"Die Balance stimmt nicht"
 

"Die Balance stimmt nicht"

Sebastian Philipp
Okto-Geschäftsführer Christian Jungwirth feiert zehnjähriges Senderbestehen und will 2016 auf Live-Events setzen. Auch der kleine Community-Sender muss schauen, wie man Zuschauer im Linear-TV halten kann.
Okto-Geschäftsführer Christian Jungwirth feiert zehnjähriges Senderbestehen und will 2016 auf Live-Events setzen. Auch der kleine Community-Sender muss schauen, wie man Zuschauer im Linear-TV halten kann.

Drei Millionen Euro erhalten nichtkommerzielle Sender von der RTR, die Privaten bekommen 15 Millionen. Okto-Chef Jungwirth zieht zum Senderjubiläum Bilanz.

Diese Geschichte erschien bereits am 27. November in der HORIZONT-Printausgabe 48/2015. Hier geht's zur Abo-Bestellung.

Vor ziemlich genau zehn Jahren, am 28. November 2005, ging mit Okto Österreichs erster Community-Sender on air. Es war eine Zeit, in der alle und alles, das nicht auf den Namen ORF hörte und Fernsehen machen wollte, in den Kinderschuhen steckte. Einer, der von Anfang an dabei war, ist Geschäftsführer Christian Jungwirth. „Wir wollten damals der bessere ­öffentlich-rechtliche Rundfunk sein“, sagt er heute. Das habe man inzwischen auch tatsächlich geschafft, „davon bin ich extrem überzeugt“. Damals sei Österreich juristisch überhaupt nicht auf einen nichtkommerziellen Fernsehsender vorbereitet gewesen, sagt Jungwirth. Daher hat der Okto-Geschäftsführer in den vergangenen Jahren auch oft dafür gekämpft, dass nichtkommerzielle Rundfunksender gleich behandelt werden wie die kommerziellen Privaten und der ORF. Heute sei der Bereich schon relativ gut ausdefiniert, sagt Jungwirth. 

ORF III änderte alles



Doch es gab in der zehnjährigen Sendergeschichte auch Probleme. ORF III war so eines. „Durch den Start von ORF III hat sich für uns sehr viel geändert“, betont Jungwirth, dem im Gespräch mit HORIZONT kein Zorn auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk anzumerken ist. Jahrelang ­kooperierten beide Sender. Okto zeigte in seinem wöchentlichen „Haber ­Magazin“ Highlights von „Wien heute“ auf türkisch, der ORF schob wenig massentaugliche Kunstfilme an den kleinen Communitysender ab, der damit seine Marke „Okto­skop“ stärken konnte. „Irgendwann mit einem Schlag, rund um den Launch von ORF III, wurden all diese Dinge seitens des ORF eingestellt und zurückgezogen. Das war eine sehr ­erkennbare Veränderung der Politik des ORF uns gegenüber“, sagt Jungwirth. Aus Sicht des ORF war der Schritt nur verständlich: hatte man mit dem Spartensender doch einen eigenen Kanal für sämtliche Kulturproduktionen. Für Okto war es ein schmerzhafter Verlust wichtiger Formate. 

Okto will mehr Geld



Als nichtkommerzieller Sender ist das Geld beim Communitysender natürlich immer knapp. Von der Stadt Wien erhält Okto eine jährliche Subvention in Höhe von 980.000 Euro, zwischen 2013 und 2015 kamen insgesamt noch einmal 200.000 Euro Projektförderungen hinzu. Eine zweite Geldquelle ist der Nichtkommerzielle Rundfunkfonds der RTR, in dem drei Millionen Euro liegen und aus dem Okto heuer etwa 480.000 erhalten hat. Grund­sätzlich zeigt sich Jungwirth mit der Förderung beziehungsweise Subventionierung sehr zufrieden: „Die Stadt Wien vollbringt mit der Finanzierung von Okto und Radio Orange eine epochale Leistung. Mit Ausnahme der FPÖ steht der gesamte Gemeinderat hinter uns.“

Dennoch sei man politisch unabhängig, „nach zehn Jahren ist das mittlerweile verifiziert“. Auch über das Geld der RTR sei er dankbar, erklärt Jungwirth. „Hinterfragenswürdig finde ich die zwei ­Förderansätze zwischen nicht­kommerziellen und privaten Rundfunkanbietern.“ Dass die großen Privatsender, die ja bekanntlich kommerziell arbeiten, aus öffentlichen Mitteln mit hohen, siebenstelligen Beträgen finanziert werden, sei eine Crux. „Subventionen sollten nur gemeinnützige Einrichtungen, wie wir sie sind, erhalten“, so Jungwirth. 

