Die Chance aus der Vertrauenskrise
 

Die Chance aus der Vertrauenskrise

Ian Ehm

Nach der Lügenpresse-Debatte stehen nun soziale Netzwerke in der Kritik. Wie sich klassische Medien das gerade jetzt zunutze machen können. Leitartikel von Marlene Auer, Herausgeberin und Chefredakteurin.

Dieser Leitartikel ist zuerst in Ausgabe Nr. 17/2018 des HORIZONT erschienen. Noch kein Abo? Hier klicken!

Es scheint, als spiele klassischen Medien alles in Hände: Erst Donald Trump, der mit seinen Attacken auf den Journalismus einen Auflagenanstieg gedruckter Zeitungen bewirkte. Dann die Debatte rund um Hasspostings und Fake News. Und nun Facebooks Daten-Dilemma. Es hat sich verankert, dass nicht alle Informationen auf sozialen Plattformen richtig sein müssen, dass Blogger keine Journalisten sind und es kristallisiert sich heraus, wie wichtig die Arbeit von Redaktionen für Meinungsbildung und Demokratie ist. Die Lügenpresse-Schreie sind leiser geworden, die Diskussion darüber ist nicht verschwunden – aber abgeebbt. Dafür wird zunehmend wieder über Journalismus gesprochen, auf Podien, in Talkshows, an Stammtischen.

Das ist eine Riesen-Chance. Es ist Zeit, dass Medien den Zeitpunkt erkennen und jetzt in die Offensive gehen. Gesicherte Informationen können nur von echten Journalisten in echten Redaktionen kommen. Eine echte Redaktion umfasst zudem Hierarchien – mit Personen in Verantwortungsfunktionen. Mit ethischen Grundsätzen, Blattlinien und einem Ehrenkodex. Im Journalismus geht es auf vielen Ebenen um Vertrauen, sowohl im täglichen Arbeiten mit Hintergrundinformationen zur Einordnung von Nachrichten, als auch in der Beziehung zu den Lesern, Sehern oder Usern. Die aktuelle Vertrauenskrise in Social Media ist es, die sich klassische Medien – von Print über Radio bis TV – unbedingt zunutze machen sollten.

Die sozialen Plattformen werden in der Zukunft wohl noch weiter in die Zwickmühle kommen. Der Fall der Facebook-Datenaffäre könnte nur die Spitze des Eisbergs sein, das wirkliche Geschäft mit den Datenströmen hat noch gar nicht richtig begonnen. Während die ganze Welt über den Einfluss der Datenverwendung auf das Brexit-Voting spricht, tut sich bereits das nächste virtuelle Geschäftsfeld auf: die Gesichtserkennung. Werden Mimiken gescreent und gewertet, können Stimmungslagen etwa nach Regionen oder zu Produkten geclustert werden – das ist nicht nur für die Politik spannend, sondern etwa auch für die Markenartikelindustrie. Und die ist ein wirklich „großer Fisch“.

Es ist eine Utopie, ernsthaft zu glauben, Facebook und Co zerschlagen zu können. Auch werden Medienhäuser die sozialen Plattformen weiter mit Inhalten füttern, und das ist zur Erschließung neuer Zielgruppen und gezielten Verbreitung von Nachrichten für bestimmte Personenkreise auch verständlich.

Einzig die wirtschaftliche Abhängigkeit macht vielen Medien zu schaffen. In Zeiten von Sparpaketen und sinkenden Auflagen macht sich in vielen Redaktionen Angst breit. Die Folge ist nicht selten Gefälligkeitsberichterstattung und Unternehmen, die Medien als Spielball ihrer Botschaften und Platzierungsorgan von Presseaussendungen verstehen. Doch auch hier ist Selbstbewusstsein gefragt: Gedrucktes hat nach wie vor hohe Reichweiten und erzielt Vertriebserlöse. Die Bereitschaft für Paid Content wächst. Jetzt heißt es den Fokus auf die Inhalte zu legen. Denn wer nur noch unreflektiert Pressemitteilungen abdruckt, bei Ansprechpartnern nicht auf den Zahn fühlt, nachhakt und kritisch bleibt, wird eines Tages keine Leser mehr haben. Egal auf welchem Channel.

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