Die sieben Baustellen des ORF
 
Thomas Ramstorfer
"ORF Zentrum", "ORF-Zentrum" Küniglberg in Wien, Gebäude, Architektur, Zentrum.Im Bild: Luftaufnahmen ORF-Zentrum, Wien. - Veroeffentlichung fuer Pressezwecke honorarfrei ausschliesslich im Zusammenhang mit oben genannter Sendung oder Veranstaltung des ORF bei Urhebernennung. Foto: ORF/Thomas Ramstorfer. Anderweitige Verwendung honorarpflichtig und nur nach schriftlicher Genehmigung der ORF-Fotoredaktion. Copyright: ORF, Wuerzburggasse 30, A-1136 Wien, Tel. +43-(0)1-87878-13606
"ORF Zentrum", "ORF-Zentrum" Küniglberg in Wien, Gebäude, Architektur, Zentrum.Im Bild: Luftaufnahmen ORF-Zentrum, Wien. - Veroeffentlichung fuer Pressezwecke honorarfrei ausschliesslich im Zusammenhang mit oben genannter Sendung oder Veranstaltung des ORF bei Urhebernennung. Foto: ORF/Thomas Ramstorfer. Anderweitige Verwendung honorarpflichtig und nur nach schriftlicher Genehmigung der ORF-Fotoredaktion. Copyright: ORF, Wuerzburggasse 30, A-1136 Wien, Tel. +43-(0)1-87878-13606

Die Wahlen sind geschlagen. Für den neuen, alten Generaldirektor Alexander Wrabetz heißt es jetzt, das Unter­nehmen fit für die Zukunft zu machen. Ein Fahrplan in sieben Akten durch seine wichtigsten Herausforderungen.

Dieser Artikel erschien im Medien-Spezial des trend-bestsellers 2016. Hier geht's zum Abo des bestsellers.

1. Woher kommt die Kohle?

Es ist das heiße Eisen im Herbst: Alle fünf Jahre wird geprüft, ob es zu ­einer Anpassung der ORF-Gebühren kommt. Die vorerst letzte Anhebung fand 2012 statt, seither ist die Inflation um 10,5 Prozent gestiegen. Wrabetz muss nun entscheiden, ob er einen Gebührenantrag samt Erhöhung stellt.  

Die Thematik könnte zum Drahtseilakt werden. Denn während Medien­minister Thomas Drozda zuletzt eine ­Erhöhung ausschloss, pocht Verleger-Präsident Thomas Kralinger auf eine Neuordnung der Medienabgabe – auch zugunsten anderer Marktteilnehmer und Mediengattungen. Von Wrabetz habe er bereits „positive Signale“ bekommen, ­dieser betonte zuletzt im Interview mit HORIZONT, dass dabei für den ORF nicht weniger rauskommen dürfe.

Fakt ist aber, dass nicht nur weniger rauskommen sollte, sondern mehr. Denn: Die strukturellen Kosten steigen in den nächsten Jahren massiv, parallel sinken die klassischen Werbe­erlöse. „Die disruptiven Veränderungen in der Medienwelt setzen das duale ­System unter Druck“, schreibt Wrabetz in seinem Konzept für die nächste Geschäftsführungsperiode. Der langfristig beobachtbare starke Rückgang bei den Werbe­erlösen konnte zwar in den letzten Jahren verlangsamt werden, sie würden aber durch gesetzliche Beschränkungen wie im Bereich der Onlinewerbung nicht nachhaltig stabilisiert wer­den. Also meint Wrabetz im Konzept weiter: „Um auf die aktuellen Trends am Werbemarkt reagieren zu können und auch mittelfristig eine Partizipation an Onlineerlösen zu ermöglichen, muss dem ORF ein größerer Handlungsspielraum eingeräumt werden.“ Die Privatsender sehen das naturgemäß anders.

Wrabetz will auch bei der GIS-Kontrolle ansetzen. „Man muss die Effizienz erhöhen, da waren wir schon mal besser“, so der Generaldirektor. „Wir sollten unsere Hausaufgaben machen und durch positive Ansprache und ge­zielte Kommunikation die Schwarzseherquote verringern.“ Die weniger gebührenaffinen Zielgruppen seien durch Marktstudien bekannt. Derzeit werden per Gebühren rund 600 Millionen Euro pro Jahr eingenommen.

Wrabetz wird wohl darauf drängen, die Gebührenpflicht auf Streaming von ORF-Programmen zu erweitern. Im Sommer 2015 entschied der Verwaltungsgerichtshof, dass Streaming nach technischer Definition kein Rundfunkempfang sei. Wrabetz dazu: „Wir haben das Problem, dass ORF-­Streaming beim Radio nicht gebührenpflichtig ist. Das gehört mittel­fristig geregelt, durch eine Weiterentwicklung der klassischen Gebühr, indem man den Gerätebegriff erweitert oder durch ein neues Modell, zum Beispiel eine Haushaltsabgabe.“ Es müsse aber ein System ­bleiben, das staatsfern sei und stark in der Autonomie der ORF-Organe läge. Sonst würde Regierung oder Parlament über die finanzielle Ausstattung des Unternehmens entscheiden. „Dann wären wir erpressbar“, so der Generaldirektor.

