„Charlie Hebdo“-Mitarbeiter kämpfen für die P...
 

„Charlie Hebdo“-Mitarbeiter kämpfen für die Pressefreiheit

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Der 7. Jänner 2015 hat uns in eine neue Welt katapultiert © APA (AFP)
Der 7. Jänner 2015 hat uns in eine neue Welt katapultiert © APA (AFP)

Zum Jahrestag des Anschlags auf die Redaktion mit zwölf Toten schildern die Journalisten und Zeichner ihr Leben danach in einer Gedenkausgabe.

Lachen gegen die Angst, für die Freiheit: Unter diesem Motto arbeiten die Mitarbeiter der französischen Satirezeitung „Charlie Hebdo“ seit drei Jahren. Zum Jahrestag des Anschlags auf die Redaktion mit zwölf Toten am Sonntag schildern die Journalisten und Zeichner ihr Leben danach in einer am Mittwoch veröffentlichten Gedenkausgabe, bei der den Lesern das Lachen im Halse stecken bleibt.

„Der 7. Jänner 2015 hat uns in eine neue Welt katapultiert, die aus Polizisten und Waffen besteht, aus Durchgangsschleusen, gepanzerten Türen, aus Angst und Tod.“ So beschreibt es Fabrice Nicolino, der bei dem Anschlag schwer verletzt wurde.

Zu den Überlebenden zählt auch Laurent Sourisseau alias Riss, heute Chefredakteur von „Charlie Hebdo“, der während der Attacke der beiden Islamisten von einer Kugel getroffen wurde und sich tot stellte. Er hat das bitterböse Titelbild der Gedenkausgabe gezeichnet: Ein Mitarbeiter der Zeitung öffnet das Guckloch einer Panzertür und sagt - frei übersetzt - „Eine Spende für den Islamischen Staat? Wir haben schon gezahlt.“

Dafür gibt es in den sozialen Netzwerken viel Lob: „Hervorragend, diese Selbstironie“, schreibt ein französischer Facebook-Nutzer. Eine Frau bekennt: „Ich bin immer noch Charlie“ - in Anspielung auf die weltweite Solidaritätskampagne nach dem Anschlag 2015 unter dem Motto „Je suis Charlie“ (Ich bin Charlie), die der Zeitung viele Spenden und einen Rekordumsatz von mehr als 60 Millionen Euro brachte.

Für ihren schonungslosen Humor bezahlen die Zeichner und Journalisten bis heute. Sie arbeiten an einem geheimen Ort in Paris, der besser gesichert ist als manche Bank: Mit Panzertüren, Panikraum und privatem Sicherheitsdienst. Chefredakteur Riss und andere führende Redaktionsmitglieder können keinen Schritt ohne eine schwer bewaffnete Polizeieskorte machen. Und immer noch sind Drohungen Alltag, vor allem im Internet.

„Wieviel kostet die Pressefreiheit?“ fragt Riss in seinem Leitartikel und gibt gleich die Antwort: Bis zu 1,5 Millionen Euro jährlich müsse die Zeitung für den Schutz ihrer Redaktion und den privaten Sicherheitsdienst aufbringen. Denn der Staat stellt nur Polizisten für einige wenige Mitarbeiter ab, die als besonders bedroht gelten.

Finanzielles Fragezeichen
„Bis wann kann 'Charlie Hebdo' diese finanzielle Last tragen?“, fragt Riss „Niemand weiß es.“ Zum Dezember stellte das Satireblatt bereits seine deutsche Ausgabe ein, weil die Leser ausblieben. Auch der Erlös der französischen Ausgabe schrumpfte bereits im Jahr nach dem Anschlag nach AFP-Informationen auf knapp 20 Millionen Euro, also ein Drittel. Seit 2016 gibt es keine Zahlen mehr.

Die Mitarbeiter begegnen all dem mit Galgenhumor. Als „Fort Knox“ und „Konservenbüchse“ verspotten sie ihren Redaktionsbunker. Einer erzählt in der neuen Ausgabe, er müsse immer lachen, wenn er sich vor dem Gebäude in einer Panikattacke nach möglichen Angreifern umschaue und dann das Schild des Beerdigungsinstituts gegenüber sehe.

Ein anderer Journalist erzählt von einem absurden „Kirschattentat“: Die Polizei sprengte ein verdächtiges Paket vor seiner Wohnungstür - nur dass darin frisch gepflückte Früchte seines Bruders waren, die dem „Charlie-Hebdo“-Mitarbeiter durch die Explosion die halbe Wohnung versauten, ganz zu schweigen von der zerstörten Tür.

Die Gedenkausgabe ist auch ein Appell: An den französischen Präsidenten Emmanuel Macron, den Schutz für die gesamte Redaktion auf Staatskosten zu gewährleisten. Und an die Leser, „Charlie Hebdo“ und die Pressefreiheit auch weiterhin zu verteidigen. „Wir lachen, wir lachen weiter, aber wir brauchen Unterstützung“, schreibt Nicolino.

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