Burkhard Graßmann: Der Spätberufene
 

Burkhard Graßmann: Der Spätberufene

Christian Schoppe (Burda News)
Burkhard Grassmann
Burkhard Grassmann

Mit 15 hat er eine Schülerzeitung herausgegeben, heute erreicht er mit Burda Millionen Deutsche: Burkhard Graßmann, der erst mit Mitte 40 wieder zu seiner Liebe, den Medien, zurückfand.

Dieser Artikel erschien auch in der HORIZONT-Printausgabe 38/2017 vom 22. September. Hier geht's zum Abo.

Wie vielen einflussreichen Managern der Kommunikationsbranche eilt Burkhard Graßmann ein gewisser Ruf voraus. In jener Branche, in der sich so mancher in Sprechblasen und Marketingphrasen verliert, gilt er als Klartext-Manager mit Lust am verbalen Schlagabtausch. Und als Mann mit robustem Humor, wie ihn kress-pro-Chefredakteur Markus Wiegand beschreibt. Der „Multimanager“ ist ein schneller Entscheider, schriftliche Nachfragen zu unserem Gespräch beantwortet er binnen Stundenfrist.

Verleger mit 15
„Die Branche hat das Complainen zum Prinzip erhoben. Anstatt das Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen, hab ich den Eindruck, dass man zu sehr mit sich selbst beschäftigt ist“, stellt Burkhard Graßmann gleich zu Beginn klar. Er selbst hingegen ist ein Mann der Tat, der seine Talente bereits in der Schulzeit unter Beweis stellen sollte. Geboren 1966 in Bremen als Sohn eines Elektrotechnikingenieurs, zieht die Familie nach Kiel, wo Burkhard und seine sieben Jahre ältere Schwester Ulrike aufwachsen und zur Schule gehen. Der kunstinteressierte Junge – der heute in Grafiken und Skulpturen des 20. und 21. Jahrhunderts investiert – liest mit großer Leidenschaft „alles, was man so kriegen konnte“, schon damals zeigt sich auch sein „Zug zum Tor.“ Als er sich nämlich über die Schülerzeitung seiner Kollegen ärgert, denn das Blatt war ihm „zu links“, beschließt er, sein eigenes Ding zu machen und gründet mit „Der Kontrast“ eine konservative Gegenstimme. Der talentierte Verkäufer verdient mit jeder Ausgabe Geld, seine Mitstreiter belohnt er unter anderem mit kostenlosen McDonaldsBesuchen. „Eine schöne Zeit, heute lassen sich Verkäufer leider nicht mehr so einfach motivieren“, meint der BurdaNews-Boss dazu und lacht.

‚Eine Zeitung kannst du immer noch gründen‘
Durch den frühen Erfolg beflügelt, wollte der Abiturient vorerst gar nicht studieren, sondern eine Studentenzeitung herausbringen – doch der Vater machte ihm einen Strich durch die Rechnung. „Ich brauchte als 18-Jähriger für ein 30.000-DM-Darlehen der Sparkasse die Bürgschaft meines Vaters“, erzählt Graßmann. „Seine Bedingung: geht erst mal studieren! Das Darlehen kriegst du später, denn eine Zeitung kannst du immer noch gründen!“ Nach dem Studium der Betriebswirtschaftslehre, der Politikund Geschichtswissenschaften sowie der Philosophie (Graßmann scherzhaft: „Darüber spreche ich aber gar nicht gerne“) entscheidet er sich erst mal gegen den Journalismus und für Marketing. Nach vielen Jahren bei der Deutschen Telekom und dreijährigem Engagement beim Bonuskartenbetreiber Payback steht der 45-jährige Manager nach dessen Verkauf an American Express (um 500 Millionen Euro) „wieder auf der Straße“, als ihn der Ruf der Medienbranche ereilt.

Alte Liebe rostet nicht
„2011 rief mich Philipp Welte (Anm.: Burda-Vorstand) an und fragte ob ich Zeitschriften machen, ob ich Zeitschriften in eine neue Zukunft führen wolle. Da hab ich auch alle Fehler gemacht, die man machen konnte (lacht) und gleich am Telefon zugesagt. Das wollte ich ja schon immer machen, es ist wie eine spät vollzogene Liebe. Klar ist es auch eine riesige Herausforderung, neue Geschäftsfelder um Printmarken herum zu entwickeln – aber ich habe auch nach sechs Jahren meinen Entschluss nie bereut.“ Nachdem er BurdaNews erfolgreich auf Schiene gebracht hat, setzt Welte seinen Vertrauensmann Ende letzten Jahres auch an die Spitze des Burda-Vermarkters BCN. Graßmann zeichnet somit für die Vermarktung aller Burda-Titel verantwortlich.

Sehnsucht nach Meer
„Yoga oder Biken? Was entspannt den 51-jährigen Manager eigentlich?“, will HORIZONT vom Medienmanager wissen. „Früher ging ich ja gerne laufen oder zur Jagd, heute entspanne ich mich lieber beim Segeln und Lesen. Unser Boot ankert jetzt in Palma auf Mallorca, denn seit ich mit meiner Frau Anfang dieses Jahres von Hamburg nach München gezogen bin, wollen wir auch das Mittelmeer sehen.“ In seiner Freizeit liest Graß- mann meist mehrere Bücher parallel. Auf seinem Nachtischschrank liegt ein Krimi von Robert Wilson („Tod in Lissabon“), ein Buch über Yachtunfälle sowie eine Empfehlung seiner Schwester Ulrike über einen Quereinsteiger, der den Jakobsweg gelaufen ist. (Eduard Freundlinger: „Wie ich vom Weg abkam, um nicht auf der Strecke zu bleiben“). Den Jakobsweg sei er übrigens schon einmal gegangen, aber wer weiß, „vielleicht mach ich das nochmal“, meint Graßmann abschließend.

[Porträt von Marko Locatin]
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