Carl Bernstein: Der zuhörende Aufdecker
 

Carl Bernstein: Der zuhörende Aufdecker

Christian Müller
Pulitzer-Preisträger Carl Bernstein bei den Österreichischen Journalismustagen im Atelierhaus der Akademie der bildenden Künste in Wien.
Pulitzer-Preisträger Carl Bernstein bei den Österreichischen Journalismustagen im Atelierhaus der Akademie der bildenden Künste in Wien.

Mit seinen Recherchen zur Watergate-Affäre prägte er den Journalismus nachhaltig. Aufmerksames Zuhören und Begegnen auf Augenhöhe erachtet er als essentiell.

Wenn er spricht, hängen sie allesamt an seinen Lippen: Publizistik-Studenten, junge Journalisten, ja selbst etablierte Reporter renommierter Medien. Er spricht über die Suche nach Tatsachen, nach Fakten; seine Lebensaufgabe, die zahllose Enthüllungen zu Tage und selbst einen US-Präsidenten zum Abdanken brachte.

„The best obtainable version of the truth“ – Bernstein skizziert die Prämisse jedes Journalisten, also die bestmögliche Version der Wahrheit;  und wird dabei nicht müde, den eigenen Berufsstand eben dafür zu tadeln.

Carl Bernstein wurde im Februar 1944 in Washington, D.C. in den USA geboren. Schon an der Montgomery Blair High School in Silver Spring, Maryland, engagierte er sich für die Schulzeitung Silver Chips. Seine journalistische Karriere, die nachfolgende Generationen prägen sollte, nahm mit 16 Jahren in einem Engagement für den Washington Star seine Anfänge – Bernstein rackerte sich vom ­Copyboy nach oben. Heute beschreibt er das als eine prägende Erfahrung.

Für die Wahrheit

„Ich war verloren, bis ich meine Profession gefunden habe“, so Bernstein. Im zarten Alter von 28 Jahren, bereits in Diensten der Washington Post, steckte man ihn in ein Team mit Bob Woodward. Was folgte, war ein Stück Journalismus- und Zeitgeschichte: die maßgeblich von den beiden getriebenen Enthüllungen deckten eine Reihe von Missständen und Regierungsversagen auf.

Journalismus-Legende Gene Roberts nannte die Arbeit von Bernstein und Woodward „maybe the single greatest reporting effort of all time“. Die so genannte Watergate-Affäre gipfelte am 9. August 1974 im Rücktritt des damaligen US-Präsidenten Richard Nixon. Für ihre Berichterstattung erhielten die beiden Investigativreporter und die Washington Post schon im Jahr zuvor den renommierten Pulitzerpreis.

Wenn Bernstein, so wie vergangene Woche bei den Österreichischen Journalismustagen, über diese Zeit spricht, gleicht das stets einem Plädoyer für den Journalismus. „Die Presse dient der Öffentlichkeit“, meint er, und dieser müsse man die bestmögliche Version der Wahrheit anbieten. Aufgabe des Journalismus sei es zuzuhören und zu berichten. Reporter zu sein, kein Richter.

Über 200 Berichte veröffentlichte Bernstein mit Woodward allein rund um die Watergate-Affäre. Sprach mit Hunderten, wenn nicht Tausenden Informanten. „Wir haben die Angst der Menschen gesehen, als wir mit ihnen gesprochen haben“, erinnert er sich in diesem Vortrag im ehemaligen Wiener Semperdepot zurück.

In der Nacht, in den eigenen vier Wänden, abseits des Drucks, haben die beiden mit Quellen – oft direkt aus der Nixon-Administration – gesprochen und Informationen entlockt. Stets auf Augenhöhe und mit Respekt, ohne den Einsatz aggressiver Fragestellungen. „Leute wollen die Wahrheit erzählen, aber wir geben ihnen die Chance oft nicht“, bemängelt Bernstein.

Journalisten seien oft lausige Zuhörer, kritisiert er. „Journalisten müssen Quellen als Menschen sehen und nicht als Vehikel, um eine Story zu bekommen.“ All diese Enthüllungen seien nur möglich gewesen, da er eben Zeit investiert habe. Zeit in die Recherche, Zeit in das Zuhören.

Gegen das Elitäre

Auch heute, gut 40 Jahre später, wird Bernstein nicht müde, Medien an ihre Kernaufgabe zu erinnern. Journalisten müssten der Dunkelheit, die die Information bedrohe, Widerstand leisten. Auch im eben absolvierten US-Wahlkampf hätten Medien versagt; viel zu spät lieferten diese, so Bernstein, investigativen Journalismus über die Kandidaten.

Ein in den Grundzügen allzu düsteres Bild der Medienlandschaft will er aber doch nicht zeichnen, grundsätzlich ortet er auch auf Grund der Vielzahl an technologischen Möglichkeiten ein goldenes Zeitalter des Investigativjournalismus. Eine Profession, die ihm, wie er mit seinen Worten verdeutlicht, am Herzen liegt – und dem sonst an den zwei Tagen in Wien so souverän und ruhig auftretenden Bernstein eine Emotion entlockt.

„Ich bin kein Schulmeister“, wettert er plötzlich durchaus entzürnt, als ihm bei einem Pressegespräch zum wiederholten Mal Fragen gestellt werden, deren Antworten er bereits am Vortag referierte. Enttäuschung und Resignation schwingt da mit, dass das von ihm auch beim White House Correspondent’s Dinner wenige Tage zuvor vorgetragene hierzulande nicht jedem fragenden Journalisten bekannt ist.

Wozu brauche es auch spezielle Audienzen für Journalisten? „Viele Menschen kritisieren die Presse genau dafür, elitär zu sein. Zu Recht“, so Bernstein mit einem Seitenhieb auf eben diese auserwählte Presserunde.

Machen Sie Ihren Job. „Do the reporting“, bliebt als Kernaussage über. Die Grundlage dafür ist die Recherche. In Zeiten von Donald Trump und Fake News ebenso wie in den 70er-Jahren um Watergate, so Bernstein: „Die echte Geschichte kennt man nie, bevor man sie recherchiert.“

Zur Person
Carl Bernstein wurde am 14. Februar 1944 als Sohn von Sylvia und Alfred Bernstein in Washington, D.C., geboren. Zusammen mit Bob Woodward deckte er die Hintergründe der Watergate-Affäre auf – dies war Vorlage des Films „Die Unbestechlichen“, in dem Bernstein von Dustin Hoffman gespielt wird. Aktuell ist Bernstein von der CNN mit dem Aufbau eines „Investigativ-Pools“ betraut. Bernstein war drei Mal verheiratet und hat zwei Kinder.
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