"Den Unter­nehmern fehlt das Vertrauen"
 

"Den Unter­nehmern fehlt das Vertrauen"

Interview: Thomas Zembacher, Geschäftsführer des Wirtschaftsverlages und der Medizin Medien Austria, über die Zukunft von Fachmedien und das CSR-Programm des Verlags

HORIZONT: Das erste Halbjahr 2014 ist geschlagen. Wie erging es dem Österreichischen Wirtschaftsverlag und den Medizin Medien Austria?


Thomas Zembacher: Es war bis jetzt ein eher schwieriges Jahr – der Erfolg der verschiedenen Fachbereiche des Wirtschaftsverlages korreliert stark mit der Wirtschaftslage der jeweiligen Marktsegmente. So spiegelten sich beispielsweise die Alpine-Pleite auch in den Zahlen unserer Unternehmenseinheit Bau oder die Nervosität der Gastronomen wegen ausbleibender Gäste im Ergebnis unserer Plattform Gastro. Was wir tatsächlich zu spüren bekommen, ist ein allgemeines Verzagen – aber es hat sich für den Österreichischen Wirtschaftsverlag wieder einmal bewährt, dass wir breit aufgestellt sind. Anders ist die Situation bei den Medizin Medien Austria. Unsere allgemein- und fachmedizinischen Medien – Print und Online – laufen erfolgreich und entwickeln sich innovativ entlang der spannendsten Themen im Life-Science-Segment.

HORIZONT: Sie sprechen von einem allgemeinen Verzagen. Wie meinen Sie das?


Zembacher: Es ist ja nicht so, dass die Betriebe – vor allem die KMU – wenig in den Auftragsbüchern stehen haben, aber sie haben Probleme mit der Finanzierung. Vor allem aber fehlt ihnen das Vertrauen in die politische Landschaft und in das gesamte wirtschaft­liche Umfeld, und als Konsequenz schwindet ihre unternehmerische ­Risikobereitschaft. Die daraus ent­stehende Passivität merken wir als Fachmedienverlag natürlich dann unverzüglich in Form von werblicher ­Zurückhaltung.

HORIZONT: Was sind die Antworten Ihrer Verlage darauf?


Zembacher: Dass wir uns in vielerlei Hinsicht schon ziemlich weit davon entfernen, was eigentlich ein klassischer Printverlag ist, und immer tiefer und spezifischer gleichsam als Geschäftspartner in die einzelnen Branchen vordringen.

HORIZONT: Wie zum Beispiel?


Zembacher: Etwa in der Autobranche: Wir haben da zwei bestens etablierte Medien, aber die Hälfte unsere Geschäfts liegt in einem anderen Bereich, nämlich jenem der Pickerlüberprüfungen nach § 57a. Diese werden von den Werkstätten anhand einer speziellen Software und mithilfe des sogenannten Mängelkatalogs durchgeführt. Beides wird von uns geliefert. 2008 haben wir die Softwarefirma gekauft und in den Verlag integriert. Auch im Bereich Bau waren wir vor zwei Jahren knapp davor, eine Datenbank zu kaufen, sind aber leider nicht zum Zug gekommen. Unser Konzept, den Zielgruppen als kompetenter Partner eng zur Seite zu stehen, haben wir in den Medizin Medien Aus­tria ebenso schon sehr früh umgesetzt. Neben der Veröffentlichung unserer Fachmedien für Ärzte und Apotheker vertreiben wir auch erfolgreich E-Business-Lösungen (E-Detailing et cetera) und entwickeln exklusive Targeting-Lösungen für die pharmazeutische Industrie. Wir bieten eine internetbasierte Wissens- und E-Learning-Plattform namens medonline.at zur ärztlichen Fortbildung und haben die verlagseigene Medizin Akademie.

HORIZONT: Besteht nicht die Gefahr der Defokussierung?


Zembacher: Nein, ganz und gar nicht. Das Medium ist die Plattform für unser Fachpublikum – sozusagen der Nucleus des Informationsmanagements, das wir anbieten. Unser Credo ist anwendbares Wissen für den beruflichen Erfolg. Wie wir dieses Versprechen einhalten und zum Rezipienten bringen, darf eigentlich keine Rolle mehr spielen. Gedruckt, elektronisch, über Datenbanken oder in Form von Seminaren oder Kongressen, wie unserem Dachdecker-Kongress, wo praktisch 100 Prozent der österreichischen Dachdecker hinkommen.

HORIZONT: Fachjournalismus ist ein ­eigenes Gewerbe. Wo holen Sie eigentlich Ihren journalistischen Nachwuchs her?


Zembacher: Das ist ein ganz entscheidender Punkt, den wir in der Vergangenheit lange viel zu wenig beachtet haben. Vor zwei Jahren haben wir begonnen, uns eingehend um HR-Themen und Employer Branding zu kümmern.

HORIZONT: Wie steht es um Ihre Digitalisierungsstrategie? Gerade im B2B-Markt eines kleinen Landes heißt die ­He­rausforderung Skalierung.


