Die Medientage-Eröffnungsrede von Hans-Jörgen...
 

Die Medientage-Eröffnungsrede von Hans-Jörgen Manstein im Wortlaut

Johannes Brunnbauer
Medientage 2016 Tag1 am WU Campus, am 20.09.2016 | (c) Medientage/Brunnbauer
Medientage 2016 Tag1 am WU Campus, am 20.09.2016 | (c) Medientage/Brunnbauer

"Solange wir Österreich als paternalistischen Staat begreifen werden wir auch keine mündigen Bürger haben", sagt der Aufsichtsrats-Vorsitzende des Manstein Verlags.

Sehr geehrte Damen und Herren!

Herzlich Willkommen bei den Medientagen 2016

Es gehört zu den mehr oder minder beliebten Traditionen der Eröffnung, dass ich an den Beginn eines wahrlich dichten Programmes einige persönliche Überlegungen zur Medienpolitik undzum Mediengeschehen voranstelle.

Keine Sorge: Ich verzichte bewusst auf einen kritischen Rundumschlag.

Ich will auch nicht in das meist bürgerliche Lamento einstimmen, das sich in der Larmoyanz leserbriefschreibender Deutsch – oder Lateinprofessoren meist intellektuelle Luft macht. Nein, es geht um die Wechselwirkung von Medien, Politik und gesellschaftlicher Befindlichkeit beim Leser, Hörer oder Seher.

Doch ohne kritische Anmerkungen wird es doch nicht gehen: Verstehen Sie bitte meine diesjährigen Ausführungen als leidenschaftliches Plädoyer für eine Renaissance der Qualität. Der Objektivität – zumindest der versuchten – sowie der Faktenkonformität in der Berichterstattung.

Das zu fordern ist angesichts der herrschenden Rahmenbedingungen nicht leicht. Wir haben ja derzeit mit der Mittelmäßigkeit als gesamtgesellschaftlichem Mainstream zu tun.

Die amtierende Politik ist mittelmäßig und viele Medien haben sich in Berichterstattung und Analyse diesem Niveau mit Elan angepasst.

Wer Geld nimmt vom Staat, der ist nicht mehr objektiv. Er gerät in Abhängigkeit, was dem jeweiligen Medium absolut nicht guttut.

Ich meine damit nicht die Presseförderung, die demnächst neuerlich – zum wievielten Mal eigentlich? – nach qualitätsfördernden Kriterien umgebaut und nach Verlegerwunsch ausgeweitet werden soll.

Nein, ich meine jene Inseratenaktivitäten von Gebietskörperschaften und jener unter ihrem politischem Einfluss stehenden Unternehmen, die in den vergangenen Jahren einen unleugbaren Struktureffekt hatten: Das Forcieren der Wohlmeinung gegenüber den politischen Akteuren aus Bund und Land in Gratisblatt und Boulevard.

Das ist eine Fehlentwicklung, denn das materielle wie ideelle Überleben vieler Medien – ob Print oder elektronisch ist dabei sekundär – wird nur durch Qualität und Faktenkonformität zu erreichen sein.

Für die Mobilisierung der halbinformierten Schlagzeilengesellschaft sorgen ja schon die vielgepriesenen Sozialen Medien.

Wer sein politisches Weltbild und seine Urteilskraft aus Facebook, Twitter oder ähnlichen Kanälen formt, der versäumt nicht nur die Komplexität der Zusammenhänge, der wird darüber hinaus für Schlagworte und polemische Verkürzung der Inhalte sehr empfänglich. Der glaubt dann wirklich, dass die Zusammensetzung eines Klebstoffes das zentrale innenpolitische Thema ist.

Die Steuerpläne des Bundeskanzlers und deren mögliche gesellschaftliche Auswirkungen geraten dabei ebenso unter die Aufmerksamkeitsräder wie etwa die Bedeutung von Handelsabkommen wie CETA oder TTIP.

Wer auf Faktenrecherche und investigative Berichterstattung verzichtet, bei dem hat das „Schweigegeld“ namens Medieninvestment der öffentlichen Hand schon volle Wirkung gezeigt.

Daher fordere ich von dieser Stelle ein Wiedererstarken des Qualitätssensoriums der Medienmacher und der Rezipienten. Denn auch diese können demokratiepolitisch nicht aus der Verantwortung gelassen werden.

Zumal unsere Gesellschaft, verunsichert von innen - und außenpolitischen Entwicklungen, die teilweise bis in die persönlichen Lebensumstände und Befindlichkeiten reichen, dringend glaubwürdige und auch seriös argumentiert Orientierung braucht.

Abstiegsängste da und dort, mangelnde Aufstiegsperspektiven in der Jugend, Angst vor dem Alter und Angst vor Armut im Alter in der Aufbaugeneration und ein diffuses Gefühl der Beklemmung überall.

Leider muss ich konstatieren,wir alle die wir Medien betreiben, das noch schüren.