2. Küniglberg neu 

300 Millionen Euro schwer, baut das Architektenteam Riepl Kaufmann Bammer am Küniglberg bis 2020 das ORF-Zentrum neu. Wrabetz sprach bei der Auftragsvergabe von einem „Meilenstein“. Herzstück ist der neue Newsroom, in dem unter dem Schlagwort multimediales Arbeiten die Verschränkung von TV, Radio und Online passieren soll. Dabei wird das medienübergreifende journalistische Arbeiten bei gleichzeitiger Wahrung der jeweiligen Markenidenti­täten erfolgen. Unerwartete Mehrkosten bereits bei der Sanierung von Objekt 1 zeigen die Komplexität des Umbaus eines Gebäudes, das in den 60er-Jahren kon­zipiert wurde. Der seit 2007 geltende Denkmalschutz für das ORF-Zentrum am Küniglberg tut sein Übriges. Die Mehrkosten hätten jedoch keine Aus­wirkungen auf das Gesamtbudget, entsprechende Reserven seien eingeplant, ­beschwichtigen Verantwortliche im ORF.

3. Kampf um den Sport

Fußball, Skifahren, Formel 1: die im Programmauftrag vom Gesetzgeber geforderte „umfassende Information über (…) sportliche Fragen“ findet im ORF-Programm gewichtigen Niederschlag. Umfassende Sportberichterstattung ist vor allem an Winterwochenenden auf ORF eins keine Seltenheit. Auch bei Fußballfesten wird der Sender regelmäßig zum Sportkanal – von der Eröffnungsfeier bis zum finalen Elfmeterschießen. 

Denn der öffentlich-rechtliche Rund­funk hält einen Großteil der relevanten Rechtepakete bei den beliebten Sportarten. Österreichische Bundes­liga, Champions League, Großereignisse von UEFA und FIFA, Wintersport von Ski Alpin über Nordisch bis hin zu diversen Olympischen Groß­ereignissen und auch die vor allem ­finanziell immer wieder hinterfragte Formel 1. Nicht immer exklusiv, aber dennoch dominant vereint der ORF die großen Packages. Vor allem das Engagement in der Formel 1 wird durchleuchtet werden, in der Bundesliga stehen Neuausschreibungen an, auch bei Großereignissen ist allum­fassender Rechteerwerb keine Selbstverständlichkeit. Sky strebt in der Bundesliga größere Exklusivität an, andere Player wie ATV bemühen sich immer wieder um Sublizenzierungen, Puls 4 drängt in Sachen Sport und Vermarktung verstärkt in den Markt. 

Zugleich stellen ORF-­Kritiker immer wieder die Frage der Notwendigkeit von teuren Sportrechten, Wrabetz verwies zuletzt immer auf den Programmauftrag – und auch die Quoten geben den Investments recht. Trotzdem wird der neue, alte Generaldirektor, dem die Kultur näher als der Sport steht, künftige ­Bestrebungen im Rechteerwerb noch überzeugender argumentieren müssen. Parallel kämpft der vom Gesetzgeber geforderte Spartenkanal ORF Sport+ um jeden Euro und seine Da­seinsberechtigung. Premiuminhalte darf der ORF dort nicht spielen, die Übertragung von Breitensportevents von Tischtennis bis Faustball sind in der Relation teuer – und wurden daher zuletzt auch reduziert.

Und dann sind da noch neue Player im Online-Streaming, die auf exklusive Packages im Spitzensport hoffen: Anfang August trat etwa der Live-Streaming-Dienst DAZN in den D-A-CH-Raum ein, er verspricht 8.000 Live-Übertragungen – gegen Gebühr – pro Jahr. Laola1.tv agiert schon länger am Markt, krallt sich aber auch immer wieder beliebte Rechte. Das tut dem ORF bis hierhin nicht weh, könnte aber – auch wenn etwa finanzkräftige Telko-Anbieter in den (Online-)Rechtewettstreit einsteigen – zu einem Preiskampf um das Live-Sportrecht führen, in dem der ORF finanziell vielleicht nicht mehr an allen Fronten mithalten kann.

4. Das Griss um New Media 

Zum Social-Media-Haus soll sich der ORF entwickeln, hat Wrabetz bereits vor der Generaldirektorenwahl angekündigt. Es war ­einer der zentralen Punkte, in denen sein Konzept sich von jenem seines Herausforderers Richard Grasl unterschied. Wrabetz will künftig die Babyboomer und die Millennials erreichen. Dafür brauche es eine gute Kom­bination aus linearen und nonlinearen Angeboten.   