Hintergrund: Der Privatrundfunkfonds ist 15 Millionen Euro schwer. Puls 4, ATV und ServusTV erhalten aus diesem Topf jeweils mehr als zwei Millionen Euro. „Da stimmt die Balance nicht“, kritisiert der Okto-Chef. Zur Erinnerung: Der Vorstand von ProSiebenSat.1 erhielt im vergangenen Jahr Bonuszahlungen in Höhe von 76,8 Millionen Euro, alleine Vorstandschef Thomas Ebeling kassierte 23,4 Millionen. Dass sich dieser Konzern in Österreich Förderungen des Staates abhole, stehe in keinem Verhältnis, so Jungwirth, der im Gespräch mit HORIZONT auch eine Idee zur Umverteilung der Gelder hat.

„Wenn wir den recht gut funktionierenden nichtkommerziellen Sektor, den es ja nicht wegen sondern trotz der Politik in Österreich gibt, mit Mitteln zwischen sieben und zehn Millionen Euro ausstatten, dann fände ich das schon okay.“ Das entspräche einer Verdopplung beziehungsweise Verdreifachung der aktuellen Förderungen durch die RTR, die übrigens jedes Jahr neu beschlossen werden. Die Subventionen der Stadt Wien gelten immer für drei Jahre, die aktuelle Periode endet heuer. In den vergangenen Wochen und Monaten hat Jungwirth also viel verhandelt, um die Finanzierung auch für die nächsten drei Jahre zu sichern. 

Mehr Live-Fernsehen



Für 2016 hat Christian Jungwirth konkrete Pläne: „Wir müssen uns überlegen, wie eine adäquate Diversifizierungsstrategie aussehen kann.“ Die Mediennutzung vieler Menschen habe sich in den vergangenen Jahren stark geändert und sei heute viel spezialisierter als noch vor zehn Jahren. „Das führt dazu, dass die großen privaten Sendergruppen und auch der ORF versuchen, über entsprechende ­Gesetze bestimmte Nischenprodukte und neue Sender auf den Markt zu werfen. Einfach auch, um ihre ehemaligen Vollprogramme zu entlasten und stärker zu kommerzialisieren“, sagt Jungwirth.

Als kleiner Communitysender habe man nicht die Möglichkeit, „beim Gesetzgeber anzuklopfen und entsprechende Regelungen durchzudrücken“. Daher müsse bei Okto alles im Netz passieren. Darüber hinaus ist Live-Fernsehen eine gute Möglichkeit, um weiterhin auch linear relevant zu bleiben. Auch hier will Okto im kommenden Jahr zulegen. „Wir suchen hier verstärkt unsere eigene Definition von Live-Fernsehen, das sind bestimmte Festivals, von denen wir live berichten“, sagt der Senderchef. So habe man bereits heuer von der Game City aus dem Rathaus berichtet, für 2016 sei man nun am Überlegen, ob Live-Einstiege ebenfalls Sinn machen würden. „Wir müssen stark darauf schauen, dass wir die jungen Zielgruppen nicht verlieren. Das ist ein generelles Problem des Fernsehens, Jugendliche holen sich inzwischen ganz anders als früher ihr Bewegtbild.“ Auch die verschiedenen Möglichkeiten, die sich durch Social Media ergeben, wolle man 2016 besser einsetzen. 

‚Man muss uns nicht lieben‘



In Sachen Markenbekanntheit könnte Okto sicherlich noch zulegen, Jungwirth zeigt sich ob der begrenzten Mittel aber zufrieden. Er sagt aber auch, dass der Sender ruhig „polarisierender“ sein könnte. „Beim gesellschaftspolitischen Diskurs wollen wir zugespitzter werden.“ Wichtig sei, dass man an Okto nicht vorbei komme. „Man muss uns nicht lieben, man muss nur eine Meinung zu Okto haben. Das ist unser Ziel.“

Sprungschanze für Studierende



Okto als Communitysender mit der Zielgruppe verschiedener Gruppen von Migranten hat aber auch einen Fokus auf Studierende. Diese können TV-Konzepte erarbeiten und auch umsetzen. Derzeit arbeitet eine kleine Gruppe von Studierenden der FH Wien an einem Frühstücksfernsehen für Spätaufsteher – Anfang Dezember geht’s los. Christian Jungwirth zeigt sich besonders stolz, wenn es um die ausbildenden Maßnahmen des Senders geht. „Der Ausbildungssektor ist sehr wichtig, weil wir dadurch immer neue junge Kräfte reinbekommen. Wir sind ja eine Sprungschanze. Durch unser Unternehmen sind viele junge Menschen gegangen, die sich jetzt im Privatsektor, teilweise auch international, verwirklichen.“

Neben den Studierenden und den vielen Ehrenamtlichen arbeiten derzeit 21 Menschen fest bei Okto, in Vollzeitäquivalente umgerechnet sind es 17. Ein Ausbau ist derzeit nicht geplant, wäre mit den vorhandenen Mitteln aber auch nicht realistisch. Aber wenn es nach Christian Jungwirth geht, soll sich das mit dem Geld ja möglichst schnell ändern. Wichtiger als „mehr Geld“ ist es derzeit aber, die bestehende Finanzierung der Stadt Wien zu verlängern. Eine endgültige Entscheidung wird noch vor dem Jahreswechsel erwartet.
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