David Rowan im Interview für "Profil"
 

David Rowan im Interview für "Profil"

Der Chefredakteur von "WIRED-Magazine UK" im Gespräch mit Rudi Klausnitzer.

Rudi Klausnitzer: WIRED Magazine gilt im englischsprachigen Raum als die Bibel der digitalen Elite, warum ist es noch immer ein Print Magazin?

David Rowan: Unser Ziel war immer, den redaktionellen Inhalt auf allen möglichen medialen Plattformen zu verbreiten, aber das Printmagazin hat die haptische Komponente, das Hochglanzpapier und braucht keine Batterien. Wenn es nur darum geht Nachrichten möglichst schnell zu vermitteln, ist die Online-Welt unschlagbar, aber wenn es um ein kuratiertes Erlebnis geht, wenn Leser in emotionelle Welten eintauchen sollen, dann sind die Dinge ausschlaggebend, die wir im Printmagazin machen können: In den große Strecken mit umfangreichem Inhalt können wir die Wirkung von Design und Bildern auf das Gesamterlebnis in einer Weise steuern, wie das Online nicht möglich ist und auch unsere Anzeigen können eine emotionelle Intensität vermitteln, die Bannerwerbung nicht zustande bringt. Ich bin sehr optimistisch, dass gut gemachte Qualitätsmagazine auch in der digitalen Welt sehr gute Zukunftsaussichten haben. Meine Aufgabe ist es,  hier Erlebnisse zu vermitteln, die das Internet nicht  kann.

Wie sieht ihr persönlicher digitaler Alltag aus, welche Tools und Geräte verwenden Sie selbst?

Ich jogge zur Arbeit mit einer „Runkeeper“ - Applikation auf meinem iPhone, die mir sagt, wie viel ich gelaufen bin, wie lange ich für jeden Kilometer gebraucht habe und alle anderen Details und darüber für mich auch Buch führt. Ich schaue mir dann im Office via Tweetdeck an, was Menschen über unser Magazin und die Themen, die wir schreiben, zu sagen haben. Ich hab zwei Mobiltelefone, ein iPhone und ein Nexus 1, das Google-Phone. Ich beobachte damit, wie sich unsere 3G-Welt entwickelt, ich glaube wirklich, dass wir da erst am Anfang sind. Und es wird verändern, wie wir Geschäfte machen, aber auch sozial miteinander umgehen. Ich hab zum Beispiel auf meinem Google-Phone eine Übersetzungssoftware. Ich spreche einen Text, die Spracherkennung wandelt in um und gibt mir in jeder Sprache, die ich brauche, den Text übersetzt  und gibt ihn über eine synthetische Stimme in der fremden Sprache wieder aus. Ich schaue nicht viel TV und wenn dann auch das eher online und ab und spiele ich mit der XBox, aber da muss mir mein 9jähriger Sohn helfen, denn der ist da viel geschickter als ich.

Sie haben drei Kinder, alle schon als „digital natives“ geboren. Was ist die richtige Strategie in dieser neuen, digitalen Welt: Permissiv oder eher restriktiv?

Meine zwölfjährige Tochter lebt ihr Leben mit Facebook. Tatsache ist, du kannst nicht alles kontrollieren, was deine Kinder online machen. Man muss versuchen, ihnen bewusst zu machen, was ihre Aktivitäten bewirken und ihr Verantwortungsgefühl entwickeln. Meine Zwölfjährige  weiß aber auch, dass ich ihre Internetaktivitäten bis zu einem gewissen Maß nachvollziehen kann. Ich möchte nicht, dass sie da Fotos von sich reinstellt, aber ich habe nichts dagegen, dass sie mit ihren Freunden kommuniziert.

Haben Sie das Gefühl, das unser Schulsystem da mit dazu beiträgt, diesen richtigen Umgang mit den digitalen Möglichkeiten zu lehrten und zu fördern?

Ich glaube nicht, dass den meisten Lehrern bewusst ist, wie viel Information unsere Kinder von sich Online preisgeben. Und wie schnell dieses Preisgeben und Austauschen persönlicher Details bis hin zur Wohnadresse nicht nur eine Gewohnheit sondern fast eine Sucht werden kann. Wenn Du 15 bist und die Fotos von einer Alkoholparty für die Freunde ins Netz stellst, ist das vielleicht lustig. Wenn du 20 oder 25 bist und dich um einen Job bewirbst, stehen sie aber noch immer im Netz. Und wenn du 30 oder 40 bist und vielleicht ein öffentliches Amt oder einen Top-Job anstrebst, kannst du das nicht einfach löschen. Das ist dann schon weniger lustig.

Du musst den Kindern, wenn sie im Teenageralter sind, die Freiheit geben, zu entdecken, was im Web verfügbar ist, aber du musst ihnen auch gleichzeitig ein Gefühl für die Gefahren und Probleme geben, die damit verbunden sein können. 

