Aufbruch statt Krieg
 

Aufbruch statt Krieg

#
Jeff Jarvis formulierte per Videokonferenz seine Thesen(c)P. Svets
Jeff Jarvis formulierte per Videokonferenz seine Thesen(c)P. Svets

Die Thesen von Medientheoretiker Jeff Jarvis fanden beim Podium wenig Anklang.

„Wir haben schon viele Veränderungen gesehen, aber das ist kein Vergleich zu dem was noch kommen wird“, so meldete sich Jeff Jarvis per Videokonferenz an die Zuhörerschaft, die sich im Saal 1 versammelt hatte um mehr über „Medien übermorgen“ zu erfahren. Und das Szenario, das Jarvis zeichnete, war ein düsteres. So könne man, das was Journalisten produzieren, nicht mehr als Produkt verstehen, sondern als Prozess. Ein Bericht, den ein Journalist recherchiert und schreibt und erst dann der Öffentlichkeit zugänglich macht, würde der Vergangenheit angehören. Künftig würden News und Berichte, die einmal im Web publiziert werden, sich ständig durch den Beitrag der User weiter entwickeln. In der Link-Economy ist die Beziehung zum Publikum das zentrale Element. „Content ist nicht King“, mahnte der Medientheoretiker, der an der „Graduate School of Journalisms“ der New York City University als außerordentlicher Professor tätig ist.

Dieses Beziehungsgeflächt unter den Usern – das über Plattformen wie Facebook oder Twitter organisiert ist – würde gleichzeitig der Distributionsweg für die medialen Inhalte sein. Etablierte Verlagshäuser und Journalisten würden zunehmen in Konkurrenz mit Bürgerjournalisten stehen, die sich in Netzwerke organisieren, so ein immer größeres Publikum erreichen und auch für die Werbewirtschaft interessant werden. Mit der Kostenstruktur dieser Netzwerke würden die Verlagshäuser nicht mithalten können. Für Journalisten selbst gelte es, sich neue crossmedial Skills anzueigenen. Sie sollten sich in jeder Mediengattung (Video, Audio, Text usw.) ausdrücken können und natürlich die Tools der Link-Economy (Facebook, Twitter und Co) beherrschen.. Denn: „Die Beziehung zum Poblikum ist das Wichtigste.

Das Podium selbst sah die Prophezeihungen des Autors des Buches „Was würde Google tun?“ mehr als kritisch: Franz Manola, Leiter des Plattformmanagement in der ORF-Generaldirektion, meinte auf die Frage von Moderatorin Marcela Atria, die den Podiumsdiskutanten eine Prognose für die nächsten 20 Jahre abverlangte: „Ich bin gelassen. Mit solchen Ankündigungen wie ,wenn ihr nicht twittert, dann seid ihr tot' kann ich nichts anfangen.“ Er glaubt, dass man in Zukunft jene Medien haben werde, von denen man selber glaube, dass man sie braucht. „Wir können entscheiden, ob wir Google alle unsere Daten geben oder dies abstellen.“ Er könne den „Alarmismus“ nicht nachvollziehen, die in den Diskussionen über das neue digitale Zeitalter, immer wieder zu beobachten sein. Es gebe in Österreich gerade einmal 3.000 iPads. Dem würden Milliardenbeträge gegenüberstehen, die die Österreicher zuletzt in neue TV-Geräte investiert habe. „Die sprechen dem Medium Fernsehen nicht plötzlich das Misstrauen aus“, mahnte der ORF-Denker zu mehr Realitätssinn.

APA-Geschäftsführer Peter Kropsch konnte dem, von Jarvis hochgelobten Bürgerjournalismus, wenig abgewinnen. „Ein Beitrag von einem Bürgerjournalist wird sicher nie auf den APA-Plattformen erscheinen.“ Nachrichtenagenturen wie die APA würden dem Content eine Art „grünes Pickerl“ geben – hier könne man sicher sein, dass nach journalistischen Grundsätzen gearbeitet wurde und dass auch Rechte für Bilder usw. abgegolten sind. Hannes Eder, Managing Director von Universal Music Austria, ergänzte: „Das Medienkonsumverhalten in den USA ist mit dem in Europa nicht zu vergleichen. Ich beispielsweise würde einem Bürgerjournalisten nichts abkaufen. Ich brauche Medienmarken, um Vertrauen aufzubauen.“ WirtschaftsBlatt-Vorstand Hans Georg Gasser wies darauf hin, dass Verleger den von Jarvis vorgezeichnete Weg für Inhalten (Content is everywhere) nicht beschreiten können. „In der Link-Economy müssen Inhalte frei verfügbar sein, jede Paywall ist ein Hindernis.“ Auf Print übersetzt hieße dies, dass man die Zeitung jedem Haushalt kostenlos anliefern müsse, um damit mehr Auflage zu erreichen, als wenn man das Printprodukt verkaufen würde. Das iPad bezeichnete Gasser als spannendes Lesegerät, das sicherlich keine Minderheitenveranstaltung bleiben werde. „Derzeit ist es halt noch recht teuer.“

Für Robert Chvatal, Vorstandschef von T-Mobile Austria, ist die mobile Connectivity der Schlüssel zur Mediendistribution der Zukunft. Für Telekos gelte es, sich auch in der Zukunft auf dieses Geschäftsffeld zu konzetrieren. „Ich glaube dass unterschiedliche Quality of Service Stufen die Zukunft sind“, meinte Chvatal. Zur Erläuterung: Damit sind unterschiedliche Geschwindigkeiten auf der Datenautobahn gemeint – wer mehr zahlt, kann schneller surfen. Oliver von Wersch, bei Gruner & Jahr für den Aufbau des mobilen Geschäftes zuständig, meinte, dass die Verlagshäuser aus dem Krieg mit Apple, Google, Facebook und Co einen Aufbruch machen sollten. „Man kann aus Verlagssicht das Internet erfolgreich monetarisieren.“
stats