Ausgezeichnete Arbeiten: Bias, Blogs und die ...
 

Ausgezeichnete Arbeiten: Bias, Blogs und die "ÖON"

Katharina Schiffl
VÖZ Förderpreis Medienforschung
VÖZ Förderpreis Medienforschung

Drei ausgezeichnete Hochschularbeiten beschäftigen sich mit der Medienlandschaft Österreichs und deren Zukunftsaussichten. Was sind die spannendsten Ergebnisse dieser Werke und was war die Motivation der Autoren dahinter?

Den Blick auf die Zukunftsaussichten der Branche zu richten, wie es VÖZ-Präsident Thomas Kralinger nennt, zahlt sich aus. Nicht nur für die Branche und die Wissenschaft, sondern auch für die drei Autoren, die mit dem VÖZ-Förderpreis Medienforschung ausgezeichnet wurden. Mit „medienethischen Herausforderungen bei OnlineakteurInnen in Österreich“ beschäftigte sich Klaus Bichler in seiner Dissertation. „Ich bin seit Jahren ‚online unterwegs‘ und habe immer wieder festgestellt, dass es viele qualitativ hochwertige Blogs, Vlogs oder auch Podcasts gibt“, schildert Bichler seine Themenwahl. „Dort passiert auch Journalismus, aber in anderer Form, oft in Form einer Nischenberichterstattung.“ Während seiner Arbeit beim Medienhaus Wien stellte Bichler dann aber fest, dass die Medienethik viel zu wenig – wenn überhaupt – diese neuen Formen inkludiert. Diese Forschungslücke wollte er mit seiner Arbeit zu schließen beginnen. Für eine brauchbare Onlinemedienethik streicht Bichler zwei Ansatzpunkte heraus: Primär sei es wichtig, Medienwissen und Medienethik in der Schule als eigenes Fach zu unterrichten. „Jeder und jede kann heute einen Blog, einen YouTube oder Instagram-Channel bespielen. Vielen ist aber nicht bewusst, was das bedeutet“, sagt Bichler. Zweitens sollte es Möglichkeiten geben, dass Onlineakteure Schulungen niederschwellig besuchen und beim Presserat Mitglied werden können. In puncto Arbeitsweisen könnten beide Seiten voneinander profitieren. Während professionelle Journalisten sich ihrer Rolle als Schaffer von Öffentlichkeit bewusst seien und dementsprechend ihr Handeln ausrichten, würden etwa Blogger und Vlogger die Stärken von online besser nutzen, etwa bei Vermarktung und Transparenz.

Das Interview mit Klaus Bichler im Wortlaut

Was war Ihre Motivation hinter der Themenwahl? Was ist Ihr Konnex zur sogenannten „Blogosphäre“?

Klaus Bichler: Ich bin seit Jahren „online unterwegs“ und habe immer wieder festgestellt, dass es viele qualitativ hochwertige Blogs, Vlogs oder auch Podcasts gibt. Dort passiert auch Journalismus, aber in anderer Form, oft in Form einer Nischenberichterstattung. Welches klassische Onlinemedium kann in großem Umfang Strickinfos, Fußball-Taktikanalysen oder Details zu Bauprojekten zur Verfügung stellen? Durch meine Arbeit bei Medienhaus Wien (dort konnte ich von 2010-2013 bei einem europaweiten Medienethikforschungsprojekt mitarbeiten), habe ich aber festgestellt, dass die Medienethik viel zu wenig – wenn überhaupt – diese neuen Formen inkludiert. Da dachte ich mir, diese Forschungslücke müssen wir zu schließen beginnen, und daher der Zugang zu meiner Dissertation.

Wie könnte eine brauchbare Onlinemedienethik Ihrer Meinung nach aussehen?

Zwei Ansatzpunkte möchte ich herausstreichen: Primär ist es wichtig, Medienwissen in der Schule als eigenes Fach zu unterrichten (inkl. Medienethik!). Jeder und jede kann heute einen Blog, einen YouTube oder Instagram Channel bespielen. Vielen ist aber nicht bewusst, was das bedeutet. Daher muss jedem Schüler und jeder Schülerin Basiswissen zu (Online-)Medien vermittelt werden. Zweitens sollte es Möglichkeiten geben, dass Onlineakteure Schulungen niederschwellig besuchen können und – wenn sie wollen – beim Presserat Mitglied werden können.

Was war das überraschendste Ergebnis für Sie?

Vieles :) Im Ernst: Ich denke, in punkto Arbeitsweisen können beide Seiten voneinander profitieren. Während professionelle Journalisten sich ihrer Rolle als Schaffer von Öffentlichkeit bewusst sind und dementsprechend ihr Handeln ausrichten, sind Blogger, Vlogger etc. im Web meist mehr zuhause. Sie nutzen die Stärken von online besser: Stichwort: Vermarktung und Transparenz um nur zwei zu nennen.

