Der neue 'Freizeit'-Feinmechaniker
 

Der neue 'Freizeit'-Feinmechaniker

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Martin Kubesch ist seit 1. Juli Chefredakteur des 'Kurier'-Wochenendsupplements 'Freizeit'. Als Nachfolger von Michael Horowitz dreht er vorerst sachte an vielen kleinen Schrauben

HORIZONT: Mir wurde verraten, dass Sie heute seit sieben Uhr im Büro sind, nicht zum ersten Mal. Ist das Usus?

Martin Kubesch: Ja, ich praktiziere das beim "Kurier" sehr gerne. Morgens läutet noch kein Telefon, es kommen fast keine Mails, da hab ich den Kopf frei für die vielen Aufgaben dieses Jobs.

HORIZONT: Sie sind seit 1. Juli Chef­redakteur, zum Schreiben kamen Sie ­bisher kaum. Warum?

Kubesch: Die Masse der Dinge, die gerade jetzt am Beginn dieser Tätigkeit zu erledigen sind, hat mir noch keine Zeit dafür gelassen. Grundsätzlich schreibe ich aber schon gerne und mit großer Leidenschaft, und werde das auch schon bald wieder häufiger tun.  

HORIZONT: Was schwebt Ihnen vor?

Kubesch:  Ich möchte den Lifestyle-Faktor langfristig noch stärker forcieren und auch weitere Bereiche erschließen.   

HORIZONT: Zulasten wovon?
Kubesch:
Zulasten von gar nichts. Das Heft hält das aus, jetzt im Herbst haben wir wieder Umfänge von 120 bis 160 Seiten. Jetzt heißt es, behutsam beim Relaunch vorzugehen. Ich drehe ja seit Wochen an diversen Schrauben, und am besten ist es, wenn das kaum auffällt.

HORIZONT: An welchen drehen Sie?


Kubesch: Die "Freizeit" hat ein fantastisches Team und ist gut designt, es geht um Kleinigkeiten, darum, wo man zusätzliche Infos für den Leser unterbringen kann, wie man Geschichten besser unterteilen, Seiten besser strukturieren kann. Jedes Medium braucht eine kontinuierliche Fortentwicklung, denn die Welt um uns ändert sich ja auch ständig.  

HORIZONT: Apropos veränderte Welt: Wird es eigenen Content online geben?


Kubesch: Das entscheiden wir, wenn der Print-Relaunch abgeschlossen ist. Meine persönliche Meinung dazu ist, dass ein Magazin seinen Lesern die Richtung, in welche er das Wissen zu einem Thema vertiefen sollte, schon liefern soll. Dafür braucht es Gespür bei den Journalisten, die das kuratieren. Denn es ist online extrem schwierig, sein eigenständiges Profil zu behalten. Ich kenne das von meinem eigenen Surfverhalten: Wenn ich mir die Chronik in meinem Browser ansehe, wundere ich mich oft, auf welchen Seiten ich war, um mir Zusatzinfos zu holen. Und ich kann mich meistens kaum an etwas erinnern, was ich dabei gelesen habe.

HORIZONT: In Ihren 17 Jahren im News-Verlag gab es viele Relaunches. Was konnten Sie davon mitnehmen?


Kubesch: Eine Beobachtung ist, dass Radikalmaßnahmen bei an sich hervorragenden Produkten oft nicht dorthin führen, wohin man will. Und die "Freizeit" ist ebenso ein hervorragendes Produkt, da geht es immer nur um Nuancen.

HORIZONT: Was haben Sie aus dem News-Büro aus Ihrer berufsbedingten Unterlagensammlung mitgenommen?


Kubesch: Es waren unsagbar viele Kilo an Papier dort. Die Zeitschriften auszumisten, war weniger ein Problem, aber es waren so viele Bücher … Und Bücher werfe ich nie weg. Einige davon, die im Verlag nicht gebraucht wurden, habe ich  mitgenommen. Ich umgebe mich gerne mit Büchern. Aber fragen Sie nicht, wie es jetzt bei mir daheim aussieht.  

HORIZONT: Was ist Ihr Lifestyle-Begriff, hat er sich in jüngster Zeit geändert, Stichwort Finanzkrise und ihre Folgen?


Kubesch: Mein Begriff davon ist sehr weit gefasst. Lifestyle bedeutet ja nicht automatisch Luxus, sondern wie man sein Leben gestaltet, abseits von dem, was man unbedingt zum Leben braucht. Das reicht von Kultur über Sport bis hin etwa zur Beschäftigung mit Haustieren. Worin investiere ich also meine freie Zeit – und nicht zuletzt auch mein Geld? Und da wollen wir als Lifestyle-Medium für unsere Leser aus dem unendlichen  Angebot sehr sorgfältig das Beste aussuchen. Jeder "Freizeit"-Mitarbeiter gibt dabei dem Heft seinen persönlichen Touch. Bei fast 700.000 Lesern gibt es da eine große Spannweite an Interessen.  

HORIZONT: Was ist Ihr persönlicher Touch, Ihr Lifestyle?


