Die Religion und die Medien
 

Die Religion und die Medien

Editorial von Sebastian Loudon, Herausgeber (HORIZONT 01-03/2015)

Charlie akbar – Charlie ist groß. In wenigen Tagen wurde die französische Satirezeitung zu einer Ikone der Presse- und Meinungsfreiheit. Der Hashtag #JeSuisCharlie ist der bis dato meistgenutzte in der noch jungen Geschichte der sozialen Netzwerke. Die Bilder und Emotionen, die ganz Europa mit dem Terroranschlag auf Charlie Hebdo am 7. Jänner 2015 verbindet, werden womöglich eine Generation prägen, wie einst die Ermordung Kennedys oder der 11. September. In der medialen Aufarbeitung dieser Bluttat wird viel über Religion und ihre Rolle in unserer modernen Gesellschaft ­gesprochen und geschrieben.

Nur partiell findet dabei eine saubere Abgrenzung zwischen dem Islam als Religion und dem Islamismus als extremistische Projektionsfläche statt, als Ideologie für Menschen, denen jegliche Perspektive abhanden gekommen ist, sei es im Irak oder in einem Pariser Vorort. Der Dschihadismus scheint auf junge Europäer mit muslimischem Hintergrund eine ähnliche Faszination aus­zuüben wie in den Zwanzigerjahren die Schwarzhemden in Italien oder die Nationalsozialisten in Deutschland. Die Symbole, die Gemeinschaft, die einfachen Antworten der schwarz-weiß-zeichnenden Ideologen, die kollektive Gegenposition zum Establishment dienen als vermeintliches Heilmittel gegen das Gefühl der Demütigung, die Hoffnungslosigkeit, den Frust, die Angst vor der Zukunft und die Wut. Wie kann Europa dem entgegentreten?

Dem gewalttätigen Islamismus muss der Staat zunächst begegnen, indem er sein Gewaltmonopol durchsetzt, meint Falter-Herausgeber Armin Thunher. Da hat er recht. Aber wie gehen wir mit Religion als Prinzip insgesamt um? Drängen wir sie zurück, so wie das in Frankreich praktiziert wird, wo der Laizismus selbst schon quasireligiöse Züge hat? Thurnhers zweite Empfehlung ist es, zu versuchen, die „islamistischen Kreuzritter“ für die Aufklärung zu gewinnen. Das klingt tatsächlich erstrebenswert, setzt aber – so scheint es mir an­gesichts des um sich greifenden Religions-Bashings – voraus, dass wir zuerst ein religionsfreundlicheres Klima in unserer medialen Öffentlichkeit schaffen müssen. Erst dann können die Gräben überwunden werden und nicht, wenn wir in Europa die Religion weiter in den Untergrund drängen. Wenn die Religion  nicht schuld an den Schreckenstaten jener ist, die sie auf pervertierte Weise in ihrem angeblichen Namen begehen, dann dürfen wir sie auch nicht dafür bestrafen, weder in Gedanken und Worten noch in Werken.
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