CNN-Digitalchef Andrew Morse: "Der Job bringt...
 

CNN-Digitalchef Andrew Morse: "Der Job bringt dir bei, furchtlos zu sein"

Andrew Morse, weltweiter Digitalchef von CNN, im Interview über seine Zeit als Kriegsberichterstatter, über die Digitalstrategie des Fernsehsenders und wie Donald Trump Nachrichten beeinflusst.

HORIZONT: Sie waren Kriegsberichterstatter bei ABC News. Vermissen Sie eigentlich diesen Einsatz aus Krisengebieten in Ihrer jetzigen Rolle als Manager - und welche Erfahrungen konnten Sie dafür mitnehmen?

Andrew Morse: Ich werde immer ein Produzent von Herzen sein, der es bevorzugt, vom Ort des Geschehens zu berichten. Das ist es, was das Business schließlich ausmacht - zuzusehen, wie Geschichte geschrieben wird. Meine jetzige Rolle wird bestimmt von der Herangehensweise: die Story zuerst. Und: ich bin natürlich sehr stark beeinflusst von der Zeit als Kriegsberichterstatter. Dieser Job bringt dir bei, furchtlos zu sein und zeigt dir, wie du dich mit einem gewissen Risikolevel arrangieren kannst. Es lehrt dich auch, unangenehme Entscheidungen zu fällen, da Menschen von dir abhängen. All diese Aspekte sind wichtig für die Managerrolle.

Drei Jahre ist es her, dass CNN das Ziel, das beste politische News-Team im Fernsehen zu sein, in der Strategie auf Digital, Desktop, Mobile, Apps und Social-Media-Plattformen ausweitete. Ist das gelungen?

Es war es auf jeden Fall Wert, die Strategie zu ändern. Wir investierten in neue Mitarbeiter, alles Journalisten und Nachrichten-Produzenten, die uns helfen sollten, Geschichten zu erzählen und Nachrichten im Fernsehen und auf digitalen Plattformen zu machen. Vor den Wahlen 2016 für CNN Politics waren das 50 neue Mitarbeiter.

Die Strategie beinhaltet auch den Relaunch der CNN Mobile App im März - Ihr Fazit nach sechs Monaten?

 Wir wollten mit dem Relaunch der Mobile App eine andere Herangehensweise an das Thema Video finden. Mit der App schaffen wir Zugang zu Livestreams und VOD-Inhalten, was gleichzeitig auch einen Anstieg unseres Video-Contents bedeutet. Die Rechnung scheint bei den Usern jedenfalls aufzugehen: mit der Mobile App stellen wir einen einfachen Zugang zu den wichtigsten Nachrichten zur Verfügung, die die User gerne nutzen.

In einem Tedx Talk vom November 2016 sagten Sie, wenn Sie die Strategie nicht geändert hätten, wäre die Berichterstattung zu den US-Wahlen nicht so gelungen, wie sie ist ...

Die US-Wahlen waren eine große Chance für uns. Als Medienunternehmen muss man sich immer wieder vor Augen führen: Wir leben in einer interessanten Zeit, wo sich alles sehr schnell ändert. Und so müssen auch Medienunternehmen mit der Zeit gehen. Wir wussten, dass der US-Wahlkampf eine wichtige Story für unsere Zuseher ist; deshalb haben wir auch auf allen digitalen Plattformen, TV und Social Media darüber berichtet. Aber nicht nur investieren wir stark in die Verbreitung von News über alle Kanäle hinweg, wir investieren auch in unsere Produkte und Technologien, damit all das möglich wird. Und die User nehmen unsere Präsenz wahr. Ich denke, wir sind bestens positioniert, da wir die US-Wahl als Speerspitze für unsere breiter angelegte, ganzheitliche Strategie nutzen konnten.

US-Präsident Donald Trump lässt keine Gelegenheit aus, gegen Medien zu wettern. Qualitätsmedien erfahren dadurch teils neuen Zuspruch und neue Leser. Wie beurteilen Sie diese Kritik?

Ich denke schon, dass sich die Öffentlichkeit in den USA und auch weltweit vermehrt an Medienunternehmen wie die New York Times, The Washington Post oder CNN zwecks Orientierung wenden. Für uns als Medien ist es unsere Verantwortung, egal, wer gerade im Weißen Haus sitzt, die Fakten und die Wahrheit zu berichten.

Wo wir gerade von Trump sprechen - Medienunternehmen in den USA stehen in starker Konkurrenz, die ersten zu sein, Nachrichten zur Präsidentschaft zu veröffentlichen. Dabei wurden einige inhaltliche Fehler gemacht. Nehmen Medienunternehmen dieses Risiko bewusst in Kauf, um in einem hochkompetitiven Markt zu bestehen?

