Der ORF im Morgenrot
 

Der ORF im Morgenrot

Editorial von Sebastian Loudon

Mit Redaktionsschlüssen ist das so eine Sache. Mittwoch 16 Uhr, über den Bildschirm flimmert die ORF-Debatte im Nationalrat – ausgelöst durch eine dringliche Anfrage der Grünen, diese wiederum ausgelöst durch die jüngsten und ausreichend dargestellten Postenbesetzungen knapp vor Weihnachten. Während im Parlament – wieder einmal – über den ORF diskutiert wird, wartet die Fachöffentlichkeit minütlich auf eine Aussendung mit erlösendem Charakter, dass nämlich die Bestellung von Niko Pelinka zum Büroleiter von Alexander Wrabetz doch nicht zustande kommt. 

Sie wird wohl kommen, nur bestimmt etwas zu spät für den Redaktionsschluss dieser HORIZONT-Ausgabe – viel zu spät jedenfalls für das Image von ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz und der Bundesgeschäftsführungder SPÖ. Der Redakteur einer Wochenzeitung darf angesichts seiner gleich verstreichenden Frist nicht wehleidig sein, er darf auch nicht noch nicht Geschehenes vorwegnehmen – das müssen wir anderen Medien überlassen (oe24.at titelt gerade: „Live-Ticker: Niko Pelinka: Rückzug erfolgt noch heute.“). Dafür muss der Fachzeitschriftenredakteur versuchen, zu analysieren, welche Folgen das für Österreichs mit Abstand wichtigstes Medienunternehmen haben kann. 

Wohlan: Praktisch aus dem Nichts hat sich aus dieser Personalie ein Bewusstsein für und eine Diskussion um den ORF ergeben, die ihresgleichen suchen. Auslöser dafür war nicht so sehr die Causa Pelinka selbst, sondern vor allem der innovativ und entschlossen geführte Protest der ORF-Journalisten. Weit mehr als 400.000 Mal wurde das Protestvideo der „ZiB“-Redakteure (Abspann: „Keine Produktion des ORF“) gesehen, die Kommentare unter dem Film zeigen eine überschwängliche Solidarität der Zuschauer. Und auch die Meinungselite bekennt sich unumwunden zu den Anliegen der ORF-Journalisten (siehe auch Kolumne rechts). 

Hans Rauscher schreibt im Standard-„Einserkastl“: „Der anschwellende Aufstand der ORFler ist ohne Beispiel; er ist – vielleicht – ein Anfang: ein Zeichen, dass wir so nicht weitermachen können, im ORF wie im ganzen politischen System.“ Ist die aktuelle ORF-Debatte tatsächlich der Nukleus eines „Austrian Spring“? Nur dann, wenn sich die gegenwärtige Aufregung nicht legt. Fast muss man sich ja wünschen, dass Wrabetz und Pelinka auf stur schalten und der derzeitige Zustand der Erregung anhält. Inmitten des Trubels melden sich ORF-Veteranen mit wohlmeinenden und konkreten Vorschlägen zu Wort. 

Kurt Bergmann, sein Leben lang selbst auf einer permanenten Gratwanderung zwischen Politik und ORF, fordert die Neugründung des ORF und verschickt einen Rahmenplan für dieses Unterfangen. Der Vorvorgänger von Wrabetz, Gerhard Weis, schlägt die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft vor. Egal, welche konkrete Ausgestaltung der ORF bekommt: Es besteht tatsächlich die Chance, dass er aus der gegenwärtigen Diskussion gestärkt herausgeht. Und das kraft seiner Journalisten, die endlich einmal laut genug „Es reicht“ gerufen haben. 

Von den Parteien ist diesbezüglich nicht viel zu erwarten, das zeigen die heuchlerischen Wortmeldungen in der Parlamentsdebatte – oder was soll man davon halten, dass die ÖVP in Person ihres Klubchefs Karlheinz Kopf Wrabetz, den sie vor wenigen Monaten gewählt hat, als „einen der unfähigsten Manager des Landes bezeichnet“. Den Parteien ist es nicht gegeben, den ORF in eine nächste Entwicklungsstufe zu bringen. Sie können es einfach nicht. Stattdessen sind der ORF selbst und die Zivilgesellschaft gefragt. Man muss kein Apokalyptiker sein, um zu ahnen, dass die kommenden Jahre einige sehr große Herausforderungen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt in diesem Land bereithalten werden. Umso dringender brauchen wir einen funktionierenden, motivierten und selbstbewussten ORF. Vermutlich sogar dringender denn jemals zuvor.
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