,Das größte Juwel sind die Autoren‘
 

,Das größte Juwel sind die Autoren‘

ORF-Fernsehdirektorin Kathi Zechner im Interview über die Kunst des Geschichtenerzählens, den Luxus von Zweikanalton und die Großartigkeit von Fernsehen

HORIZONT: Vor wenigen Tagen präsentierten Sie Ihr Programm für die kommende TV-Saison. Wie würden Sie denn den roten Faden Ihrer Programmstrategie beschreiben?   

Kathrin Zechner: Es geht immer um österreichisches Geschichtenerzählen in all seinen Varianten. Österreichische Geschichten sind unser wichtigster ­Erfolgsfaktor. Ob das eine gut recherchierte aktuelle Meldung ist, ein hintergründiger Bericht aus einem Krisenherd, wie wir sie derzeit etwa von Christian Wehrschütz aus der Ost­ukraine bekommen, oder Geschichten aus dem Film- und Seriengenre, das ich auch auf ORF eins ausweiten möchte.

HORIZONT: Es fällt auf, wie sehr Sie das Erzählen von Geschichten in den Mittelpunkt rücken. Wie steht es aus ­Ihrer Sicht um die Autorenszene in ­diesem Land, insbesondere um den Nachwuchs?

Zechner: Warum ich das immer so betone, hat schon einen Grund: Wenn wir nämlich mit dem Erzählen von Geschichten aufhören, brauchen wir uns über Finanzierungsfragen oder die Qualität des Journalismus keine weiteren Gedanken machen. Das größte Juwel eines Landes sind seine Autorinnen und Autoren. Wir sind in diesem Land dies­bezüglich überproportional mit Talent gesegnet. Von ­Peter Turrini, der auch mit 70 Jahren noch eine unglaubliche Schaffenskraft beweist, bis hin zu jungen Autorenteams, die in ihren Zwanzigern Projekte wie ­„Janus“ stemmen. Das Österreich-spezifische Erzählen von Geschichten liegt
in unserer DNA, das ist die wichtigste Komponente für den Erfolg unseres Programmes. Was uns zugute kommt, ist, dass es kein Land gibt, außer vielleicht Frankreich, wo die Menschen so eine Verbindung zu den Künstlern pflegen.

HORIZONT: Warum ist das so?

Zechner: Gute Frage. Theater, Kino, der Genuss von Bildern in jeder Form hat hier schon eine große Tradition. Und vielleicht gibt es in einem kleinen Land wie Österreich eine größere Nähe zu den Künstlern. Man sieht sie auf der Straße, am Hauptplatz, auf der ­Skipiste …

HORIZONT: Zwei Begriffe spielen im Fernsehen derzeit eine große Rolle. Der eine ist „Social TV“ also die Verbindung von TV-Sendungen zu sozialen Netzwerken, der andere ist „Binge Watching“, also der geballte Konsum ganzer Serienstaffeln via Internet, Pay TV oder DVD. Wie beeinflusst das Ihren Job als Programmchefin?

Zechner: Social TV halte ich schlicht für die zeitgemäße Form dessen, was wir früher in der Kaffeepause gemacht haben, nämlich darüber zu diskutieren, was am Vortag im Fernsehen war. Das findet jetzt gleichzeitig oder auch im Nachhinein auf Twitter oder Facebook statt. Das finde ich gut. Binge ­Watching ist eine Form des Konsums, für die es ein zunehmendes Bedürfnis gibt. Nur, für ein lineares Fernsehprogramm halte ich es jenseits einer behutsamen Dosis für kontraproduktiv, weil dadurch das eigene Produkt geschwächt wird. ProSieben etwa besteht aus einer ewigen Abfolge von wenigen Serien und dazwischen dem genialen Stefan Raab. Aber irgendwann hat man sich an den Variationen des Bewährten sattgesehen.  

HORIZONT: Gerade die Topserien von HBO und Co. werden gerne in Orginalsprache geschaut. Wieso bietet der ORF nicht mehr Sendungen in Zweikanalton an? Das würde ihm doch auch im ­Rahmen seines Bildungsauftrags gut zu Gesicht stehen.

Zechner: Zweikanalton ist ein unglaublich sinnvolles Luxusgut, das nur einen ganz kleinen Teil Österreichs glücklich macht. Bei allen Serien, die diese Woche am Serienmontag gestartet sind – bei den neuen Folgen von „Grey’s ­Anatomy“, „Revenge“, der neuen Serie „Trophy Wife“, „Cougar Town“ und „Dexter“ mit neuen Folgen oder auch bei „House of Cards“ bieten wir das an, aber meist steht die Nutzung in keinem Verhältnis zum Aufwand. Wir sind ­leider nicht so zweisprachig geprägt wie die Skandinavier, wo amerikanische Sendungen nur mit Untertitel versehen sind. Im deutschsprachigen Raum ist alles synchronisiert, das ist das Fernsehpublikum seit Generationen gewohnt und das halte ich übrigens für ein großes Versäumnis in der Bildung.