Wir sind nicht daran interessiert, die ersten zu sein - wir sind aber interessiert daran, richtig zu berichten; und das ist und bleibt unsere Mission. Wir nehmen das sehr ernst, weil Menschen sich an uns wenden, um zu erfahren, was wirklich vor sich geht.

Zurück zur Strategie: CNN digital verbucht über 100 Millionen Unique User und knapp 90 Millionen Mobile Unique Visitors. Wie verändert das digitale Zeitalter den Nachrichtenkonsum? Und lässt das noch Platz für lineares TV?

Ich denke, dass wir bald nicht mehr von TV versus Digital sprechen. Es wird sich alles um die Berichterstattung an sich drehen - und das in erhöhtem Maße im Videoformat auf allen verfügbaren Endgeräten. Zuseher sind und bleiben hungrig, Videos zu konsumieren, wann und wie sie wollen. Ich bin davon überzeugt, dass sich die Grenzen zwischen den einzelnen Medien, also auch TV und Digital, bald auflösen werden.

Wie lässt sich Journalismus in Zukunft monetarisieren? Sind Paid-Content-Modelle auch bei CNN ein Thema?

Heute verdient CNN Geld mit Kabel­anbieter-Verträgen, Werbung, Kooperationen und Produktionsvereinbarungen. Unsere Herausforderung in nächster Zeit wird es sein, herauszufinden, wie wir auch Nutzen aus Verbraucherbeziehungen schöpfen.

Und wie?

Wir denken derzeit darüber nach.

In Europa passiert die Digitalisierung im Vergleich zur USA oft langsamer. Wo sehen Sie die Unterschiede zwischen den zwei Kontinenten und was kann Europa, auch Österreich, von den USA in Sachen digitaler Berichterstattung lernen?

Ich denke, dass die USA in Sachen Video-Entwicklung weiter sind. Aber wenn wir zurückdenken: vor nicht allzu langer Zeit war es eine Neuheit, Emails zu schicken. Auf einmal wurden die Produkte besser und so konnte man Fotos zu den Emails anfügen und auch auf Social-Media-Plattformen posten. Seitdem verbessert sich die Technologie stetig und Menschen gewöhnen sich an den Umgang mit neuen Technologien. Das ist eine wichtige Entwicklung auch für die Werbebranche, da sich dadurch neue Geschäftsfelder ergeben. Ich denke zwar, dass die USA in der Entwicklung von Digital Video weiter sind, aber ich könnte mir vorstellen, dass in Märkten wie Deutschland, Frankreich oder Großbritannien der Videokonsum noch mehr steigen wird, und dass sich mit diesem Trend auch die Technologie weiter entwickelt.

CNN investiert auch in Start-ups, zuletzt in das Projekt "Great Big Story", bei dem Sie auch Mitbegründer sind. Sie wollen das Start-up in einen 24-Stunden Streamingdienst umformen. Was sind Ihre konkreten Pläne?

Wir haben als CNN eine Mission, gute Geschichten zu erzählen und die Inhalte für verschiedene Zielgruppen aufzubereiten. Nur nebenbei bemerkt: CNN erreicht so das größte Publikum an Millennials überhaupt. Das einstige Social-Video-Start-up "Great Big Story" wird nun in ein 24-Stunden-Streaming-Netzwerk umgewandelt. Hier haben wir die Chance gesehen, Content aus über 90 Ländern so aufzubereiten, dass es auch die involvierte Zielgruppe der Millennials erreicht. Dieses Investment ("Great Big Story" erhält von CNN Worldwide in den nächsten zwei Jahren eine Finanzspritze von 40 Millionen US-Dollar, Anm.) gibt uns die Möglichkeit nicht nur neue Zielgruppen zu erreichen, sondern auch neue Werbegelder zu generieren.

Wird es noch andere Projekte in der nahen Zukunft geben, die CNN unterstützt?

Wir haben kürzlich das Mobile-App-Unternehmen "Beme" erworben. Das ist das Projekt von YouTube-Star ­Casey Neistat. Das Unternehmen wird in Kürze in der Form von Beme News relaunchen - ein neues, unabhängiges und ambitioniertes Medien- und Technologieunternehmen, das eine breiter gefasste Sichtweise auf News haben wird. Mit Beme News sollen aktuelle und themenspezifische Videos veröffentlicht werden, die für die Zielgruppe in ihrem täglichen Leben relevant sind.
stats