Lesen Sie weiter auf Seite 2 - Infos und Interviews mit Hannes-Haas-Nachwuchspreisträger Jakob-Moritz Eberl und Stephanie Lehner, deren Masterarbeit „Online vs. Print: Qualitätsunterschiede und etwaige künftige Veränderungen am Beispiel der OÖN“ ausgezeichnet wurde



Mehr Gehör für die Wissenschaft Den Hannes-Haas-Nachwuchspreis erhielt Jakob-Moritz Eberl für seine Dissertation „Medienbias in politischer Berichterstattung: Ursprünge, Effekte und Wahrnehmungen überdenken“. „Für mich war schon früh klar, dass ich mich mit Medien und österreichischer Politik beschäftigen werde“, meint Eberl, der in seiner Studienzeit beim Privatfernsehen arbeitete und seit 2011 Mitglied der Österreichischen Nationalen Wahlstudie ist. Vor allem die jüngsten Attacken seitens der FPÖ gegen den ORF hat Eberl besonders genau verfolgt. Denn ein Ergebnis seiner Forschung ist, dass vor allem rechte Wähler ein großes Medienmisstrauen haben – in das Mediensystem insgesamt, aber gerade auch in Qualitätszeitungen und den ORF. „Das ist äußerst beunruhigend“, urteilt Eberl, „da das Vertrauen in freie und unabhängige Medien ein Eckpfeiler einer funktionierenden Demokratie ist. Es liegt in der Verantwortung der Politik, das Vertrauen in die Medien wieder zu stärken und hier klar Stellung zu beziehen. Solche Bestrebungen fehlen allerdings komplett und wir drohen in dieser Hinsicht manchen illiberalen Demokratien in Osteuropa ähnlicher zu werden“, so Eberl, der außerdem dafür ist, dass sich die Wissenschaft in dieser Debatte mehr Gehör verschafft, aber auch Journalisten ihre Arbeit transparenter machen.

Das Interview mit Jakob Moritz Eberl im Wortlaut

Was war Ihre Motivation hinter der Themenwahl?

Jakob Moritz Eberl: In meiner Studienzeit habe ich beim Privatfernsehen gearbeitet und seit 2011 bin ich Mitglied der Österreichischen Nationalen Wahlstudie; zuerst war ich Studienassistent, danach wissenschaftlicher Mitarbeiter. Für mich war daher schon früh klar, dass ich mich Medien und österreichischer Politik beschäftigen werde. Das tatsächliche Thema hat sich dann allerdings erst zwei Jahre nach Doktoratsbeginn ergeben. Wieder zwei Jahre drauf war die Dissertation fertig. Falls hier also DoktorandInnen mitlesen sollten: Macht euch nicht zu viel Stress bei der Themenfindung. Manchmal brauch gut Ding einfach Weile.

Eines Ihrer Ergebnisse ist ja, dass vor allem rechtsextreme Wähler Bias in österreichischen Medien vermuten. Wie haben Sie vor diesem Hintergrund die jüngste ORF-Diskussion verfolgt?

In meiner Forschung hat sich gezeigt, dass vor allem rechtsextreme Wähler ein großes Medienmisstrauen haben; ins Mediensystem insgesamt aber gerade auch in Qualitätszeitungen oder den ORF. Das ist äußerst beunruhigend, da das Vertrauen in freie und unabhängige Medien ein Eckpfeiler einer funktionierenden Demokratie ist. Es liegt ganz klar in der Verantwortung der Politik das Vertrauen in die Medien wieder zu stärken. Solche Bestrebungen fehlen allerdings komplett und wir drohen in dieser Hinsicht illiberalen Demokratien in Osteuropa ähnlicher zu werden. Vor allem die Angriffe der FPÖ, einer Partei in Regierungsverantwortung, gegen einzelne JournalistInnen und Modewörter wie "Fake News" sind in dieser Hinsicht gefährlich und schlagen sich auch unmittelbar in den Einstellungen der WählerInnen nieder. So muss vielleicht die Wissenschaft diese Aufgabe übernehmen, sich in der öffentlichen Debatte Gehör verschaffen und die demokratiepolitischen Gefahren aufzeigen. JournalistInnen, wiederum, könnten ihre Praktiken und Entscheidungen transparenter machen. So geben sie SkeptikerInnen die Möglichkeit, ihre Einstellungen neu zu überdenken.

Zu Partei-Inseraten meinten Sie, Qualitätsmedien würden einer möglichen Schieflage von Werbung und redaktionellem Inhalt tendenziell entgegenwirken? Wie stellt sich das Ausmaß von Partei-Inseraten in Österreich Ihrer Erfahrung nach im internationalen Vergleich dar?