Zembacher: Das stimmt vollkommen und das macht es zur He­rausforderung. Im Endeffekt graben wir überall, bohren hier und dort Löcher, drehen jeden Stein um und schauen, dass wir zu Informationen kommen, die für die Rezipienten von höchster Relevanz sind und absoluten Mehrwert bringen. Die Inhalte müssen dem Leser „etwas wert“ sein. Zumindest müssen sie ihm wert sein, sich mit seinen Daten für das Online-Service oder das Medium zu registrieren. Das ist letztlich auch eine Form der Bezahlung und schon ein großer Teil des Erfolgs. Im medizinischen Bereich hat das sehr gut funktioniert. Da gibt es Angebote, die man nur als registrierter Nutzer erreicht, Arzneimittelinformation zum Beispiel, oder bestimmte Diplomfortbildung. Anfänglich hat uns das natürlich Reichweite gekostet, mittlerweile können wir uns aber schon über mehr als 5.000 ­registrierte Ärzte und Ärztinnen freuen.

HORIZONT: Seit einigen Jahren legt der freie Art Director Dirk Merbach – nach Zeit oder Falter – bei den Medien des Wirtschaftsverlages Hand an. Wie kam das?


Zembacher: Herrn Merbach hat unser Gesamtchefredakteur Stefan Böck aus dem Hut gezaubert. Wir waren an einem Punkt angelangt, an dem einige unserer Titel einfach veraltet waren. Dann haben wir 2012 einen Prozess aufgesetzt und uns jedes einzelne Medium angesehen – nicht nur, was das Layout betrifft, sondern auch bezüglich Zielgruppe, Vertriebskanal, inhaltliches Kon­zept und so weiter. Über eine Zeitachse von drei Jahren haben wir jedes der insgesamt knapp 30 Medien durchleuchtet und Relaunches durchgeführt. Verkauf, Redaktion und Grafik gemeinsam und die Beratung von Dirk Merbach – das war eine glückliche Fügung. Für ihn war es das erste Mal, dass er mit dem Genre Fachmedium zu tun hatte. Es hat ihm gefallen, und das hat sich wiederum sehr positiv auf unsere Leute übertragen. Insofern war es auch ein Investment in unsere Mitarbeiter, denn in der eigenständigen Arbeit mit Dirk Merbach, der ihnen immer wieder über die Schulter geschaut hat, haben sie viel gelernt.

HORIZONT: Der Wirtschaftsverlag hat sich sehr stark dem Thema Corporate ­Social Responsibility verschrieben – was war dafür der Impetus?


Zembacher: Das ist uns wirklich ein ungeheuer wichtiges Thema und es hat damit zu tun, dass wir in vielen Branchen damit konfrontiert sind, dass immer mehr Player unternehmerische Verantwortung neu entdecken und kultivieren. Andere wiederum, insbesondere Familienunternehmen, haben nie anders gelebt, es heißt dort nur nicht CSR, sondern schlicht und ergreifend verantwortungsvolles Unternehmertum. Auch wir wollten nicht nur darüber berichten, sondern es echt leben. Wir haben einen CSR-Prozess für das gesamte Haus erarbeitet, die Mitarbeiter sind unglaublich engagiert, es geht von Mülltrennung und Kaffeekapseln bis dahin, dass wir unsere Medien nicht mehr eingeschweißt in Plastikfolie verschicken. Natürlich spiegelt sich das auch in den redaktionellen Schwerpunkten in unseren Medien ebenso wie im Austausch mit den Kunden bei sogenannten Stakeholder Dialogen wider. Jedenfalls wirkt sich das ex­trem positiv auf die Kultur – das Miteinander – im Unternehmen aus.

HORIZONT: Sie planen einen Weltmarktführer-Kongress in Wien, richtig?

Zembacher: Ganz genau, am 27. und 28. November im Tagungszentrum Schloss Schönbrunn. Es gibt in Österreich mehr als 250 sogenannte Hidden Champions und zirka 165 Weltmarktführer. Interessant ist, dass sich fast alle im Eigentum der Unternehmerfamilie befinden. Sie sind mit einer hohen Eigenkapitalquote ausgestattet und investieren deutlich über dem Branchenschnitt in Forschung und Innovation. Sie haben durchwegs eine intensivere Kundenbindung als ­vergleichbare Unternehmen. Diese gemeinsamen Themenstellungen werden wir auf dem Kongress diskutieren.

HORIZONT: Abschließend: Wie sehen Sie die Zukunft für Fachmedien?

Zembacher: Ich kann nur sagen, dass ich sehr froh darüber bin, genau diesen Job machen zu können und derzeit keine Publikumsmedien zu verantworten. Ich bin davon überzeugt, dass zielgruppenspezifische Medien für klar definierte Nischen eine lange und gute Zukunft vor sich haben. Dort, wo wir ganz tief in einer Branche verankert sind, dort sind wir sicher – weil relevant. Das heißt aber auch: Dort, wo wir es noch nicht sind, müssen wir uns aus einer Position der Stärke in Ruhe damit auseinandersetzen, wie wir diesen Anspruch zukünftig erfüllen können.

Wirtschaftsverlag und Medizin Medien

Der Wirtschaftsverlag wurde 1945 von Julius Raab gegründet, Medizin Medien Austria 1990 von Hans-Jörgen Manstein. Beide stehen heute im Alleineigentum der Südwestdeutschen Medienholding. Der Wirtschaftsverlag beschäftigt rund 100 Mitarbeiter und veröffentlicht in den vier Geschäftsbereichen Wirtschaft, Gastronomie & Handel, Automotive und Bau 36 Fachmedien und rund 25 Internetportale. Medizin Medien Austria GmbH (40 Mitarbeiter) wendet sich im Life-Science-Bereich an ein medizinisches Fachpublikum.

Dieser Artikel erschien bereits am 25. Juli in der HORIZONT-Printausgabe 30/2014. Hier geht's zur Abo-Bestellung.
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