,Die Katastrophe setzt sich fort‘
 

,Die Katastrophe setzt sich fort‘

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Nach 20 Jahren ließ Falter-Herausgeber Armin Thurnher sein wöchentliches Ceterum Censeo verschwinden. Dem HORIZONT erklärt er, weshalb.

HORIZONT: Das Markenzeichen Ihres Leitartikels im Falter, Ihr Ceterum Censeo „Im Übrigen bin ich der Meinung, der Mediamil-Komplex muss zerschlagen werden“, ist verschwunden. Wie kam es dazu?

Armin Thurnher: Mit dem Gedanken habe ich schon länger gespielt. Dann kam ein tragischer Anlass, nämlich der Tod von Barbara Prammer. Beim Nachruf auf Prammer ließ ich den Satz aus Gründen der Pietät weg. Das war genau der 20. Jahrestag dieses Satzes und ich fand es charmant, den stehenden Satz einmal ohne große Erklärung verschwinden zu lassen, und zu schauen, was passiert.

HORIZONT: Und was ist passiert?

Thurnher: Zunächst erstaunlich wenig. Auch aus der Falter-Redaktion kam kaum etwas, wobei nachträglich viele sagen, sie hätten es selbstverständlich bemerkt (lacht). Aber jetzt häufen sich die Mails mit Fragen und Aufforderungen.

HORIZONT: Sie begannen 1994, die Zerschlagung der Mediaprint als marktdominierendes Verlagskonstrukt von Kronen Zeitung und Kurier zu fordern. Nach der Jahrtausendwende und der Fusion von Verlagsgruppe News und der Magazingruppe des Kurier, trend/profil, schufen sie das Wort „Mediamil-Komplex“ – das stand für Mediaprint und Verlagsgruppe News. Was war 1994 eigentlich der unmittelbare Anlass, für dieses Ceterum Censeo, die Mediaprint gab es ja schon seit den Achtzigern?

Thurnher: Der unmittelbare Anlass war eigentlich nur eine blöde Idee. Ich polemisierte wieder einmal gegen Hans Dichand, der in der Kronen Zeitung immer wieder unter dem Pseudonym Cato schrieb. Er hatte jedoch kein Ceterum Censeo wie der echte Cato (Ceterum Censeo Carthaginem esse delendam, Im Übrigen bin ich der Meinung, Karthago muss zerstört werden, Anm.). Also dachte ich mir: Das schenke ich ihm. Und so wurde es dann irgendwie zur Marke.

HORIZONT: Ihr Anliegen war, wöchentlich die Medienkonzentration in diesem Land anzuprangern. Ging es Ihnen hier vor allem um publizistische Aspekte oder mehr um das strukturelle Marktgefüge?

Thurnher: Sowohl als auch. Es ist ja ganz interessant, dass dieses Konglomerat jetzt kaum mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht. Da gibt es offenbar auch eine gewisse Müdigkeit. Dabei ist dieses Konglomerat ja heute nicht weniger wirksam als damals. Es kann nach wie vor den Lesermarkt, den Anzeigenmarkt und den Autorenmarkt sehr stark beeinflussen.

HORIZONT: Hätten Sie damals erwartet, dass sich Kurier und Kronen Zeitung anno 2014 so heftig publizistisch bekämpfen?

Thurnher: Das ist gar nicht der Punkt, außerdem halte ich diese Scharmützel für oberflächliche Symptome. Diese Medien agieren kommerziell, also bei Aboverkauf, Anzeigenvermarktung, Vertrieb und Druck, als ein Gebilde mit schön abgesteckten Märkten. Was allerdings Faktum ist und auch ein Motiv war, den letzten Satz aufzugeben: Die Familie Dichand selbst wäre ja lieber heute als morgen aus dem Konglomerat heraußen, erstens aufgrund der Probleme mit der Funke Gruppe und zweitens weil die Krone den Kurier aufgrund der Gewinnausschüttungsregel der Mediaprint (70 Prozent für die Kronen Zeitung, 30 Prozent für den Kurier, Anm.) quasi mitalimentiert. Und indem ich die Zerschlagung dieses Konstrukts forderte, tat ich der Familie Dichand inzwischen quasi einen Gefallen – und das war mir dann doch etwas zu paradox (lacht).