Ja, in einer meiner Studien untersuche ich, ob das Inseratvolumen der Parteien mit wohlwollender Berichterstattung korreliert. Grundsätzlich konnte ich während der Wahl 2013 wenig Hinweise darauf finden und wenn, dann nur in Boulevardmedien. In Qualitätszeitungen zeichnete sich sogar eher ein gegenteiliger Effekt ab. Bedenklich ist, dass wir es bei dieser Frage möglicherweise auch mit einer Verdrehung des kausalen Zusammenhangs zwischen Inseraten und Medieninhalten zu tun haben. Vor allem manchen Boulevardmedien werden vermeintliche erpresserische Praktiken vorgeworfen, diese sind allerdings empirisch schwer messbar. Ungeachtet des tatsächlichen Einflusses, bleibt das Ausmaß an Zeitungsinseraten - gerade auch im Vergleich mit anderen europäischen Ländern - und die daraus resultierende Interdependenz von Medien und Politik in Wahlkampfzeiten demokratiepolitisch bedenklich. Zur Stärkung einer unabhängigen Presse, braucht es klar mehr staatliche und gesicherte Presseförderung.

Welches Ergebnis Ihrer Forschung hat Sie persönlich am meisten überrascht?

Überraschend war für mich sicherlich wie schwierig es sein würde, mit einem Begriff wie "Medien-Bias" zu arbeiten. Dabei habe ich drei unterschiedliche Formen definiert und messbar gemacht; auf Basis des Sichtbarkeit von politischen Akteuren, ihren Bewertungen, aber auch den Themen, die sie in der Berichterstattung ansprechen konnten. Nicht zuletzt lobte gerade die VÖZ-Jury meinen reflektierten Umgang mit dem aufgeladenen Begriff "Medien-Bias". Tatsächlich am überraschendsten war für mich allerdings, dass ich nicht nur diesen VÖZ Preis, sondern auch einen Doc.Award der Universität Wien für meine Arbeit bekommen habe. Unser Institutsvorstand meinte, der zweite Preis wäre quasi eine Validierung des ersten Preises. Das hätte ich nie erwartet und freut mich natürlich sehr.

Online vs. Print

Ausgezeichnet wurde auch Stephanie Lehners Masterarbeit „Online vs. Print: Qualitätsunterschiede und etwaige künftige Veränderungen am Beispiel der OÖN“. Lehner, die „als Oberösterreicherin mit der Zeitung aufgewachsen“ ist und dort während ihres Studiums ein Praktikum absolviert hat, nahm die Installation des OÖN-Newsrooms „als gute Gelegenheit, das wichtige Gut der Qualität in den Kontext von künftigen neuen Geschäftsmodellen zu setzen.“ Lehners Ergebnis: Der Inhalt des Online-Produkts zeigte eine geringere Qualität. Quellen wurden seltener genannt und die Fehlerquote war höher. Man müsse aber unbedingt den Anspruch an ein Medium in Betracht ziehen. Online-Medien könnten sehr gut kurz über das wichtigste Tagesgeschehen informieren. Eine tiefere Auseinandersetzung mit einem Thema könne, „im Falle der OÖN, eher das Printprodukt liefern“. Zweitens sei es maßgeblich, zwischen Kanälen zu unterscheiden. Hier fordert Lehner mehr Augenmerk auf medienpädagogische Angebote. Vor allem Jugendlichen fehle die Orientierung, um hochwertige Medien zu erkennen.

Das Interview mit Stephanie Lehner im Wortlaut

Was hat Sie an dem Thema fasziniert und wie fiel die Entscheidung für das Beispiel ÖON?

Stephanie Lehner: Publizistische Qualität ist eines der höchsten Güter in einer demokratischen Gesellschaft, vor allem in einer Zeit die von Gratiszeitungen dominiert ist, sich die Bevölkerung nur noch von einfach portionierten "soft news" zu begeistern scheint und sich Falschmeldungen über Social-Medias wie ein Lauffeuer verbreiten. Darüber hinaus wissen wir aus verschiedensten Studien (bspw. "Media Monitoring 2013" oder "Jahrbuch 2015 Qualität der Medien), dass das Internet eine zentrale Anlaufstelle in der Informationssuche ist für Jugendliche und Abonnement Zeitungen sie kaum mehr erreichen. Hinsichtlich des mangelnden medienpädagogischen Angebots ist dies eine Entwicklung die man kritisch betrachten sollte. Die Entscheidung auf die OÖN ist für mich in erster Linie aufgrund meiner Verbindung zu dem Medium gefallen. Als Oberösterreicherin bin ich mit der Zeitung aufgewachsen. Während meines Studiums habe ich auch ein Praktikum in der Regional-Abteilung absolviert. Darüber hinaus befand sich die OÖN zu dieser Zeit im Langzeitprojekt News-Room. Das gesamte "alte" Zeitungsgebäude wurde abgerissen und ein zentraler News-Room wurde gebaut in dem die gesamte Redaktion (Online- und Print-Redaktion vereint) seit Anfang 2017 gemeinsam täglich arbeitet. Da ich mit meiner Arbeit auch eine Betrachtung in die Zukunft werfen wollte, um lösungsorientiert zu sein und nicht nur Missstände aufzudecken, erschien mir dies als gute Gelegenheit das wichtige Gut der Qualität in den Kontext von künftigen neuen Geschäftsmodellen zu setzen.