Neben einem YouTube-Kanal soll auch die Streaming-Plattform Flimmit weiterentwickelt und von einem kommerziellen zu einem öffentlich-rechtlichen Angebot umfunktioniert werden – ohne Abogebühren. Inhalte sollen online länger als sieben Tage verfügbar sein und im Bereich Social Media forciert Wrabetz eine „Line Extension“ von ORF eins in die digitale Welt. Konkret: ein Angebot, das rund um die Uhr mobil abrufbar ist, stark infolastig. Der Arbeitstitel dafür: „ORF eins to go“. Es wäre die konsequente Weiterentwicklung zur jüngsten Innovation „ZiB100“ – ­einer hundert Sekunden langen Nachrichtensendung, die auch via Messenger verbreitet wird.

Ganz so einfach ist es aber für den Öffentlich-Rechtlichen nicht, neue digitale Produkte auf den Markt zu bringen. Grundsätzlich darf der ORF Social Media wie Facebook in vollem Umfang nutzen, er darf aber keine eigenen Facebook-Plattformen entwickeln oder betreiben – so will es der Verfassungsgerichtshof. Daher spricht aus rechtlicher Sicht grundsätzlich nichts gegen Wrabetz’ Plan, Social-Media-Aktivitäten zu stärken. Auch der YouTube-Kanal ist ohne Weiteres umsetzbar. Schwieriger wird es aber bei „ORF eins to go“: Da dies ein neuer Abrufdienst ist, käme Paragraf 4f des ORF-Gesetzes zu tragen, heißt es aus Juristenkreisen. Der Wortlaut: „Solche Angebote dürfen nur nach Erstellung eines Angebotskonzepts erbracht werden. Sind die Voraussetzungen erfüllt, ist eine Auftragsprüfung vorzunehmen.“ Das bedeutet: Der Vorschlag ist der Komm­Austria, der Wirtschaftskammer Österreich und der Bundesarbeiterkammer sowie der Bundeswettbewerbsbehörde zu übermitteln. Nach deren Stellungnahme entscheidet die KommAustria, ob der ORF das neue Angebot umsetzen darf.

Im vergangenen November zeigte sich Wrabetz betreffend die gesetzlichen Schranken kampfeslustig: „Es ist immer noch kompliziert, neue Angebote programmieren zu dürfen. Wir müssen der Politik zeigen, dass das der Weg ist, den man gehen können muss, wenn man auch in Zukunft sein Publikum erreichen will.“

5. Strategie gegen Google und Co.

Wie verkorkst die Lage ist, hat Alexander Wrabetz bereits selbst erlebt: Die Beteiligung an Flimmit war bei den Wettbewerbshütern in Brüssel gelandet, da eine marktbe­herrschende Stellung vermutet wurde. Währenddessen, skizzierte Wrabetz das Szenario von damals bei einem Referat, wolle „Netflix für ein paar Tausend Euro die ‚Vorstadtweiber‘ einkaufen“. Medienunternehmen würden in Europa diskriminiert, während US-Giganten in Allianz mit Washington auftreten. Doch Netflix ist nur einer der großen internationalen Konkurrenten – neben Google und Facebook, die mehr und mehr zu Nachrichten­diensten mutieren. 

Immer wieder gab und gibt es Vorstöße von Österreichs ­Medien, gemeinsam gegen die globalen Riesen auftreten zu wollen, bislang ist aber noch nichts geschehen. Der General­direktor verglich die Situation im Medien Spezial des vergangenen Jahres gar als „Schrebergartenszenerie“. „Öffentlich und im Vieraugengespräch herrscht Einigkeit. Doch wenn es ernst wird“, so Wrabetz ­damals in Richtung der privaten Medienmacher, „stellt sich heraus, dass offenbar jeder lieber auf die Zäune der anderen achtet.“ Streitpunkt war zu diesem Zeitpunkt unter anderem das Projekt einer gemeinsamen Bewegtbildplattform mit den Verlegern, die für den ORF eine zusätzliche Vermarktung auf Websites von Zeitungen gebracht hätte. Das Ergebnis: Der ORF stellt die Inhalte nun über den APA-Basisdienst zur Verfügung.

Aber: In Zeiten, in denen Google und Facebook immer mehr Werbegeld absaugen, ist es höchste Zeit für einen nationalen Plan, Wertschöpfung und Anzeigenvolumina im Land halten zu können. Auf diesem Sektor sind in nächster Zeit also viele Schrauben zu drehen. 