Besonders junge Menschen nützen Internetsuche als primäre Informations- und Wissensquelle. Führt das auf Grund der Logik der Suchmaschinen zu einer Verflachung unseres Wissens und zur Überbetonung des kleinsten gemeinsamen Nenners, also der Mainstream-Popularität?

Ich glaube nicht, dass das Internet zu einer Verflachung unserer Wissensbasis führt. Ganz im Gegenteil, noch nie hatten wir so viele Quellen und Wissenstools zur Verfügung. Aber das funktioniert natürlich nur, wenn wir unseren Kindern zeigen, wie man diese Möglichkeiten effektiv nutzt. Und wie man den Unterschied zwischen seriösen Quellen und kommerzielle motivierten Angeboten erkennt. Die Schulen beginnen zwar damit, aber ich habe Angst, dass  sie nicht genügend effektiv dabei sind. Für die Zukunft unserer Kinder und ihrer beruflichen Chancen wird es sehr wichtig sein, diese Filter-Fähigkeiten zu entwickeln und die Mechanismen zu verstehen, die hinter den Internet-Angeboten stehen.

Welche Rolle können die Medien dabei spielen?

Eine ganz wichtige! Wir sind Kuratoren und Motivatoren. Ich kann mit dem Internet nicht konkurrieren, aber ich wähle aus, versuche Interesse für bestimmte Themen zu erzeugen, verweise auf Quellen und biete eine vertrauenswürdige Marke als Anlaufstelle und Filter. Bei uns weiß man, wer dahinter steht. Etwas das sonst im Internet oft nur sehr schwer herauszufinden ist. Dieses Vertrauen in die Marke ist unsere Stärke und Chance.

Wie viele Goole-Tools nutzen Sie persönlich?

Eine ganze Menge (lacht), denn sie sind wirklich hilfreich. Aber mir ist schon klar, dass ich da eine Menge meiner persönlichen Daten einer einzigen Company gebe. Darum nutze ich zum Beispiel ganz bewusst GMail nicht als meinen Hauptaccount und auch nicht das Google Mobile als mein Hauptgerät, aber ich verwende natürlich beides.

Fürchten Sie sich vor Google?

Ich traf dieser Tage den Chef von Google UK bei einem Dinner und ich habe den Eindruck, dass Google sich im Augenblick sehr bemüht, Multiplikatoren und Meinungsbildner zu erreichen, denn es gibt ein Risiko für Google, dass Regulatoren in Europa aber auch in Washington einschreiten. Google hat uns alle wirklich fantastische Innovationen gebracht, aber das Ausmaß an Daten, das Google über jeden von uns zur Verfügung steht ist riesig. Google hat gerade mit Tools wie Google Latitude, Streetviews oder dem neuen Google Toolbars für sehr kontroversielle Diskussionen gesorgt. Es erzeugt Angst, wenn eine einzige private Gesellschaft weiß, wo wir sind, was wir denken, wie das Haus aussieht, in dem wir wohnen. Google sagt dazu, dass das für sie völlig uninteressant sei, sondern nur dazu diene den Suchaligorithmus und damit unser Searcherlebniss zu verbessern.

Glauben Sie das?

Google ist eine Company von hervorragenden Ingenieuren, “left brain” dominiert. Sie halten diese Ängste wirklich für irrational, aber die Öffentlichkeit ist eben auch emotional und ist besorgt, was mit ihren persönlichen Daten geschieht bzw. geschehen könnte. Und ich bin auch besorgt, wenn meine Daten in der Hand einer einzigen privaten Firma sind, die keiner öffentlichen Kontrolle unterliegt.

Welche Rolle wird das mobile Internet und die rasante Entwicklung von Applikationen und Widgets für die Medien spielen?

Es ist erstaunlich mit welcher Geschwindigkeit sich das mobile Internet und die dazugehörige Welt der Applikationen entwickelt und wie viel Geld da im Augenblick in die Software-Entwicklung fließt. In einem eigentlich reifen Markt werden da plötzlich Milliarden investiert. Nur in Software. Aber irgendwas in unserem mobilen Konsumationsverhalten lässt uns stärker engagiert, aufmerksamer und auch bereiter sein, Geld auszugeben.  Facebook sagt, dass die Menschen die über Mobile kommen, 55 Minuten pro Tag Facebook nutzen. Das ist wirklich aussergwöhnlich.

Es gibt ja bei vielen Content-Produzenten die Hoffnung, dass diese Entwicklung die Erlösung aus dem “No pay”-Problem des klassischen Internets bringen kann.

Ja, die Leute zahlen hier, während sie im Internet einfach gewohnt sind, dass das nichts kostet. Spotify, ein Musikdienst hier bei uns, ist ein gutes Beispiel. Plötzlich sind viele Menschen bereit im Monat 10 Pfund dafür zu zahlen, Musik am Handy zu haben. Aber das Handy hab ich eben immer dabei, selbst am Nachttisch. Das verändert unser Verhalten. Unterwegs gibt man leichter Geld aus.

Also eine Chance für Contentanbieter?

