Debatte um ACU-Inserat: Hausjell: 'Wenn Medie...
 
Debatte um ACU-Inserat

Hausjell: 'Wenn Medien um jedes Inseraten- und Werbegeld rennen, sollten ethische Pflöcke besonders fest eingeschlagen werden'

BKA / Christopher Dunker
Fritz Hausjell, stv. Institutsvorstand am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien.
Fritz Hausjell, stv. Institutsvorstand am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien.

Kommunikationswissenschafter Fritz Hausjell lässt im HORIZONT-Interview über das umstrittene ACU-Inserat kein gutes Haar an den Initiatoren, richtet aber auch klare Worte und Empfehlungen an Medien.

HORIZONT: Lassen Sie uns zuerst über das Inserat an sich sprechen: Dieses beginnt mit den Worten "Wir möchten die Bevölkerung wissenschaftlich fundiert informieren". Es folgen Behauptungen, die zumindest strittig sind - viele Experten haben sie in den letzten Tagen gar als haltlos tituliert. Wird hier bewusst falsch "informiert" und zu welchem Zweck?
Fritz Hausjell: Ich gehe davon aus, dass die an dem Inseratentext beteiligten Personen zumindest soviel Realitätsbezug haben, dass ihnen bewusst ist, dass sie Positionen vertreten, die durch einschlägige wissenschaftliche Befunde marginal bis gar nicht gestützt sind. In der Fachwissenschaft sind alle Sichtweisen relevant, die mehrheitlich vertretenen wie die jene, die von wenigen auf Basis von nachprüfbaren Befunden argumentiert werden. Allerdings fehlt die fachwissenschaftliche Expertise unter den Inseratebetreibern fast völlig. „Wissenschaftlich fundiert“ zu informieren sieht im übrigen grundsätzlich anders aus. Wenn Fachfremde wissenschaftliche Befunde zusammenfassen, können die Ergebnisse der Mehrheit nicht ignoriert werden. Genau das passiert hier aber. Insofern hat es den Charakter einer Falschinformation. Über die Motive dieser Gruppe, das zu tun, könnte ich nur mutmaßen. Ein wissenschaftliches Ruhmesblatt gibt es dafür jedenfalls nicht, Hohn und Spott schon eher.

"Heute"-Chefredakteur Christian Nusser bezeichnet im Inserat enthaltene Aufrufe - etwa keine Masken zu tragen, weil wenig wirkungsvoll - als gefährlich und fahrlässig. Wie beurteilen Sie die Wirkung, die beim Konsumenten entsteht oder entstehen könnte?
Üblicherweise setzt sich Journalismus - aus verschiedenen Gründen, das wäre jetzt ein eigenes spannendes Thema - nicht mit Inseraten auseinander. Bliebe der Journalismus auch bei diesem Inserat bei dieser Praxis, könnte das Inserat bei einem Teil des Medienpublikums handlungsanleitend werden oder bestehende Zweifel an den Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie stärken. Es sind daher vom Journalismus nicht nur die im Inserat beworbenen Inhalte auf ihren Gehalt zu prüfen, sondern es ist der Frage nachzugehen, wer denn nun dahinter steht. Bei anderen kommerziellen oder politischen Inseraten kennt man die Auftraggeber und deren Interessen. Aber wer ist der Auftraggeber dieses Pamphlets, wer ist dieser "Außerparlamentarische Corona-Untersuchungsausschuss“ (ACU)? Das Wording ist jedenfalls nicht schlecht gewählt für dieses Luftschloss selbsternannter Kontrollore.
„Insofern hat es den Charakter einer Falschinformation“
Fritz Hausjell


Hinter der Initiative stehen laut Website Rechtsanwälte, Virologen, Ärzte. Inwiefern befeuert das die eigene Glaubwürdigkeit, auch wenn Gesagtes umstritten ist?
Ja, Ärzte und Rechtsanwälte führen das Ranking zum Ansehen in der Bevölkerung an. Insofern ist es gut gewählt, wenn mit dieser Aktion eigentlich politische Ziele verfolgt werden sollten. Stünden da die Berufsgruppen Politiker, Künstler und Journalisten hätte man in der österreichischen Gesellschaft viel weniger angesehene Berufsgruppen. Nur, in diesem Fall geht es um Ärzte gegen andere Ärzte. Und warum sollte jemand einem Anwalt mehr glauben als der Mehrheit in der Ärzteschaft? Also setzen wir auf die Vernunft des Publikums, aber dieses braucht dazu halt auch die Informationen, um wen es sich bei ACU handelt. FPÖ-Klubobmann Herbert Kickl passt es jedenfalls so hervorragend in seine Anti-Haltung gegen jegliche Pandemiemaßnahmen, dass er am Sonntag prompt in der ORF-Sendung „Im Zentrum“ auf das Pamphlet ausführlich Bezug nahm.