6. Den Auftrag verteidigen

Der ORF hat sich neben dem Versorgungsauftrag, der die Anzahl und Verbreitung der Angebote definiert, vor allem im Programmauftrag zu rechtfertigen. Der ORF habe für „die umfassende Information der Allgemeinheit über alle wichtigen politischen, sozialen, wirtschaftlichen, kulturellen und sportlichen Fragen“ zu sorgen, heißt es in Paragraf 4 des ORF-Gesetzes. Was am Papier deutlich klingt, wird allerdings 

in der Praxis immer wieder dem Belastungstest ausgesetzt. Denn: Vor allem private Rundfunkanbieter und der Privatsenderverband VÖP sehen den ORF immer wieder abseits seines öffentlich-rechtlichen Kernauftrags agieren. Regelmäßige Beschwerden vor der Komm­Austria sind die Folge. Vor allem neu ­gelaunchte Services wie Smartphone-Apps geraten dabei immer wieder ins Kreuzfeuer der Kritik. Aber auch inhaltlich sehen Kritiker beispielsweise die Unterhaltung in der Programmgestaltung oft überproportional dargestellt. Diesen Kritiken muss auch die im Wahlprogramm vorgestellte Programmoffensive standhalten.

7. Mehrheiten sind gefragt

Mit dem Ergebnis von 18 zu 15 Stimmen setzte sich der amtierende Generaldirektor Alexander Wrabetz bei der Wahl am 9. August dieses Jahres vor dem ORF-Stiftungsrat durch. Jene 13 Stiftungsräte, die der SPÖ zuzuordnen sind, ergänzt durch Wilfried Embacher (Grüne), Hans Peter Haselsteiner (Neos), Siggi Neuschitzer (ursprünglich BZÖ/FPK, von der SPÖ erneut entsandt) sowie die beiden Unabhängigen Gerhard Moser und Christiana Jankovics, votierten für Wrabetz. 13 ÖVP-nahe Stiftungsräte plus Norbert Steger (FPÖ) und Günter Leitold (Team Stronach) gaben ihre Stimme nach ­einem stundenlangen Hearing beider Kan­didaten für Herausforderer Richard Grasl. Die Unabhängigen Franz ­Küberl und Gudrun Stindl enthielten sich ­ihrer Stimmen. 

Auch wenn Wrabetz damit seine dritte Amtsperiode en suite, übrigens ein Novum in der Geschichte des ORF, bestreitet, bedeutete die Wahl das schwächste Ergebnis seit seinem erstmaligen Antreten. Beim ersten Wahlkampf 2006 bugsierte er in der Funktion als Finanzdirektor Amtsinha­berin Monika Lindner mit 20 von möglichen 35 Stimmen vom Thron. Eine Regenbogenkoalition aus SPÖ, BZÖ, Grünen, FPÖ und Unabhängigen übertrumpfte die Stimmen des bürgerlichen Lagers rund um die ÖVP. Fünf Jahre später, 2011, erreichte er gar 29 Stimmen – sein bestes Ergebnis. Gegenkandidat Christian Wehrschütz waren allerdings auch nie reale Chancen eingeräumt worden, er erhielt bei der Wahl keine Stimme, die Wrabetz’sche Wiederwahl war damals quasi nur Formsache – im Gegensatz zur Wahl 2016, bei der noch am Wahltag selbst bei ­Experten Unklarheit herrschte, ob ­Herausforderer Grasl nicht doch noch die notwendigen Stimmen aufstellen konnte. Im Hintergrund wurde jedenfalls eifrigst um das Wohlwollen der Stiftungsräte gebuhlt. In den kommenden Jahren gilt es, stabile Mehrheiten zu bilden. Einerseits auf politischer Ebene, wenn beispielsweise die richtungsweisende Entscheidung zu einer Gebührenerhöhung anfällt – der ORF wird wohl mehr Geld benö­tigen und auch fordern. Die ÖVP hat bereits angekündigt, dieser nur zuzustimmen, wenn sie mit Reformen einhergeht. Anderseits perspektivisch natürlich im Stiftungsrat, dessen Wohlwollen für eine Wahl ausschlaggebend ist. Auch andere gravierende Entscheidungen bedürfen der Zustimmung des Kon­trollorgans. 

In fünf Jahren, sollte sich Wrabetz einer vierten Wahl stellen, werden vielleicht auch die realpolitischen Verhältnisse andere sein – und ebendiese sind ja im ORF-Stiftungsrat abgebildet. Allein die Bundesregierung bestellt neun Mitglieder in den 35-köpfigen Stiftungsrat, sechs Mitglieder entsendet diese unter Berücksichtigung der Kräfteverhältnisse im Nationalrat. Eine FPÖ mit Regierungsbeteiligung hätte auf einen Schlag eklatant mehr Stimmen und daher weitaus größere Macht als aktuell die eine Stimme Stegers. Ab sofort gilt: Nach der Wahl ist vor der Wahl.
stats