Definitiv, aber es hat natürlich auch seine Risken. Die Zeitung “Guardian” hat zum Beispiel für 3 Euro eine Applikation mit der Mobilversion angeboten. Sie sagen, dass bereits über 100 000 Leute gekauft haben. Ich bin einer davon. Aber seither habe ich keine Notwendigkeit verspürt, die Printausgabe zu kaufen.

Einige der Medienmogule, wie Murdoch oder Döpfner vom Springer Verlag wollen auch den Content im Internet nur mehr gegen Bezahlung freigeben. Kann das funktionieren?

Ich glaube nicht, dass das funktioniert und ich glaube nicht einmal, dass sie es wirklich versuchen werden. Wir haben hier in UK erwartet, dass die Sunday Times sich hinter eine Paywall zurückzieht. Aber bis jetzt ist das nicht geschehen. Murdoch ist sehr smart und weiß, dass solange du nicht etwas hast, das den Menschen wirklich zusätzlichen Nutzen gibt, wie z.B. das Wallstreet Journal oder die Financial Times, auch nichts dafür verlangen kannst. Es wird immer jemanden geben, der die austauschbaren Sachen umsonst hergibt. Und das ist zum Beispiel bei allen Boulevardzeitungen so. Wenn du dich hinter die Paywall zurückziehst, verlierst du Reichweite und damit Werbeeinnahmen. Und die Motivation der Journalisten steigt auch nicht, wenn sie wissen, dass sie nur mehr für einige wenige Zahlende schreiben. Es würde mich sehr wundern, wenn  Murdoch seinen ganzen Content hinter eine Paywall stellen würde. Er wird letztlich ein sehr differenziertes Modell entwickeln.

Die digitale Revolution oder Evolution, wie immer man das sehen mag, verändert unsere Kommunikation, unser berufliches Umfeld, unser Freizeitleben. Haben die Politiker das schon verstanden oder werden diese Erkenntnisse bestenfalls Wahlkampftools eingesetzt?

Es ist faszinierend und hat sicher auch Einfluss auf die Politik, wie das Web den politischen Eliten zunehmend Power entzieht und den einfachen Bürger stärkere Möglichkeiten in die Hand gibt. Twitter im Iran, als nur ein Beispiel. Und hier bei uns, aber auch im Rest von Europa und in den USA wird der Druck stärker, den Bürgern Zugang zu allen Daten und Informationen zu geben.  David Cameron, der hofft unser nächster Premierminister zu werden, sagte vor wenigen Tagen,  dass er alle Verträge über öffentliche Aufträge im Wert von mehr als 25.000 Pfund online stellen wird. Er will die Details zugängig machen,  damit es da keine Geheimnisse mehr geben kann. Zunehmend wird auch der Zugang zur Performance von Beamten, Lehrern, Ärzten etc. freigegeben werden. Das ist ein gesunder Trend und macht Druck auf jene, die verantwortlich sind.

Kann sich heute ein Politiker noch der digitalen Präsenz entziehen?

Politiker wollen und müssen mit ihrer Community, ihren potentiellen Wählern in Kontakt sein. Und wenn diese potentiellen Wähler ein paar Stunden im Tag online bzw. in Social Networks verbringen, werden sie das wohl nicht vermeiden können. Würde ich kandidieren, würde ich mich natürlich auch in all diesen Communities  verankern.

Sie sind am Puls der neuen Entwicklungen, die da über uns hereinbrechen. Gibt es eigentlich noch irgendetwas, das aus ihrer Sicht fehlt, warten Sie noch auf etwas?

Faszinierend, was es schon alles gibt, wenn man nur den Bereich Artificial Intelligence oder etwa Stimmerkennung ansieht. Ich spreche mit meinen Geräten und in acht von zehn Fällen verstehen sie mich auch. Letzte Woche habe ich Microsofts neue Gaming Konsole ausprobiert, die meine Bewegungen erkennt, ohne dass ich dafür noch ein Gerät bei mir haben muss. Sie reagiert auf meine gesprochenen Kommandos bzw. ich kann zu den Personen im Spiel sprechen und die virtuellen Personen mit mir. Aber das ist alles noch nicht “ready for primetime”. Das Monitoring der Gesundheitsdaten ist ebenfalls ein Feld, in dem bereits viel entwickelt wird. Das iPad wird einen weiteren Veränderungsschritt für den Buch- und Zeitschriftenbereich bringen.

Es ist also nicht so, dass mir wirklich etwas fehlt, die Dinge sind alle hier, aber sie sind noch nicht bei der breiten Bevölkerung angekommen. Oder wie es der Sience Fiction Autor William Gibson mal  formuliert hat “die Zukunft ist schon da, sie ist nur ungleich verteilt”!

David Rowan ist Chefredakteur von WIRED-Magazine UK und wird nächste Woche beim Media & Lifestyle Summit im Zürserhof am Arlberg, den Reigen der Workshops mit dem Thema: „Media On The Move: The Application Revolution“ eröffnen. Rudi Klausnitzer hat mit ihm vorab ein Gespräch zu den Auswirkungen der digitalen Technologien auf unser Alltagsleben geführt.

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