Die Renaissance der Kuratierung
 

Die Renaissance der Kuratierung

Sabine Klimpt/Manstein Verlag

Warum Individualisierung von Inhalten teils an Grenzen stößt – und wie die Bequemlichkeit der Konsumenten klassischen Medien helfen kann. Leitartikel von Jürgen Hofer, stv. Chefredakteur.

Der Mensch liebt Individualisierung. Auf ihn zugeschnittene Inhalte, auf ihn abgestimmte Ansprache. Maßgeschneidert, punktgenau, interessensgetrieben. Die Digitalisierung und damit einhergehende Automatisierung eröffneten ein davor nicht für möglich gehaltenes Universum an Möglichkeiten für personalisierten Medienkonsum.

Der Mensch ist aber auch bequem. Die beinahe unendliche Verfügbarkeit an Inhalten überfordert ihn zunehmend, Bequemlichkeit nimmt in der Medienrezeption eine bedeutende Rolle ein. Das ist keine Theorie von hoffnungslosen Medienromantikern, sondern durch Erhebungen unterlegt: Jugendliche schätzen beim klassischen Fernsehen etwa den reinen Unterhaltungs- und Berieselungsfaktor, TV-Konsum entspannt (siehe Coverstory). Klassische Medien sind gegenüber dem Internet beim Faktor Entspannung und Ablenkung im Vorteil, zeigt eine Studie von ARD und ZDF. Jugendliche seien gar zu faul für Netflix – und wenden sich wieder dem klassischen TV zu; zu viel Entscheidungsfreiheit überfordert, attestierten zuletzt Marktforscher YouGov und die Hochschule Fresenius in Hessen einer wachsenden Gruppe unter den 18- bis 24-Jährigen. Radioinhalte punkten durch den Kontext; das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Community verbindet Hörer und Marke (siehe Interview Seite 10). Printprodukte manifestieren ihre Daseinsberechtigung im digitalen Informationsdschungel durch Auswahl und Gewichtung der Inhalte.

Der Konsument will Individualisierung, er will aber auch bedient werden. Keine mühsam zusammengetragenen Schnipsel, sondern auf ihn abgestimmte Pakete. Das kommt einer Kerneigenschaft zugute, die klassische Medien und ihre Macher seit jeher beherrschen: die Kuratierung. Das macht sie deutlich unterscheidbar zu den neuen Herausforderern von Spotify bis Netflix. Die jahrelang zur Schau getragene Kernkompetenz kann also im Kontext neuer Übertragungswege, neuer Technologien und neuer Ansprache weiterhin eine Chance sein.

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