Die neue Art der Arbeit
 

Die neue Art der Arbeit

Ian Ehm
Marlene Auer ist Chefredakteurin von bestseller und HORIZONT – und kommentiert hier ihre Eindrücke, die sie auf der „Study Tour“ des ÖZV in Berlin gewonnen hat.
Marlene Auer ist Chefredakteurin von bestseller und HORIZONT – und kommentiert hier ihre Eindrücke, die sie auf der „Study Tour“ des ÖZV in Berlin gewonnen hat.

Bestseller-Leitartikel von Marlene Auer

Dieser Artikel stammt aus der Bestseller-Ausgabe 1/2016. Lesen Sie den aktuellen Bestseller, ein Magazin des Manstein-Verlags, das die Herausforderungen von morgen und übermorgen in den Fokus rückt, auf www.bestseller.at. Die nächste Ausgabe erscheint am 27. April 2016. Hier geht's zur Abo-Bestellung. 

Die Zeichen für den Wandel sind quadratisch, einen halben Meter hoch und mit grauem, schwarzem und rotem Stoff bezogen. Wer den Meetingraum der Zeit-Online-Redaktion in Berlin betritt, findet keinen meterlangen Besprechungstisch mit schwarzen Drehsesseln – sondern viele kleine Sitzwürfel, die kreuz und quer verteilt im Raum stehen. Bei Google gibt es zwar noch klassische Konferenzräume, lieber aber treffen einander die Mitarbeiter in der Küche oder sitzen dort auf der Schaukel. Und beim Analytics-Unternehmen adjust ziehen sich Kollegen für Besprechungen in eine der beiden kleinen Holzhütten zurück, die im Großraumbüro stehen.

Die Arbeitswelt ist offener geworden – nicht nur räumlich und inhaltlich, sondern auch in der menschlichen Beziehung zueinander. Man stellt Tischfußballtische und Carrera-Bahnen in die Büros, baut Minigolfbahnen in die Flure, richtet Sitzecken mit bunten Pölstern ein und installiert große TV-Screens. Die Unternehmen engagieren Köche, lassen täglich steigenweise frisches Obst liefern, füllen die Kühlschränke mit kalten Getränken und an der Bar in der Küche gibt es Gin, Rum und Whisky. Chefs zwängen Mitarbeiter in keine Büros mehr, sondern zimmern ihnen eine Art Wohnung. Nach dem Motto: "Die Firma sorgt für dich." US-Konzerne wie Facebook haben es gezeigt, immer mehr europäische Unternehmen ahmen es nach. Nur zum Schlafen muss man noch nach Hause. Aber bald wird es auch Coliving geben. Nest ist ein Pionierprojekt: der Zusammenschluss von Gründern und Kreativen, die sich vier Wohnungen in der City von Kopenhagen teilen. 21 Zimmer gibt es und vier Gemeinschaftsräume. Jeder hat Schlüssel zu allen Wohnungen. Nicht immer geht es hier um die Arbeit. Aber oft wird aus dem zufälligen abendlichen Beisammensitzen eine Brainstorming-Session. Ein guter Job heißt heute für viele: machen, was man liebt, mit Menschen, die man mag, in Räumen, in denen man sich wohlfühlt.

Klingt großartig. Die Idee dahinter ist aber knallhartes Business: Wer gern ist, wo er arbeitet, tut das länger und geht Extrameilen. Meist unentgeltlich. Weil es Spaß macht. Weil die Firma doch so gut zu einem ist. Ein psychologisch kluger Schachzug, aber auch ein gefährlicher. Es verschwimmen die  Grenzen zwischen Privatleben und Job, es klingt nach Ausbeutung und Abhängigkeit.

Unternehmer sollten lernen, den schmalen Grat zu gehen, um Mitarbeiter zu binden, aber sie nicht zu entmündigen oder zu vereinnahmen. Wohlfühlatmosphäre zu schaffen, ohne sie davon abhängig zu machen. Sie sollten Herausforderungen stellen, aber Mitarbeiter nicht kreativ aussaugen. Frischer Spirit entsteht nur durch individuelle Ideen. Die können nur reifen, wenn Mitarbeiter selbstständig denken.

Es geht um Vertrauen. Vertrauen in die Generation Y, die derzeit in vielen Firmen avanciert. Die jungen Profis der Branche haben schon mit genug Vorurteilen zu kämpfen: Sie gelten als vergnügungssüchtig und wenig karrierebewusst. Das stimmt nicht. Im Gegenteil.

Die Generation Y ist zielstrebig, sie sucht aber intensiver nach dem Sinn im Leben als Generationen zuvor. Der Shell-Jugendstudie zufolge stehen Tugenden wie Fleiß und Ehrgeiz besonders hoch im Kurs. Also wird auch diese Generation aus sich selbst heraus großartige Werbekampagnen kreieren, eindrucksvolle Reportagen schreiben und neue Projekte vorantreiben. Die Jungen wollen bloß flexibel
sein – sagt eine Untersuchung der Wirtschaftsprüfer von PricewaterhouseCoopers (PwC). Nicht weniger arbeiten, sondern anders arbeiten. Anders leben. Anders denken. Und das ist doch eine große Chance – für die Branche und für die gesamte Wirtschaft.
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