Beschwerden: Presserat kritisert krone.at und...
 
Beschwerden

Presserat kritisert krone.at und oe24.at wegen Terrorberichterstattung

Österreichischer Presserat

Bei zwei gezeigten Videos des Attentats vom 2. November wurden Ethikverstöße durch Medien festgestellt.

Der Presserat stellte Ethikverstöße wegen der Veröffentlichung von zwei Videos, die Details des Attentats vom 2. November 2020 zeigen, fest. Mehr als 1.500 Beschwerden - laut Presserat bisher die größte Zahl - erreichten das Gremium anlässlich der Berichterstattung über das Attentat in der Wiener Innenstadt.


Ein Video zeigt die Erschießung einer Passantin durch den Attentäter. Wegen der Veröffentlichung dieses Videos wurden die Plattformen oe24.at und krone.at vom Senat gerügt. Zu oe24.at merkte der Senat an, dass diese Webseite die Live-Berichterstattung en bloc von oe24.TV in Form eines Livestream-Fensters übernimmt und sich die Inhalte des Fernsehsenders fortdauernd aneignet. Der redaktionelle Entscheidungsprozess sei damit abgeschlossen. Etwaige kurzfristige technische Übermittlungsprobleme aufgrund einer Serverüberlastung – wie von oe24.at im konkreten Fall vorgebracht - befreien oe24.at nach Meinung des Senats daher nicht von der ethischen Verpflichtung, für die Inhalte ihres Schwesterunternehmens oe24.TV einzustehen.

Sowohl bei der Verbreitung auf oe24.TV als auch auf krone.at wurde das Opfer verpixelt. Auf krone.at wurde zudem nur der erste Teil des Videos gebracht, in dem die Frau niedergeschossen wird (die Rückkehr des Täters zum Opfer und der tödliche Schuss waren hingegen nicht zu sehen). Dennoch stellte der Senat in beiden Fällen schwerwiegende Ethikverstöße gegen die Punkte 5 (Persönlichkeitsschutz) und 6 (Intimsphäre) des Ehrenkodex fest. "Für die medienethische Bewertung ist es nach Meinung des Senats grundsätzlich unerheblich ist, ob ein Video oder Bild bereits zuvor von anderen Medien gezeigt wurde", so der Senat in seiner Begründung.

Schusswechsel mit Polizisten

Ein zweites beanstandetes Video zeigt wie ein Polizist bei einem Schusswechsel getroffen wird. Wegen der Veröffentlichung dieses Videos stellte der Senat Ethikverstöße wiederum gegenüber oe24.at und krone.at fest. Polizisten genießen in Ausübung ihrer Dienstpflicht zwar grundsätzlich weniger Persönlichkeitsschutz als Privatpersonen, so der Presserat: "In diesem Sinne wurde es in der Vergangenheit als ausnahmsweise gerechtfertigt gesehen, Fotos unmittelbar vor der Erschießung eines Polizisten bei einem Terroranschlag in Paris zu veröffentlichen." Trotzdem bewertete der Senat die Veröffentlichung des vorliegenden Videos als Ethikverstoß. Der wesentliche Unterschied zum zuvor erwähnten Fall liegt darin, dass hier die Schussattacke in bewegten Bildern und in allen Einzelheiten dargestellt wurde. Die Veröffentlichung des brutalen Videos greife in die Würde und den Opferschutz des betroffenen Polizisten ein (Punkte 5 und 6 des Ehrenkodex).

Der Senat prüfte zudem auch Videomaterial, in dem lediglich der Attentäter während seiner Tat gezeigt wurde. Gegenüber den betroffenen Medien krone.at, kurier.at, oe24.at und vol.at wurde hier keine ethische Verfehlung festgestellt.

Grundsätzlich, so der Presserat, sei eine "Terrorattacke im eigenen Land eine Ausnahmesituation und auch für die Medien herausfordernd ist, insbesondere wenn sie noch im Gange ist bzw. sein könnte." Es sei die Aufgabe der Medien, die Allgemeinheit über die Ereignisse ausführlich und rasch zu informieren. Im Einzelfall könne es daher notwendig sein, Informationen selbst dann weiterzugeben, wenn sie noch nicht verifiziert werden konnten. Trotz des öffentlichen Interesses an der Bildberichterstattung über einen Terroranschlag ist der Persönlichkeitsschutz der verstorbenen, verletzten oder traumatisierten Opfer zu beachten.

stats