"Die Selbstkontrolle der Medien funktioniert ...
 

"Die Selbstkontrolle der Medien funktioniert nicht"

LISA LUX
Helge Fahrnberger führt jedes Semester etwa 20 Studierende in die Kunst der Medienkritik ein. Wichtig dabei sei es, den angehenden Journalisten zu erklären, wann eine Kritik objektiv und relevant ist.
Helge Fahrnberger führt jedes Semester etwa 20 Studierende in die Kunst der Medienkritik ein. Wichtig dabei sei es, den angehenden Journalisten zu erklären, wann eine Kritik objektiv und relevant ist.

kobuk.at-Gründer Helge Fahrnberger über die fehlende Selbstkontrolle der Medien, den Presserat und die Inserate der öffentlichen Hand

Diese Geschichte erschien bereits am 27. November in der HORIZONT-Printausgabe 48/2015. Hier geht's zur Abo-Bestellung.

Seine Brötchen verdient Helge Fahrnberger gar nicht im klassischen Medienbereich. Er hat eine kleine Technologiefirma mit ein paar Angestellten und kümmert sich vor allem um digitale Kartografie für Business-Kunden, viele dieser Kunden sind Städte. An der Universität Wien ist er seit einigen Jahren Lehrbeauftragter am Publizistik-Institut und leitet dort seit 2010 eine Übung rund um das Medien-Watchblog kobuk.at. Fahrnberger hat   immer ein Auge auf die heimische Medienszene, um deren Zustand er sich sorgt. „Die österreichische Medienlandschaft ist in einem schlechten Zustand, und zwar auf mehreren Ebenen. Das liegt auch daran, dass die Selbstkontrolle der Medien nicht funktioniert“, sagt er. Daher brauche es ab und zu kobuk.at. „Mir wäre es aber viel lieber, wenn die Medien das ­untereinander ausmachen würden.“


Der Presserat ist ein Anfang



Fehlleistungen von klassischen ­Medien würden fast nie von ihren Mitbewerbern aufgedeckt, sagt Fahrnberger. Das liege vor allem an der Größe Österreichs: Niemand will sich hier auf die Füße treten. „Es gibt keine Kritikkultur, die sich objektivieren ließe.“ Der Fall Christoph Biró etwa sei auch erst durch die Aufregung in den sozialen Netzwerken so groß geworden. 


Als maßregelnde Institution gibt es mittlerweile den Presserat. „Der Presserat ist super. Als es ihn noch nicht gab, war das alles noch viel schlimmer. Aber das kann nicht die Lösung, sondern nur der Ansatz einer Lösung sein. Viele Dinge beim Presserat müssten anders funktionieren“, sagt Fahrnberger, der sich schärfere Konsequenzen bei Verurteilungen wünscht. „Wenn ein Cover verurteilt wird, müsste das auch am Cover kenntlich gemacht werden.“ 


Darüber hinaus schlägt Fahrnberger vor, die Presseförderung und Inserate der öffentlichen Hand nur an Zeitungen zu verteilen, die den Presserat anerkennen. Einige Zeitungen wie das Gratis-Blatt Österreich sowie die Kronen Zeitung haben sich bislang nicht der Schiedsgerichtsbarkeit des Presserats unterworfen. Gleichzeitig sind das die zwei Medien, die in Summe die meisten Verstöße gegen den Ehrenkodex verursachen. Österreich sieht in dem Presserat gar den „verlängerten Arm von Konkurrenzunternehmen“, blitzte vor Gericht ­gegen das Selbstkontrollgremium aber stets ab. „Ich würde sogar darüber hinausgehen“, sagt Fahrnberger und ergänzt: „Wenn öffentliche Inserate vergeben werden, müssten Medien, die regelmäßig gröbst gegen die journalistische Ethik verstoßen, von dieser Inseratenvergabe ausgeschlossen werden.“


‚Ich bin kein Optimist‘



Überhaupt, die Inserate der Stadt Wien. Fahrnberger kann die Vergabe an die verschiedenen Medien nicht nachvollziehen. „Optimistisch betrachtet werden die Inserate wenigstens nach quantitativen Kriterien vergeben. Ich bin aber kein Optimist in dieser Hinsicht und glaube, dass es noch schlimmere Kriterien gibt als die pure Reichweite.“ Bei der Auftragsvergabe durch die öffentliche Hand und durch Unternehmen, die unter Kontrolle der öffentlichen Hand stehen, gehe es in Österreich „nicht immer, aber oft, auch um erhoffte, freundliche Berichterstattung.“ Das zu beweisen, ist oft unmöglich.


Auf kobuk.at könne man die Fehlleistungen der verschiedenen Medien nicht voll abdecken. „Wir könnten viel öfters kritische Geschichten über die österreichische Medienlandschaft schreiben – wenn wir die Zeit, Ressourcen und Motivation dazu hätten.“ Auf mindestens jeden Artikel den man bringe, komme eine Geschichte, die man nicht mache. Und dessen sei man sich bewusst. Die Dunkelziffer an möglichen Geschichten liegt vermutlich noch viel höher. Wenn Journalisten Hinweise geben, fragt Fahrnberger sie auch schon mal, wieso sie die Geschichten nicht selbst schreiben. Über Konkurrenz ärgert sich der Watchblogger jedenfalls nicht. „Kobuk ist eher für die Geschichten, die keine Öffentlichkeit finden. Eigentlich dürfte es Kobuk nicht geben müssen“, so Fahrnberger. 


‚Fotos aus purer Sensationsgeilheit‘



Auch im Zuge der Flüchtlingskrise wurde viel über journalistische Standards geredet. Die Kronen Zeitung druckte ein Foto, auf dem tote Flüchtlinge zu sehen waren, die in einem LKW im Burgenland gefunden wurden. Der Presserat verurteilte das Foto als eine „Missachtung der Menschenwürde der Verstorbenen“. Ein anderes Foto, das von vielen Medien verbreitet wurde, war das eines kleinen Jungen, der tot an einem türkischen Strand lag. „Ich hatte das Gefühl, dass viele Medien die Fotos aus purer Sensationsgeilheit und Horrorkitzel abgedruckt haben“, sagt Fahrnberger, der dennoch eine Ausnahme macht. „Ich muss zugestehen, dass das Foto des Kindes am Strand zu einer Meinungsbildung beigetragen hat, die legitim und wichtig war.“ Wichtig sei der Kontext der Veröffentlichung. Das sah auch der Presserat so: Anfang der Woche urteilte das Gremium, der Abdruck des Fotos des toten Jungen sei „angemessen“ gewesen. „Abgesehen von Hetze und Falschinformation gibt es kein Richtig und Falsch, sondern nur persönliche Beurteilungen“, sagt Fahrnberger ganz grundsätzlich über die Berichterstattung. 


Selten sind Dinge schwarz oder weiß, auch im Journalismus. Und so muss immer neu entschieden werden, welche Bilder man den Lesern zumuten kann – und welche nicht. 
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