Kubesch: Ich bin etwa an Mode interessiert, an Autos oder auch an mechanischen Uhren. Ich kaufe gerne DVDs …

HORIZONT: Richtige DVDs oder bloß Filme in digitaler Form?


Kubesch: Nein, ich kaufe richtige DVDs! Und sogar noch CDs! Und ­Bücher natürlich. In der ­U-Bahn am Weg zur Arbeit lese ich am Smartphone die Nachrichten, konsumiere Hard Facts. Aber das weniger Aktuelle konsumiere ich lieber als Buch, CD oder DVD. Ich bin wahrscheinlich der Musterkonsument für die Musikindus­trie. Aber ich bin deshalb kein Modernitätsverweigerer.  

HORIZONT: Und in der Musik feiern die Vinylscheiben ein Comeback …


Kubesch: Ja, Vinyl wird wieder gekauft und im Internet oft zu stolzen Preisen gehandelt. Vielleicht kann man daraus auch etwas über die vermeintliche Konkurrenz von Print und Online ableiten.

HORIZONT: Wie wird das ausgehen?


Kubesch: Printprodukte werden in ­Österreich auch in 50 Jahren Platz haben. Natürlich haben manche Printprodukte bessere, manche schlechtere Karten. Aber wie in der Musik ja zu beobachten, gibt es einerseits den Trend zum Download und gleichzeitig die Vinyl-Renaissance. Bei Print ist die "Freizeit" sicher bestens aufgestellt, und übrigens war das Jahr 2013 jenes in der deutschen Mediengeschichte, in welchem es die meisten Printmagazin-Neugründungen aller Zeiten gab.  

HORIZONT: Wer oder was hat Sie journalistisch geprägt?


Kubesch: Ich habe ja beim "Kurier" in der Niederösterreich-Redaktion begonnen, bin da viele Vormittage mit dem Auto das Land abgefahren, auf der Suche nach Geschichten. Dabei hatte man sehr direkt mit Menschen, mit Lesern zu tun. Später, im News-Verlag, war es die Vielfalt an Magazinen, Themen und Menschen, die mich sehr beeinflusste.

HORIZONT: Sind Sie Studienabbrecher?


Kubesch: Nein, ich hatte zwar Publizistik inskribiert, aber nie studiert.

HORIZONT: Als "Freizeit"-Chef ging wohl ein Lebenstraum in Erfüllung. Würden Sie alles wieder so machen?


Kubesch: Ich würde nebenher studieren, um eine stabilere Basis zu haben. Fachjournalisten sind ja gefragt, Karrieren verlaufen heute anders als noch vor 20 Jahren. Dass künftige Manager in der Gastronomie oder im Lebensmittelhandel vorher etwa Zwiebel schneiden und an die Fritteuse müssen, schadet nicht.  

HORIZONT: Zurück in die Zukunft: Die "Freizeit" ist in jeder Hinsicht ein "Kurier"-Flaggschiff. Sollte sie da nicht öfter als wöchentlich erscheinen?


Kubesch: Eher nicht, die "Freizeit" würde vielleicht ihren USP verlieren: Sie ist für viele Menschen, wenn sie am Samstagvormittag oder mittags die Arbeits­woche hinter sich gelassen haben, der Start ins Wochenende. Und man kann sie die ganze Woche lang lesen. Wir wissen, dass nahezu alle Haushaltsmitglieder die "Freizeit" lesen, das Themenspektrum ist riesig, und unsere Leser sind sehr einkommensstark und sehr gut ausgebildet. Ich habe mich im Vorfeld bei vielen Menschen umgehört, was sie an der "Freizeit" schätzen. Ich glaube, das passt grundsätzlich, wie es ist, sowohl für Leser als auch für Anzeigenkunden.

HORIZONT: Sie sind Nachfolger von Michael Horowitz, er arbeitet weiter für die "Freizeit". Wie läuft das ab?


Kubesch: Ratschläge und Erfahrungsschatz meines Vorgängers sind Gold wert. Wir hatten im Vorfeld ein sehr ­offenes und freundliches Übergabegespräch. Außerdem hat er bis Ende 2015 einen Konsulentenvertrag, in dessen Rahmen ich jederzeit auf seinen fach­lichen Rat zurückgreifen kann. Und er steht dem Magazin ja auch als Autor weiterhin zur Verfügung.

HORIZONT: Was inspiriert Sie?


Kubesch: Ich schmökere sehr gerne bei Morawa, und mir fällt da die unglaubliche Vielfalt von Special-Interest-Magazinen mit Männern als Zielgruppe auf. Für Frauen gibt es, neben Yellow Press und zu Wohnen, Beauty, Psyche und Gesundheit, leider nicht viel Diversität.

HORIZONT: Welche Schlüsse ziehen Sie als "Freizeit"-Chefredakteur daraus?


Kubesch: Wie ich anfangs gesagt habe: Wenn ich selber zum Schreiben komme, will ich auch Bereiche erschließen, die so noch nie in der "Freizeit" waren.

Dieser Artikel erschien bereits am 3. Oktober in der HORIZONT-Printausgabe 40/2014. Hier geht's zur Abo-Bestellung.
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