Die neue Wahlkampfdialektik
 

Die neue Wahlkampfdialektik

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Kommentar von Marlene Auer, Chefredakteurin (HORIZONT 1-2/2016)

Selbst der älteste Bewerber hat in kürzester Zeit noch ein Video gedreht und auf YouTube gestellt: Andreas Khol, wortmächtiger Konservativer. Irmgard Griss hat als erste mit einer quasi-präsidentiellen Botschaft ihre Kandidatur bekanntgegeben. Alexander van der Bellen ist mit mehr als 70.000 Abrufen bereits der Quotenstar. Die Bundespräsidentschaftskandidaten nutzen nicht mehr primär konventionelle Medien, um sich zu präsentieren, sondern haben das Web und Social Media entdeckt. Aus logischen Gründen: Niemand kann ihre Botschaft inkorrekt wiedergeben. Sie kommen unkommentiert beim potenziellen Wähler an. Direct and wireless.

Ohne Print- und elektronische Medien geht es aber doch nicht. Im Gegenteil: Sie wirken als Katalysatoren. Videos werden auf den Protalen der Zeitungen zum Download freigegeben, im Radio und TV sieht und hört man Ausschnitte. So interagieren Old und New Media. Die neue Wahlkampfdialektik – mit Online first. Die Kandidaten haben gelernt, oder deren Berater. Ob sie authentisch mit Facebook, Twitter und Co. umgehen, bleibt abzuwarten.

Der kommende Wahlkampf dürfte einer der spannendsten in der Geschichte werden. Nicht nur, weil so viele Kandidaten antreten, sondern weil das Match offen ist wie schon lange nicht. Auch, weil verstärkt neue Kommunikationskanäle genutzt werden – was für eine Direktwahl entscheidend ist. Kein ­Medium gibt so rasch Rückmeldungen wie das Web. Wer New Media noch dazu geschickt mit öffentlichen Auftritten verbindet, Guerilla und virale PR beherrscht, wird überzeugen.

Noch eins: Ältere Wähler sind keine Webignoranten mehr. 86 Prozent der Österreicher sind regelmäßig im Netz. Auch die Älteren werden die Homepages interessiert studieren. Vielleicht kommt es sogar zu einer ersten Web-Elefantenrunde – noch dazu, weil es keine Diskussionsrunden im TV geben könnte, wie man hört. Eventuell entdecken die Wahlkampfleiter auch das neueste Gadget der Marketingwelt: Snack Content. Die witzigen animierten Kurzvideos erzählen eine Botschaft in wenigen Sekunden. Coca-Cola jagte so einen Spot millionenfach durch die sozialen Netzwerke. Die Parteien könnten ­daraus lernen. Wenn sie es können.

[Marlene Auer]  
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