Gefangen sind wir im Netzwerk der sozialen Medien, in den algorithmengesteuerten Datenbanken der großen Player, die uns besser kennen als wir je glaubten, dass wir uns selbst kennen.

Am Ende wird vor lauter Kommunikation gar nicht mehr kommuniziert, zumindest nicht mehr rezipiert, nur mehr reagiert. Meldungen dienen vielfach, und das kreide ich den sozialen Medien und deren Suchoptionen an, die eigene Meinung zu bestätigen.

Das verunmöglicht Diskurs. Das ist die Basis für unkontrollierten Hass gegen Andere, resultierend aus einer Angst vor dem Fremden.

Wer das Fremde nicht kennenlernen will, wird auch nicht Toleranz kennen. Das alles hat scheinbar, und ich sage bewußt scheinbar, nichts mit der Mediensituation heute zu tun. Ich wage die These. Es ist exakt die Konsequenz der Medialisierung.

Ja, wir Verlegerhaben auch unseres dazu getan, dass die Verwirrung so groß ist, weil wir uns selbst lange nicht eingestanden haben, in welcher Strukturkrise sich unsere klassischen Medien befinden.

Es ist uns lange gut gegangen, zumindest bis zum Jahre 2008, als der große Wirtschafts-und Finanzeinbruch kam, wir haben lange die Bewegungen rund um uns übersehen oder ignoriert, klein gemacht oder uns falsch angepasst an sie.

Wir waren von unserer Meinungs-und Wissenshegemonie überzeugt. Wir sind ja die Fachleute.

Heute sind wir beides nicht mehr, die sozialen Medien haben uns überholt in einem Tempo, das wir nicht einmal mit einem Augenzwinkern nachahmen konnten. Wir bewegen uns in Richtung eines Mainstreams der uns unweigerlich mitzieht, den wir aber nicht kennen.

Dass das zu einer Desorientierung, zu einem Aufheizen des Klimas mit beiträgt, ist nicht unsere Schuld, sondern Resultat des schlecht vorbereiteten Überlebenskampfes vieler Medien.

Was wir verabsäumt haben ist eine Qualitätsdebatte zu führen. Was wir verabsäumt haben ist das, was wir der Politik vorwerfen, nämlich Investition in Bildung und Infrastruktur. Wir haben und das müssen wir uns eingestehen, keine Qualitätsdebatte geführt.Von Ausnahmen natürlich abgesehen.

In einer derartigen Situation ist Innehalten und Bereitschaft zum raschen Umsetzen zugleich gefordert. Wir müssen die Angst vor Fehlern bezwingen, eingestehen, dass wir falsche Wege gehen um den richtigen zu finden.

Letztendlich entscheidet das, was der Urgrund von Entertainment und Information ist: Qualität und Kunst der Narration.

Wir haben unser Narrativ verloren. Wir nehmen Meldungen zur Kenntnis ohne Hintergründe zu kennen und wir als Journalisten sind auch nicht bereit, oder nicht mehr gut genug, diese Hintergründe in eine Story zu bringen. In einen Lebensroman, wenn sie so wollen.

So verlieren wir uns in Kürzel, was sehr rasch zu Wut, zu Ohnmacht, zu Fehlinterpretationen führt.

Medien müssen heute als Unternehmen darauf schauen, dass sie finanziell überleben, Politik müsste darauf achten, dass sie Rahmenbedingungen für das Überleben der Meinungs-und Medienfreiheit bietet und nichts Anderes.

Politik soll Medienpolitik machen, nicht Politik für oder gegen bestimmte Medien und vor allem nicht den Versuch machen, Medien zu steuern.

Wir haben das bei den kürzlich stattgefundenen Wahlen zum ORF-Generaldirektor gesehen. Wir bemerken das an vielen Besetzungen im Kultur-und Medienbereich, dass Politik noch immer nicht gelernt hat, demokratische und bürgerlich selbständige Gesellschaften zu akzeptieren.

Solange wir Österreich als paternalistischen Staat begreifen werden wir auch keine mündigen Bürger haben. Solange wir Bildungspolitik als Floskelsuada und Streit zwischen Ganztagsbetreuung, strukturierter Ganztagsbetreuung, Wahlfreiheit, Gesamtschule, Kooperative Mittelschule oder Neue Mittelschule oder wie immer begreifen, bleiben wir selbst arm.In der Bildungspolitik wird nichts weitergehen.

Solange unsere Medien wesentliche Teile ihrer redaktionellen Felder dafür nutzen um gegeneinander zu polarisieren werden wir keine Medienkultur in Österreich neu erschaffen.

Die Gefahr aller Nationalismen und Verengungen trägt mit sich, dass man in den anderen primär den Feind sieht und nicht mehr die Gemeinsamkeiten.

Das ist nicht Disruption, das ist Fragmentierung und bewusste Zerstörung von Solidarität. Das zu verhindern sind wir aufgerufen. Heute, morgen und in unserem Überlebenskampf.

[Hans-Jörgen Manstein]
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