HORIZONT: Sie könnten mit einem ­radikalen Schritt das Versäumnis wieder gut machen und US-Fernsehware auf Englisch mit Untertiteln ausstrahlen und dadurch dem Bildungsauftrag mehr als gerecht werden.

Zechner: (lacht) Dann gehen wir aber in Ehren unter! Wir können das jahrzehntelange Versäumnis in der Sprachbildung nicht mit einer Zwangsbe­glückung ändern.  

HORIZONT: Bleiben wir noch kurz beim Serienboom. Österreich bietet so viel guten Stoff für Serien, die auch ­international reüssieren würden. Was spricht gegen eine Serie mit internationalen Kooperationspartnern etwa über Sigmund Freud oder die Habsburger, aber auf dem produktionstechnischen Niveau von „Downton Abbey“?

Zechner: Sie werden lachen: Zu Sigmund Freud gibt es gerade zwei Projekte internationaler Produzenten. Und mit Filmen wie „Clara Immerwahr“, „Sarajevo“ oder „Bertha von Suttner“, der gegen Ende des Jahres ausgestrahlt wird, sind wir an großartigen Aufar­beitungen historischer Stoffe beteiligt. Aber man muss einfach wissen, dass Serien wie „House of Cards“ oder „Downton Abbey“ ein Produktions­volumen haben, dass jenseits unserer Vorstellungskraft liegt. In den USA
sind die Autorenteams enorm und fest an den Sender gebunden, wie in den Zwanzigern und Dreißigern die Schreibstuben. Die Film- und Fernsehindustrie hat dort einfach eine ganz ­andere Dimension.

HORIZONT: Ein Wort, das in Verbindung mit dem ORF stets bemüht wird, lautet Unverwechselbarkeit. Wenn wir für die totale Unverwechselbarkeit ­einen Index von 100 annehmen – wo steht der ORF heute?

Zechner: Unverwechselbarkeit misst man doch nicht anhand einer Skala. Sie hat so viele Facetten. Die Tiefe der Recherche kann unverwechselbar sein, ebenso die Gestaltung. Die besten Schauspieler zu verpflichten, macht unverwechselbar. Geschichten können unverwechselbar erzählt werden. Menschen wie Armin Wolf, Peter ­Resetarits, Ingrid Thurnher, Andi Knoll oder Hanno Settele und viele, viele mehr sind unverwechselbar.  

HORIZONT: Apropos Settele. Seine „Wahlfahrten“ waren für viele Beob­achter die große Entdeckung der vergangenen Saison. Nun bekommt er eine Doku-Reihe …

Zechner: Aus der Überzeugung heraus, dass es Spiel­arten der Dokumentation gibt, die ein junges Publikum ansprechen, pilotieren wir zwei Folgen einer neuen Dokumentation – einmal zum Thema Angst und einmal  zum Thema Spionage. Und zwar pilotieren wir sende­fähig, das heißt, die Dokumentation ist fix und fertig, wird aber noch einmal begutachtet, ob nicht doch noch Verbesserungen möglich sind. Diese Form der ­Pilotsendungen ist leider ­angesichts der finanziellen Rahmenbedingungen sehr selten geworden. Fast immer muss das, was hergestellt wurde, auch so gesendet werden. Das ist kein guter Zustand, denn man braucht Raum für Entwicklung, auch Raum, um sich in Dingen zu irren und sie dann zu einem Erfolg umzudrehen. Programmerfolg lässt sich nicht einfach bestellen und nach einem Raster herstellen. Das hat nie funktioniert und wird auch nie funktionieren. Ähnliches gilt auch für das Fördern junger Autorinnen und Autoren, die muss man über Jahre aufbauen und ihnen Zeit und Raum zur Entfaltung geben. Nehmen Sie zum Beispiel das Autorenteam von „Janus“, Jacob Groll und Sarah Wassermair. Das war ein mutiger Versuch, der gut ankam, eine neue Erzählweise im Bereich des mystischen Krimis. Kein Sensationserfolg beim Publikum, aber für ein Erstlingswerk so junger Autoren mehr als beachtlich. Natürlich arbeiten wir mit den beiden weiter, und wer weiß, was sie noch alles schaffen werden.

HORIZONT: Der ORF feiert sich nächstes Jahr selbst: 60 Jahre Fernsehen in ­Österreich. Würden Sie sagen, dass das Fernsehen als solches ein Segen für die Gesellschaft ist?

Zechner: Ja, absolut! Natürlich ist es in der letzten Zeit ein teilweise sehr lautes und schnelles Medium geworden, aber es hat auch einen demokratiepolitisch notwendigen Aufklärungsprozess in Gang gesetzt – vor allem durch Nachrichten, Dokumentationen oder Reportagen. Es bringt die mitreißendsten Geschichten in die Wohnzimmer und hat Live-Erlebnisse für ein Millionenpublikum ermöglicht. Ich halte das Fernsehen überhaupt für eine der gelungensten und spannendsten Erfindungen.

Dieses Interview erschien bereits am 19. September in der HORIZONT-Printausgabe 38/2014. Hier geht’s zur Abo-Bestellung.
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