Wie erklären Sie die Diskrepanz zwischen Print und Online bei eingeschätzter Qualität und Aufmerksamkeitsspanne?

Unterm Strich zeigt der Inhalt des Online-Produkts eine geringere Qualität. Eine deutliche Schwäche die ersichtlich wird über alle drei untersuchten Ressorts (Wirtschaft, Politik, Regionales) ist einerseits, dass online selten eine Quelle genannt wurde, von der die dargelegten Informationen bezogen wurden. Darüber hinaus ist die Fehlerquote (Rechtschreib-, Tippfehler etc.) online höher, was vermutlich auf die Schnelligkeit des Mediums zurückzuführen ist. Bezüglich der Aufmerksamkeitsspanne habe ich keine Ergebnisse, da ich die RezipientInnen-Perspektive nicht betrachtet habe. Dies hätte den Rahmen der Arbeit gesprengt. Jedoch war eine Erkenntnis die ich im Zuge der Arbeit gewonnen habe, dass es auch unbedingt in Betrachtung gezogen werden muss, welchen Anspruch man an ein Medium hat. Denn die Erkenntnis meiner Arbeit ist nicht, dass das Online-Produkt schlecht ist und nicht konsumiert werden soll. Am Ende des Tages geht es erstens darum was meine Absicht ist: Wenn ich mich über das aktuelle Tagesgeschehen informieren möchte, in aller Kürze über das Wichtigste Bescheid wissen will, eignet sich das Online-Medium bspw. sehr gut. Wenn ich mich in der Tiefe mit einem Thema auseinander setzen möchte, eine kritische Analyse lesen will, dann kann das, im Falle der OÖN, eher das Print-Produkt liefern. Zweitens ist es maßgeblich den Unterschied zwischen den Kanälen zu erkennen und zu wissen welchen Zugang ich zu welchem Zwecke wähle.

Wie kann Ihrer Meinung nach der jungen Generation der Wert von Qualitätsmedien vermittelt werden?

Meiner Meinung nach sollte viel mehr Wert auf das medienpädagogische Angebot gelegt werden. Als Jahrgang 1990 bin ich mit der Tageszeitung am Frühstückstisch aufgewachsen, heute entspricht dies eher nicht mehr der Norm. Ich bin der Meinung, dass der richtige und kritische Zugang/Umgang mit Medien und Informationen im Generellen viel stärker im Schulunterricht vermittelt werden muss. Darüber hinaus muss auch die Bedeutung der Medien in einer Demokratie thematisiert werden, so wie bspw. das Zusammenspiel von Medien, Politik und Wirtschaft. Das hat auch mir im Schulunterricht gefehlt und heute - in einem Zeitalter der Informationsflut - ist das noch wichtiger, da vor allem Jugendlichen hier die Orientierung fehlt, um hochwertige Medien zu erkennen bzw. sie von weniger Hochwertigen unterscheiden zu können.

Was hat Sie an Ihrem Forschungsergebnis persönlich am meisten überrascht?

An den Ergebnissen selbst hat mich am meisten überrascht, dass der gemessene Qualitätsunterschied zwischen den Ressorts teilweise sehr unterschiedlich war und auch, dass die Schwankungen innerhalb eines Ressorts teils sehr stark waren, wenn man einzelne Untersuchungstage vergleicht. Im Großen und Ganzen hat mich nach diesem gesamten Forschungsprojekt aber am meisten überrascht, wie wichtig dieses Thema in unserer Gesellschaft ist, und, dass sich sowohl unsere Politik als auch unser Bildungswesen viel stärker damit auseinandersetzen muss. Darüber hinaus sollte auch von den Medien viel mehr Selbstreflexivität gefordert werden, denn wie schon der Medienwissenschaftler Ruß-Mohl in den 90er Jahren bemerkt hat, werden die Medien viel weniger mit öffentlicher Kritik konfrontiert wie andere klassische staatliche Gewalten.

stats