HORIZONT: Ein oft gebrachtes Argument lautet: Ohne die Mediaprint würde es den Kurier heute nicht mehr geben. Wäre das vielleicht besser für die Medienvielfalt?

Thurnher: Ich bezweifle das, denn es hätte für den Kurier andere Interessenten gegeben. Damals herrschte in der deutschen Zeitungslandschaft Hochkonjunktur, der Osten war noch nicht geöffnet, und die deutschen Verlage haben Investitionsmöglichkeiten gesucht. Da hätte sich jemand gefunden und wir hätten heute einen anderen Medienmarkt in diesem Land.

HORIZONT: In Ihrer Kolumne im aktuellen Bestseller schreiben Sie sinngemäß, heute gebe es ganz andere Medienkonzerne, deren Zerschlagung sich zu fordern lohnt. Sind Mediaprint und Verlagsgruppe News mit all ihren gegenwärtigen Herausforderungen für Sie keine Gefahr mehr angesichts von Google, Amazon oder Apple?

Thurnher: Zum Teil. Erstens war „Mediamil-Komplex“ ohnehin ein lückenhaftes Bild, weil etwa die Gratiszeitungen Heute und Österreich darin nicht erfasst sind. Der Satz sollte ja das strukturelle Defizit des kaputten österreichischen Medienmarktes anprangern. Dieser desaströse Zustand hat mittlerweile Folgen gezeigt, insbesondere was die Mentalität der Politik betrifft, die diese Medien immer noch mit Inseratengeldern füttert. Die Katastrophe, die damals mit der Mediaprint begonnen hatte, setzte sich fort – auch mit dem Privatfernsehen. Und auch der ORF sorgt dafür, dass sich die Katastrophe fortsetzt, weil er diese Nivellierung nach unten zulässt und der Massentauglichkeit hinterherhechelt. Daher traf der Satz zuletzt auch nicht mehr genau, sondern war mehr das Abzeichen einer kritischen Gesinnung, das aber zu kurz griff. Aber natürlich, inmitten der digitalen Revolution ist die Bedeutung all dessen auch nicht mehr so groß. Da scheinen mir die transnationalen Oligopole à la Google schon viel bedrohlicher.

HORIZONT: Mit den sozialen Netzwerken gehen Sie auch gerne kritisch ins Gericht.

Thurnher: Ich finde dort so wenig Bereitschaft für echten Diskurs. Wenn jemand den Mut aufbringt, sich mit etwas in der Tiefe auseinanderzusetzen, wird er oder sie so schnell und reflexhaft in ein Eck, vorzugsweise ins rechte Eck, gestellt. Ich merke auch in der Kollegenschaft, wie das zur Selbstzensur führt, und man sich gegenseitig sagt: Tu dir das lieber nicht an! Das halte ich für sehr problematisch.

HORIZONT: Dabei könnte es doch der Inbegriff einer demokratischen Öffentlichkeit sein. Warum haut es nicht so recht hin?

Thurnher: Ich weiß es nicht. Es ist eine merkwürdige Öffentlichkeit, weil die physische Unmittelbarkeit fehlt. Man ist allein, tippt etwas in sein Smartphone und ist dann überrascht von der eigenen Rüpelhaftigkeit. Beim Publizieren ist es ja durchaus ähnlich, nur geht es nicht ganz so schnell. Aber auch da kommt es vor, dass man Leute verletzt, ohne dass man es eigentlich will – oder zumindest nicht in der Intensität. Vermutlich werde ich mir auch morgen über meinen heute Vormittag eilig geschriebenen Leitartikel zum Abgang von Michael Spindelegger denken, dass ich da ruhig etwas sachlicher vorgehen hätte können. Und in den sozialen Netzwerken ist es noch viel extremer, weil alles sofort passiert und die Reflexion wegfällt.

