'Die Chance zur Kehrtwende besteht'
 

'Die Chance zur Kehrtwende besteht'

Stephan Ruß-Mohl bei der VÖZ-Klausur in Oberlech über Paid-Content-Modelle im Web.

Die wirtschaftliche Situation auf den Zeitungsmärkten und neue Bezahlmodelle für Internet und digitale Plattformen waren neben dem ORF wesentliche Kernthemen bei der am Dienstag zu Ende gegangenen Klausur des Verbands Österreichischer Zeitungen (VÖZ) in Oberlech in Vorarlberg.

Stephan Ruß-Mohl, Professor an der Universität in Lugano, berichtete dabei über die dramatische internationale Entwicklung auf den Medienmärkten und lieferte den Verlegern gleich mehrere "Sprengsätze". Den Qualitätsjournalismus in den USA sieht Ruß-Mohl bereits akut gefährdet. Etliche Tageszeitungen befänden sich in einer "Todesspirale - Leser wandern in Massen ins Internet ab und zahlen dort nicht mehr für Inhalte". US-Zeitungen seien mit einem "dramatischen Auflagenrückgang" (bis zu 30 Prozent) konfrontiert, der Journalismus kämpfe mit Glaubwürdigkeitsverlust, das Anzeigenaufkommen breche weg und reine Online-Player ruinierten das Kleinanzeigen-Geschäft. Die Zeitungsredaktionen in den USA seien seit 2007 um 27 Prozent geschrumpft. Von PR-Abteilungen werde dieser Umstand ausgenützt, um den Einfluss auf die Berichterstattung zu vergrößern.

Die Entwicklung in Europa sei dagegen weniger dramatisch – der Anteil der Verkaufserlöse hier traditionell höher, und dass auf Online-Portalen alles gratis sein müsse, nicht ganz so selbstverständlich. Auch die Blogger- und Bürgerjournalisten-Szene ist Ruß-Mohl zufolge in Europa weniger stark ausgeprägt und die Abhängigkeit der Medien vom Kapitalmarkt ungleich geringer. Im Kontext der Gratis-Kultur im Web bemüht der Medienwissenschaftler einen Vergleich: "Das wäre so, als würde Coca Cola in Alu-Dosen auf der Straße verschenkt, während es in der Glasflasche noch was kostet - wer soll da noch Coca Cola in der Flasche kaufen?"

Es werde zwar schwer sein, dieses Rad zurückzudrehen, die Chance zur Kehrtwende bestehe aber und sei "unvermeidbar". Die Medien müssten das "Fairness-Empfinden" des Publikums mobilisieren und "hinreichend erklären, warum Inhalte im Internet etwas kosten müssen". Bei den Eliten ortet Ruß-Mohl jedenfalls die nötige Zahlungsbereitschaft. Ein faires Online-Preismodell, das im Gegensatz zur gedruckten Zeitung den Wegfall von Druck- und Vertriebskosten berücksichtigt, könnte am besten funktionieren, meinte Ruß-Mohl.

(Quelle: APA)
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