‚Das gesprochene Wort ist wie Stille Post‘
 

‚Das gesprochene Wort ist wie Stille Post‘

©Drobot Dean - stock.adobe.com
Portrait of a two girls gossip on gray background
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Was das postfaktische Zeitalter mit einem mittelalterlichen Dorfplatz zu tun hat und wodurch verhindert werden kann, dass Fake News die Oberhand gewinnen.

Dieser Artikel ist zuerst in Ausgabe Nr. 46 der HORIZONT erschienen. Noch kein Abo? Hier klicken!

Absichtlich falsche Faktendarstellung“, „Epidemie der Zensur“ und „Charakter einer Hexenjagd“ – anhand solcher Beschreibungen versuchten Experten am 13. Österreichischen Rundfunkforum Fake News, deren Gefahren und die Stimmung in Sozialen Medien im postfaktischen Zeitalter festzumachen. Die jährliche Tagung des Forschungsinstituts für das Recht der elektronischen Massenmedien (REM) widmete sich heuer dem Thema „Elektronische Medien im postfaktischen Zeitalter“.

Wie so oft bei solchen Anlässen, versuchte man sich eingangs in der Definition des immer noch massiv gehypten Begriffs Fake News. „Fake News sind absichtlich falsche Faktendarstellungen in Täuschungsabsicht an einen größeren Personenkreis über ein technisches Medium“, hielt Roman Hummel, Leiter der Abteilung Journalistik am Fachbereich Kommunikationswissenschaft der Universität Salzburg, im Rahmen seiner Präsentation zum Thema „Postfaktizität – Ein neues Phänomen?“ fest. Satire, Vermischung von Information mit Meinung, nicht eintreffende Prognosen oder Irrtümer hingegen seien keine Fake News. „Dass sich die Sonne um die Erde dreht, war keine Lüge, sondern ein Irrtum“, so Hummel. Für den Erfolg von Fake News seien bestimmte Voraussetzungen, wie die Erfüllung von Hoffnungen oder Befürchtungen der Menschen, ein hoher Nachrichtenwert, Plausibilität und eine wenig komplexe Story, die sich leicht weitererzählen lässt, notwendig.

Hexenjagd in Sozialen Medien

„Das gesprochene Wort ist wie Stille Post: Der eine sagt dem anderen etwas, der wiederum sagt es einem Dritten und dieser bringt dann etwas in die Zeitung, das hinten und vorne nicht stimmt“, spitzte es Andreas ­Koller, stellvertretender Chefredakteur der Salzburger Nachrichten, der sich dem Thema „Journalismus im postfaktischen Zeitalter“ widmete, zu. Das Phänomen des „postfaktischen Zeitalters“ sei kein neues, Menschen hätten schon immer darin gelebt. Früher sei es der mittelalterliche Dorfplatz gewesen, auf dem Falschinformationen herumgeschwirrt sind und heute eben die Sozialen Medien. Früher sei es auf dem mittelalterlichen Dorfplatz zu Hexenverbrennungen gekommen, heute würden in Sozialen Medien regelrechte Hexenjagden stattfinden. „Wenn Sie sich ansehen, was sich auf Facebook und Twitter abspielt, nimmt das teilweise durchaus den Charakter einer Hexenjagd an“, so Koller. Dort gehe es „relativ brutal zu“ und Menschen, die dort eine abweichende Meinung äußern, blase „ein rauer Wind ins Gesicht“. Und je mehr Möglichkeiten sich auftun, im Internet Dinge zu verbreiten, desto wichtiger werde der Qualitätsjournalismus, so Kollers These. „Wenn wir kein Geld haben, um Journalismus zu betreiben, gewinnen Fake News die Oberhand“, warnte er.

Neue Gesetze wenig sinnvoll

Experten versuchten auf der Tagung aber auch zu erötern, ob die rechtlichen Rahmenbedingungen im Hinblick auf das neue Medienzeitalter noch zeitgemäß sind. Dunja ­Mijatovic, die ehemalige OSZE-Beauftragte für Medienfreiheit, warnte in ihrem Vortrag zum Thema „Journalistische Freiheit im postfaktischen Zeitalter“ vor einer Bedrohung des freien Wortes durch überschießende Reaktionen in der Debatte um Fake News. Mijatovic sieht Ideen, mit Verboten und neuen Gesetzesvorhaben gegen gefälschte Inhalte vorzugehen, äußerst skeptisch. Sie räumte auch ein, dass es eine Herausforderung sei, auf der einen Seite mit Fake News erfolgreich umzugehen, auf der anderen Seite die freie Meinungsäußerung aber nicht zu unterdrücken. Eine „Epidemie der Zensur“ werde nichts lösen, so ihr Standpunkt. Denn vieles, das man im Netz zu lesen bekomme, sei vielleicht unangenehm und auch unangebracht, aber auch „der Preis, den man dafür bezahlen muss, dass man in einer Demokratie lebt“. Was wiederum Hate Speech und strafrechtlich Relevantes im Web angehe, „gibt es keinen Bedarf an neuen Gesetzen, neuen Regeln, internationalen Instrumenten, weil wir genug davon haben“.
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