Claus Pandi als Social-Media-Anarchist
 

Claus Pandi als Social-Media-Anarchist

Panel über Social Media barg Überraschendes, etwa Google-Manager, die Tacheles reden und ins Schwitzen kommen.

Überraschendes bot das Panel „Unternehmen und Organisation im Zwielicht der sozialen Kommunikation“ am Abend des zweiten Tages der Österreichischen Medientage. Etwa einen Mitarbeiter von Google, der nicht mit Floskeln um sich wirft. Oder, um es mit Niko Alms Tweet-Worten zu sagen: „Wolfgang Fasching-Kapfenberger ist der erste Google-Mensch, den ich Klartext reden höre. Lässig!“. Das tat er wirklich – und wurde von Moderator Rudi Klausnitzer derart in die Enge gedrängt, dass er sich nur noch mit den Worten „I bin erst seit Jänner bei Google“ zu helfen wusste.


Der Google-Manager war also der Bad Guy am Podium. Die sonstige Besetzung sah wie folgt aus: Christian Rainer mimte den Bewahrer des Journalisten: „So wie die Marktwirtschaft braucht auch die Meinungsfreiheit Regeln, um zu funktionieren“, meinte der Profil-Herausgeber und verwies auf die Beleidigungen und falschen Behauptungen, die man ohne Folgen anonym im Social Web publizieren könne. Krone-Journalist und Power-Twitterer (durchschnittlich 8,2 Tweets pro Tag, wie das Klausnitzer coram publico analysierte) war der sympathische Clown der Runde. Meldungen wie: "Twittern muss Spaß machen“, oder „ich liebe das Anarchische an Twitter, das liegt vielleicht daran, dass ich bei einem Law-and-Order-Medium arbeite“, kamen von ihm.

ORF-Online-Vordenker Franz Manola entsprach der Rolle des Visionärs voll und ganz: „Es kommt nun eine Generation, die so etwas wie Privatspähre kaum noch kennt.“ Manola blickte aber noch weitere Jahre voraus: „Es wird hier einen Backlash geben – möglicherweise in der nächsten Generation.“ Wieder zurück in der Gegenwart, bezeichnete Manola dann Facebook als Schwarzes Loch im Internet, dass alle Informationen ansaugt, aber keine selbst herausgibt. Google-Mann Fasching-Kapfenberger bestätigte: „Da kommt nicht einmal Google hinein.“ Müßig zu ergänzen, dass Facebook nicht mit Person und Stimme am Podium zu finden war. Am 27. Oktober soll es dann aber soweit sein, da sitzt dann Clive Ryan von Facebook bei der Podiumsdiskussion "Social Media - Was bringt es mir wirklich?" am Podium. Zurück zum 26. Oktober, zur Diskussion – oder besser zur Besetzung.

Da saß auch noch Kristin Hanusch-Linser, Leiterin der Konzernkommunikation der ÖBB auf dem Podium. Von ihr kam die meiste Substanz des Gespräches – jene Informationen, die andere Kommunikatoren gleich am nächsten Tag umsetzen können. „Wenn sich heute ein Unternehmen nicht mit Social Media auseinandersetzt, dann agiert es grob fahrlässig.“ Denn jetzt habe man endlich die Chance, mit dem Kunden in einen echten Dialog zu treten – und nicht in einen „hatscherten“ (O-Ton Autor, nicht Hanusch-Linser!), wie ihn die Instrumente des klassischen Dialogmarketings oder die der Werbung bieten würden. Und, so Hanusch-Linser weiter: „Das Team, das sich um Social Media kümmert, muss in der Kommunikationsabteilung angesiedelt sein; Social Media ist Chefsache.“

Volker Gaßner von Greenpeace war die Rolle des - Überraschung - Robin Hoods zugedacht. „Für NGOs stellt Social Media eine ungeheure Chance dar, weil man mit Unternehmen auf einer Stufe kommunizieren kann.“ So wäre ein VW-kritischer TV-Spot, der im klassischen Fernsehen zu sehen ist, einfach undenkbar, weil die NGOs gar nicht die Mittel dazu hätten.

Was bot die Rudi Klausnitzers Bühnenshow zum Thema Social Media sonst noch? Viel – vor allem schöne Sätze, die sich professionelle Kommunikatoren, nein, eigentlich jeder von uns, hinter die Ohren schreiben kann. Rainer: „Man muss den Menschen sagen, dass alles, was sie ins Netz stellen, ihr Leben verändern kann – vor allem weil es immer dort bleibt, und nicht gelöscht wird.“ Google-Manager Fasching-Kapfenberger wiederum versprach, dass die Existenz oder Nichtexistens eines Google+-Accounts eines Unternehmens keine Auswirkungen auf deren Ranking in den Suchergebnissen haben würde. „Da gibt es keinen Zusammenhang – das sind nur Gerüchte“, betonte er. Manola mahnte vor der Gefahr des schnellen Fingers, der sich jeder aktive Nutzer von Twitter aussetzt: „Zuerst schreiben, dann denken, das bereut man dann oft.“ Hanusch-Linser sprach von einer Verlagerung von Kommunikationsausgaben in Richtung Social Media: „Ich habe lieber zwei Mitarbeiter im Social-Media-Team mehr, als einen Geschäftsbericht, der Preise gewinnt.“ Übrigens: Den Geschäftsbericht der ÖBB gibt es nun nur noch auf der Website – und nicht mehr gedruckt. So gesehen, killen die sozialen Medien offensichtlich schon die gedruckten. Ein Thema für die Medientage 2013?

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