HORIZONT: Kommen wir zum Falter, wie lief das Jahr bisher?

Thurnher: Zu meiner Freude verkaufen wir jedes Jahr mehr Exemplare als im Jahr davor. Das sind zwar keine Riesensprünge, aber doch. Auch unsere Website kommt gut an. Sie ist zwar ärmlich, aber sauber und insgesamt ein Fortschritt. Die Schwierigkeiten am Anzeigenmarkt spüren wir natürlich auch. Das erste Halbjahr war unter den Erwartungen, ich hoffe aber, dass wir das im Herbst aufholen können. Aber so wie es einmal war, wird der Werbemarkt für Print wohl nicht mehr.

HORIZONT: Was Insidern immer komisch vorkommt, sind die Novomatic-Inserate im Falter, der diesem Unternehmen und seiner ganzen Industrie wahrlich nicht freundlich gegenübersteht.

Thurnher: Ja, das fällt auf. Die sind genauso bezahlt wie die Inserate der Casinos Austria, die wir ja auch haben. Das wird unsere Meinung zum Glücksspiel nicht ändern.

HORIZONT: Fast kommt es einem vor, die wollen den Falter mit ihren Inseraten ärgern.

Thurnher: Ich würde mir wünschen, dass alle, die mit unserer Berichterstattung nicht zufrieden sind, uns auf diese Weise ärgern wollen (lacht).

HORIZONT: Vergangene Woche legte der Falter eine Beilage zur Wirtschaftskrise vor – in Kooperation mit der Arbeiterkammer, was teils heftige Kritik hervorrief. Haben Sie das erwartet?

Thurnher: Ja, weil diese Kooperationen immer für Kritik sorgen. Wir haben zwei Arten von Beilagen: Die einen macht der Verlag für Werbekunden und die entstehen völlig unabhängig von der Falter-Redaktion. Die anderen sind Kooperationen in der Art wie die genannte Beilage. Da wird ausgewiesen, wer dafür zahlt, nämlich in dem Fall die Arbeiterkammer. Das Heft entsteht aber unter der redaktionellen Hoheit der Falter-Redaktion, wobei da auch Experten der Arbeiterkammer mitgewirkt haben. Alle Beiträge wurden aber von der Falter-Redaktion abgesegnet und somit verantwortet. Ich hätte auch kein Problem damit, wenn der Verbund mit der Idee für eine Beilage zur Energiepolitik zu uns kommt – in redaktioneller Autonomie des Falter und vielleicht unter Hinzuziehung einiger Experten des Verbundes.

HORIZONT: Der reinen Lehre aus Trennung zwischen Redaktion und Verkauf entspricht das aber auch nicht.

Thurnher: Natürlich sind solche Projekte heikel, vor allem in Österreich, wo es diesbezüglich eine Unkultur gibt. Wenn man – so wie wir – den Auftraggeber klar ausweist und die Glaubwürdigkeit hat, dass man inhaltliche Autonomie bewahren kann, sehe ich da kein Problem. Besser ist natürlich das neutrale Inserat in der Zeitung, aber diese Form der Finanzierung durch Werbung geht immer mehr zurück.

HORIZONT: Wird’s jemals ein neues Ceterum Censeo von Ihnen geben?

Thurnher: Ich weiß nicht, mal schauen, wie es mir ohne diesen Satz geht. Ich hatte ja einmal die Utopie, mehrere stehende Sätze anzuhäufen und irgendwann die ganze Kolumne als einzige Aneinanderreihung stehender Sätze bespielen zu können … Ästhetisch ist es jedenfalls eine Befreiung für mich. Außerdem: 20 Jahre sind genug.
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