Die verlorene Ehre des Alfred Gusenbauer
 

Die verlorene Ehre des Alfred Gusenbauer

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Editorial von Hans-Jörgen Manstein, Vorsitzender des Aufsichtsrates (HORIZONT 24/2013)

Fast 40 Jahre nach Heinrich Bölls grundlegendem Werk über die Auswirkung der Boulevard-Berichterstattung zeigt ein österreichisches Medium, wie Rufmord im 21. Jahrhundert gehen kann. Nur dass es diesmal kein Revolverblatt ist, sondern ein vielfach ausgezeichnetes Magazin.

„Ist das profil ein Nachrichtenmagazin?“ Diese Frage stellte sich vor Kurzem der Herausgeber der Wochenzeitung Falter, Armin Thurnher. Anlass hierfür lieferte eine mehrseitige Story, die aufdeckte – „enthüllte“, würden die involvierten Journalisten wohl lieber sagen –, dass die Wiener Staatsanwaltschaft einen Verschlussakt beamtshandeln würde, in dem dem ehemaligen Bundeskanzler der Republik Österreich und einem im kleinen Kreis relativ bekannten Rechtsanwalt unterstellt wird, sogenannte nachrichtendienstliche Tätigkeit zum Schaden Österreichs ausgeübt zu haben.

Mehr haben Alfred Gusenbauer und Gabriel Lansky nicht gebraucht. Nahezu die gesamte ­Medienlandschaft sprang auf die – aufgelegte – Exklusivgeschichte auf und berichtete, was das Zeug hielt. Dem „Gusi“ (geschüttelt, nicht gerührt), einer Art Barolo-007, und dem „Gaby“ traute man einiges zu: „Da wird schon wos dran sein“, war allenthalben von der Journaille zu hören. Und obwohl eigentlich alle wussten, dass die ­Geschichte der beiden preisgekrönten Schreiber Michael Nikbakhsh (Journalist des Jahres, mehrmals Wirtschaftsjournalist des Jahres) und Ulla Kramar-Schmid (Journalistin des Jahres) offenbar hanebüchener Unsinn ist, machten alle mit. Das markiert vorläufig den Tiefpunkt der fachlichen Qualität und gleichzeitig den Höhepunkt der Selbstgerechtigkeit von Österreichs selbsternanntem Wohlfahrtsausschuss, genannt Medien.

Der Inhalt der Geschichte ist einfach: Eine in Abu Dhabi in der österreichischen Botschaft abgegebene Sachverhaltsdarstellung unterstellt Gusenbauer und Lansky, geheime Aktenteile aus einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss des Jahres 2009 an Kasachstan weitergegeben zu haben. Als Beweis dafür bietet „der Einschreiter“ genau null komma Josef an. Daher berichteten die beiden profil-Stars ganz in der Manier der Boulevard-Spürhunde aus Billy Wilders wilder Gauner-Satire „Extrablatt“. Zwar sei nichts bewiesen, Verdachtslage gibt es auch keine, einvernommen wurde auch niemand, aber – jetzt kommt’s – es gilt „die Unschuldsvermutung“ und es drohen bis zu drei Jahre Haft. Dass sämtliche Beteiligten erklären – und zwar glaubwürdig –, dass es sich um einen Schwachsinn handeln würde. Was kümmert es die Journalistin des Jahres? Den Journalisten des Jahres schon gar nicht. Hauptsache, man hat eine Enthüllungsstory, ist seinem Ruf wieder mal gerecht geworden. Der Ruf von Gusenbauer und Lansky ist dabei egal. Die müssen das aushalten, schließlich verdienen die auch mehr als ein Journalist.
Die absolut untragbare und vom Herausgeber des profil offenkundig mitgetragene Geschichte ist ein Lehrbeispiel, wie die Verdachtsberichterstattung in Österreichs Medien funktioniert: Wahrheit ist nicht so wichtig, Persönlichkeitsrechte auch nicht. Hauptsache, wir haben a G’schicht. Wenn sich hinterher herausstellt, dass alles nicht wahr ist, dann kratzt man die Kurve, indem man berichtet, dass die Ermittlungen eingestellt wurden, weil man den Delinquenten die ihnen zur Last gelegten Straftaten – bedauerlicherweise – nicht nachweisen konnte. Der Leser denkt sich schon seinen Teil dabei und weiß, dass der Rechtsstaat wieder einmal versagt hat. Auf diese Weise spielen die sogenannten Enthüllungsjournalisten ein gefährliches Spiel, das in letzter Konsequenz in der Abschaffung des Rechtsstaates enden muss. Wer’s nicht glaubt, dem sei die Studie des Justizministeriums anempfohlen, in der zu lesen steht, dass das Vertrauen in die Justiz in der Bevölkerung vor allem durch harte Urteile zu steigen beginnt. Höchst ­bedenklich, diese Entwicklungen in den Medien. Und es wird nicht dadurch besser, dass ein Star des Enthüllungsjournalismus in einer TV-Talkshow ­erklärt, dass rechtsstaatliche Verfahren nur dann solche seien, wenn Journalisten die Arbeit der Staatsanwaltschaft begleiten würden, und ein ­anderer in einer anderen TV-Show sich dazu versteigt zu erklären, er hätte seinem Opfer ohnedies 24 Stunden Zeit gegeben, sich vor ihm (dem Journalisten) „zu rechtfertigen“.

Bleibt die Frage der Motivation des profil zu klären. Wir werden sie nie erfahren. Würde man beim Erklärungsversuch mit gleichem journalistisch-ethischem Verständnis vorgehen wie Ulla Kramar-Schmid und Michael Nikbakhsh, dann könnte es sich so lesen: Es ist Wahlkampf und ­profil gehört zum Raiffeisen-Reich. Herausgeber Christian Rainer ist dem dort noch starken Mann Christian Konrad verpflichtet, und was liegt daher näher, als sich mit einem kleinen Gefallen zufällig betreffend zwei höchst prominente Linke zu revanchieren? Es gibt für diese Verdachtslage natürlich keine Beweise. Deshalb muss für alle Verantwortlichen ausnahmslos die Unschuldsvermutung gelten.

[Hans-Jörgen Manstein]
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