Christian Rainer: 20 Jahre profilierte Meinun...
 

Christian Rainer: 20 Jahre profilierte Meinung

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Von Profil-Herausgeber und Chefredakteur Christian Rainer sind weiter keine „Gefälligkeiten“ zu erwarten.
Von Profil-Herausgeber und Chefredakteur Christian Rainer sind weiter keine „Gefälligkeiten“ zu erwarten.

Zwei Jahrzehnte Chefredaktion beim Profil. Zwei Jahrzehnte gleicher Claim. Beides nachhaltig.

Dieser Artikel ist zuerst in Ausgabe Nr. 26/2018 des HORIZONT erschienen. Noch kein Abo? Hier klicken!

An den 1. Juli 1998 kann er sich nicht mehr genau erinnern. Aber an die Woche davor, an die heißeste Woche seines Lebens, wie er sagt. In einem Hearing musste sich Rainer für den Job des Chefredakteurs und Herausgebers profilieren. Alle Anwesenden waren in depressiver Stimmung, keiner glaubte so recht an eine Zukunft des Profil, den damaligen Kulturressortleiter Sven Gächter sprach er gleich per Du an, was der erst mal nicht so prickelnd fand. Und Rainer? „Der schlechteste Auftritt meines Lebens. Dennoch: 35 Leute stimmten ab und ich glaube, es waren nur zwei gegen mich.“

„Raiffeisenbüttel“ und „Lodenmantelträger“ hieß ihn die Presse, als er den Posten antrat. Eigentlich war er beim Wirtschaftsmagazin Trend mit gutem Job in Lohn und Brot. Und eigentlich wollte er den Job beim Profil nur für ein halbes Jahr machen, 40 halbe Jahre sind mittlerweile draus geworden. Geändert hat sich in diesen 20 Jahren am Beruf des Journalisten nicht viel; Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit sind und bleiben Ehrenkodizes, nur die Rahmenbedingungen veränderten sich. „Wir haben eine Konkurrenzsituation“, erklärt Rainer. „Die sozialen Medien nehmen uns die Luft zum Atmen. Wir rittern um die begrenzte Zeit der Menschen, der Werbekuchen ist kleiner geworden. Damals nährte sich der Umsatz zu 70 Prozent aus Werbegeld, jetzt zu weniger als der Hälfte. Das Blatt ist dünner geworden, aber das Team effizienter. Durch die Onlinerecherche muss man nicht wegen jeder Geschichte in die Nationalbibliothek rennen. Unser Rettungsanker: Der Abopreis hat sich in den letzten 15 Jahren verdoppelt ohne drastische Reduktion der Abonnenten.“

Wenn Rainer 20 Jahre Revue passieren lässt, spricht er auch von seiner eigenen Entwicklung. Heute erkennt er Situationen schneller, weil er sie alle schon mal erlebt hat. Seine „Schmallippigkeit“, ehemals Ausdruck radikaler Emotion, ist verschwunden, er ist entspannter geworden. Das hängt mit dem Älterwerden zusammen, auch mit dem Vatersein, meint er. Er hat viele Minister und Generaldirektoren kommen und gehen sehen, aber es fällt ihm niemand ein, der so lange seinen Posten hält wie er.

Eigentlich ist er ganz anders

Eigentlich bin ich ganz anders, ich komm nur viel zu selten dazu, sang einst Udo Lindenberg und man kommt nicht umhin, Parallelen zu Christian Rainer zu sehen. „Ich bin ganz anders als mein Image“, bestätigt er. Rainer gilt als abgehoben, eingebildet und darüber hinaus als Frauenheld, was er selber nicht so empfindet. Er ist halt ein bunter Hund, angstfrei und unabhängig. Der Maler Arnulf Rainer ist sein Onkel, ein Freigeist fällt nicht weit vom Stamm. Das goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich besitzen beide. „Aber ich habe nichts in meinem Leben mit Gefälligkeiten angezahlt“, sagt der Chefredakteur. Er bleibt sich treu. Aufrichtig sein, ehrlich sein, niemals lügen – da sind sie wieder, die magischen Wörter, und: Man muss nicht immer alles erzählen – und doch das Kind beim Namen nennen. ‚Die Schande Europas‘ titelte Profil am Cover, als sich Schwarz-Blau 1 Anfang 2000 formierte. Pech und Schwefel wurde über die Redaktion ausgeschüttet und alles versucht, das Profil schlecht zu machen. Es gipfelte in wüsten Beschimpfungen gegen Rainer – über Narben im Gesicht in Kombination mit Kraftausdrücken wurde da gelästert, Ölprinz titulierte man ihn.

Nun ja, der Ausdruck Ölprinz verdient einen Schmunzler. Mehrere Badewannen Gel hat Rainer nach eigenen Angaben schon auf seinem Haupt verteilt. Warum eigentlich? Um den starken Lockenkopf zu zähmen. Und die Narben im Gesicht? Kommen von der Akne in der Kindheit. Das war in Ebensee im Salzkammergut. Da blätterte der 16-jährige Christian im Keller seines Elternhauses zum ersten Mal ein altes Profil durch und dachte: Dort auch nur einfacher Redakteur zu werden, muss schwieriger sein, als Minister zu sein. Später hat er dann Jus studiert, Doktortitel im Schnelldurchgang. Titel war wichtig, Geld nicht, aber Karriere. Rechtsanwalt ist er nicht geworden. Als Kurt Waldheim Österreich mit seinen Lügen schädigte, lief der Freigeist Rainer in wilder Aufwallung zum Falter und sagte zu Armin Thurnher nur diesen einen Satz: „Ich will schreiben.“ Zum Glück hat der ihn gelassen. Heute steht Rainer wieder im Keller in Ebensee, entrümpelt und räumt Erinnerungen auf. Seit dem Tod der Eltern zieht es ihn nun fast jedes Wochenende dorthin. Er entdeckt Heimat. Heimat ist für ihn der Ort, wo man zum ersten Mal geliebt, gehasst, gerochen, sich gefürchtet und gespürt hat. Der Sunnyboy lernt Tiefgang.

[Suzanne Sudermann]

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