Lage, den Lesern, Sehern, Hörern oder Usern in absoluter Form zu berichten, was Sache sei.

„Dabei finden es die Menschen schön, die Welt von Journalisten erklärt zu bekommen, die das gelernt haben und wirklich können“, sagt Meckel, um sogleich jeden Zweifel darüber, wie essentiell Qualitätsjournalismus heute – mehr denn je – sei, auszuräumen: „Wir brauchen ihn, um uns in einer Gesellschaft zu verstehen und zu verständigen.“ Aber wie lässt er sich auch in Zukunft finanzieren? Meckel sieht einerseits „erschreckende Ideenlosigkeit“ auf Seiten der Medienmanager und andererseits einen Trend beziehungsweise eine wachsende Notwendigkeit zu stiftungsfinanziertem Qualitätsjournalismus, à la „Pro Publica“ in den USA.

Aber was ist Qualität im Journalismus? Meckel hat den Eindruck, dass die Medien selbst und all jene, die ständig darüber diskutieren, was Qualität ist, noch niemals darüber nachgedacht haben, was sie eigentlich wirklich mit „Qualität“ meinen. Und sie liefert ein eigenes Definitionsgerüst aus vier Punkten:

1. Die digitale Qualität – Medienangebote im Internet werden immer öfter von Suchalgorithmen gesteuert und optimiert, mit dem Ziel, Menschen genau jene Inhalte zu liefern, die sie möchten. Daraus entstehe ein „immer gleichförmiger träger Fluss an Inhalten“, ohne Überraschung. Quasi Futter für abgekapselte Contentnutzer.

2. Die Qualität der Nachfrage – Meckel zitiert Helmuth Thoma, den Gründer von RTL, mit seinem legendären „Der Köder muss dem Fisch schmecken nicht dem Angler“ und gibt ihm auch recht. Allerdings, so Meckel: „Dieses Mantra hat sich über alle Mediengattungen gelegt und auch die öffentlich-rechtlichen Sender erfasst – Stichwort: Rosamunde Pilcher.“ Dieses Mantra des „gut ist, was gefällt“ wird insofern problematischer, als die Messbarkeit von journalistischen Erzeugnissen immer größer werde.

3. Die Qualität der Profession – Meckel bricht eine Lanze für das Berufsbild des Journalisten. Sie habe nichts gegen Blogger und Citizen Journalists, aber das sei bei Weitem nicht ausreichend. Sie stellt auch Websiten wie Wikileaks kritisch in Frage. „Dort werden tausende Geheimdokumente einfach online gestellt, nicht aber analysiert, dokumentiert oder in einen Zusammenhang gestellt.

4. Die Qualität des „sozialen Guts“ – Meckel: „Wir brauchen Menschen, die hinaus gehen in die Welt, diese Beobachten und ihre Beobachtungen weitergeben. Menschen, die unter Recherche nicht nur verstehen, ein Wort in die Google-Suchmaske einzugeben.

Meckel schließt mit dem Appell an Medienmacher, mehr Fantasie bei der Erarbeitung von Finanzierungsmodellen im Internet und räumt ein für alle Mal mit einem immer misbräuclich verwendeten Zitat auf. „Information wants tob e free“ soll Stewart Brand 1984 gesagt haben. Hat er auch, aber hat etwas angehängt, und zwar: „Information wants tob e expensive“, und zwar weil die richtige Information zum richtigen Zeitpunkt Leben verändern kann.
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