Die rechtliche Lage ist klar, wurde von Medienanwalt Gerald Ganzger in HORIZONT auch erläutert. Wie stufen Sie die Debatte ein: Muss solch ein Inserat aus moralischen Gründen abgelehnt werden, oder darf was rechtlich legitim ist auch entsprechend gezeigt werden?
Ich empfehle zum einen, dieses Inserat dem Österreichischen Werberat vorzulegen. Gerade in einer Zeit, in der die Medien aus wirtschaftlichen Gründen um jedes Inseraten- und Werbegeld rennen, sollten die ethischen Pflöcke besonders fest eingeschlagen werden. Die Debatte würde ich zudem und losgelöst vom aktuellen Fall grundsätzlich führen: Warum wurden bisher von Medien Werbeeinschaltungen abgelehnt? Für ein publizistisches Unternehmen, das seine durch Journalismus erreichte Publizität an Wirtschaft, Politik, Interessenvertretungen und andere Medien für deren Werbe- und Informationsbedürfnisse Anzeigenraum verkauft, kann es ja nicht ganz egal sein, wer dieser Kunde ist und vor allem, wofür dieser wirbt. Denn ein gewisses Maß an Imagetransfer findet in beide Richtungen statt. Es profitieren nicht nur Werbeinhalte vom guten Image des publizistisch-journalistischen Umfelds, sondern auch umgekehrt - und freilich jeweils auch im negativen Sinn.
„Für ein publizistisches Unternehme kann es ja nicht ganz egal sein, wer dieser Kunde ist und vor allem, wofür dieser wirbt.“
Fritz Hausjell


Debattiert wurde auch, wer eigentlich in Medien solch ein Inserat abzulehnen hat und wer diese Botschaft kommuniziert. Sehen Sie Geschäftsführungen als Ebene über Chefredaktion und Anzeigenvermarktung stärker in der Pflicht?
Ich meine, im Sinne einer wieder stärkeren Trennung von werblichem und journalistischem Teil von Medien, sollten abgelehnte Werbeaufträge immer und nur von der Anzeigenvermarktung und/oder der Geschäftsführung nach außen argumentiert werden. Selbstverständlich kann und soll die Redaktion dazu auch Stellung nehmen, insbesondere wenn sie dazu eine andere Sichtweise hat. Das würde fürs Publikum noch klarer erkennbar machen, dass Werbeinhalte und Journalismus in einem Medium nur umfangmäßig nicht aber inhaltlich etwas miteinander zu tun haben.

Fake News und verschwurbelte Botschaften wie diese wurden früher im Internet groß, erreichen nun mehr und mehr traditionelle Massenmedien - während skurrilerweise eben die US-Plattformen zumindest vorgeben, dagegen anzukämpfen. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?
Klassische Medien stehen unter dem Druck, dass sehr viel Werbegeld in digitale, vor allem nichtjournalistische Kanäle abwandert. Als Reaktion darauf die journalistischen Prinzipien aufzuweichen und/oder höchst unseriöse Werbeinhalte zu akzeptieren, halte ich für den absolut falschen Weg. Genau das Gegenteil wird die klassische Publizistik retten. Allerdings braucht es dazu zwei weitere Kraftanstrengungen: Erstens müssen Bildung und Medien dafür Sorge tragen, dass möglichst viele Menschen mit den neuen digitalen Kanälen souveräner zurecht kommen. Menschen müssen noch stärker den Unterschied zwischen Journalismus sowie dem Gemisch aus Selbstdarstellung, Werbung, Propaganda, Spaß, Fake, Dummheit und Kriminalität, die einem in doppelt falsch so bezeichneten „sozialen Medien“ (weil weder recht sozial und schon gar nicht Medien) entgegen kommen, erkennen können. Zweitens gehören die gröbsten und am stärksten viral gehenden falschen Geschichten in den Digitalkanälen journalistisch aufgeklärt und in klassischen Medien zum Thema gemacht. Dann haben Journalismus (und seriöse Werbung) eine gute Zukunft in klassischen Medien - egal in welchem Ausspielformat.
So reagieren Werberat und PR-Ethikrat

Beim Österreichischen Werberat sieht man sich nicht zuständig für das Inserat. Geschäftsführerin Andrea Stoidl verweist auf das eigene Regelwerk und Artikel 2 dort, der ganz klar regle, dass der Werberat nur für klassische Werbemaßnahmen bzw. Wirtschaftswerbung zuständig sei. Stoidl zu HORIZONT: "Es gibt hier eine klare Abgrenzung zur PR." Entsprechend habe man die "Handvoll Beschwerden, die bisher eingelangt sind" an den PR-Ethikrat übermittelt.

Sabine Einwiller, Vorsitzende dieses Gremiums, will, so bestätigt sie gegenüber HORIZONT, die Beschwerden in der nächsten Rats-Sitzung am 19. Jänner behandeln, aber ebenfalls erst klären, ob man dafür zuständig sei. Via Twitter hat sich der PR-Ethikrat aber bereits zu Wort gemeldet und appelliert an die gemeinsame Verantwortung von Auftraggeber und Medium in solchen Fällen: "Ethische Verantwortung ist nicht teilbar. Alle an Kommunikationsprozessen beteiligten Akteure tragen Verantwortung für die von ihnen verbreiteten Inhalte." (mw)

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