,Auf uns muss niemand Rücksicht nehmen‘
 

,Auf uns muss niemand Rücksicht nehmen‘

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Interview: Das Führungsduo des 'profil', Herausgeber Christian Rainer und Managing Director Gustav Soucek, über neue Sonderthemen, eine durchgetaktete Verwertungskette und die Abgrenzung zum neuen News

HORIZONT: Das "profil" hat jetzt einen Managing Director, wie unterscheidet sich diese Funktion von einer Verlagsleitung?

Gustav Soucek: Im Wesentlichen gibt es kaum Unterschiede, die Aufgaben sind die gleichen, ebenso die Aufteilung. Christian Rainer ist als Herausgeber und Chefredakteur unverändert für die journalistischen Inhalte verantwortlich und ich für den kaufmännischen Teil, also Anzeigen,  Vertrieb, Marketing, sowie die Umsetzung eines Ökosystems rund um das "profil".

Christian Rainer: Eine echte Überschneidung gibt es nur im Bereich der Außendarstellung, beim Repräsentieren des "profil". Wo wir unsere Zuständigkeiten ganz klar abgrenzen, ist die Grenze zwischen Redaktion und Anzeigen. Da tangieren wir einander nicht einmal. Grundsätzlich bin ich wahnsinnig froh, mit dem Gustav zusammenzuarbeiten. Da funktioniert vieles nicht auf Zuruf, sondern ohne Zuruf.

Soucek: (lacht) Ja, stimmt. Weil wir eine klare Rollenteilung haben: Er ist die Diva und ich bin die Zicke.

HORIZONT: Was die Trennung von Anzeigen und Redaktion in Qualitätsmedien betrifft, gab es kürzlich Aufregung rund um die "Süddeutsche Zeitung", wo ein ehemaliger Journalist erzählt hat, er hätte Sonderseiten sehr stark auf Zuruf der Anzeigenabteilung geschrieben? Wie haben Sie das erlebt?

Rainer: Ich sehe dieses Problem auch bei seriösen Medien in Österreich. Selbst wenn solche Seiten gekennzeichnet sind, ist es für den Leser nicht unbedingt erkennbar, dass da Geld geflossen ist. Wir sind es unseren Lesern schuldig, hier ganz klar zu trennen, daher gehen wir sogar einen Schritt zurück.

HORIZONT: Inwiefern?

Rainer: Insofern, als wir es künftig vermeiden werden, Extrahefte so zu konzipieren, dass sie quasi für einige wenige infrage kommende Unternehmen maßgeschneidert sind, was die journalistische Gestaltungsfreiheit mitunter einengt. Stattdessen wollen wir in monatlichem Rhythmus Themenfelder aufarbeiten – wie etwa „Geld“ oder „Bildung“, die primär die Affinitäten unserer Leser ­bedienen, selbstverständlich aber auch als Umfeld für Anzeigenkunden dienen sollen.

HORIZONT: Jetzt sind wir schon beim Thema Anzeigenmarkt. Wie funktioniert der War Room aus Ihrer Sicht?

Soucek: Aus unserer Sicht funktioniert er sehr gut. Er unterstützt das "profil", unseren Anzeigenverkauf und unseren Vertrieb, aber er bedarf ­sicher noch einer gewissen Selbstfindung. Der War Room arbeitet maga­zinübergreifend für die Verlagsgruppe und konzipiert auch neue Verkaufsprodukte. So wie zum Beispiel das 76-seitige "Wirtschaftsbarometer". Das ist das erste Produkt aus dem War Room, das auch "News" und "Format" beigelegt wurde – und nebenbei einen sehr schönen Werbeumsatz gebracht hat. Die Anzeigen sind die gleichen, aber die Inhalte unterscheiden sich teilweise ganz massiv.

HORIZONT: Man hört von Irritationen, weil der War Room ins Gefilde des Verkaufs einzelner Medien kommt und dadurch eine Kannibalisierung stattfindet. Wie sieht das beim "profil" aus?

Soucek: Natürlich gibt es insbesondere in der Anfangsphase solche Anlaufschwierigkeiten, und die darf man auch nicht leugnen. Jetzt nach dem ersten Produkt und dem zweiten Monat dieses Jahres seit Bestehen des War Room ist es aber nicht gerechtfertigt, von Kannibalisierung zu sprechen. Ich glaube aber fest daran, dass wir negative Effekte großflächig umgehen können, solange wir achtsam mit unseren Kunden umgehen, neue magazinübergreifende Produkte kreieren und auch neue Ideen aus den Magazinen heraus entwickeln.

HORIZONT: Wie entwickelt sich der Anzeigenmarkt bislang in diesem Jahr?

Soucek: Aus unserer Sicht positiv. Das "profil" entwickelt sich in die richtige Richtung. Wenn es so weiterläuft, werden wir im ersten Quartal über das Vorjahr kommen.

Rainer: Weil du gar so bescheiden bist, Gustav, möchte ich ergänzen, dass dies ohne den War Room oder der Regionalbeilage für Kärnten gerechnet ist. Wir sind also schon mitten auf der inzwischen berühmten Rolltreppe, die Horst Pirker gerne bemüht. Die Rolltreppe führt zwar nach unten, aber wir schaffen es dennoch hinauf. Das Jahr lässt sich nicht nur stimmungsmäßig, sondern auch ­finanziell sehr gut an. Pirker ist ein begnadeter Kommunikator und bringt das auch sehr gut auf den ­Boden.

HORIZONT: Zum ersten Mal nach vielen Jahren hat die "profil"-Redaktion mit Ingrid Brodnig und Joseph Gepp wieder Neuzugänge. Wird hier investiert, oder ist einfach durch die Pensionierung von Herbert Lackner und anderen Budget freigeworden?

Rainer: Sowohl als auch. Das Schöne an der Situation ist, dass uns der Staat jetzt ein wenig hilft, da Herbert Lackner und Marianne Enigl in Pension gehen, aber weiter hier kräftig anpacken werden. Wir dürfen also jetzt auch auf Kosten der Steuerzahler "profil" pro­duzieren (lacht). Brodnig und Gepp sind auch noch nicht das Ende der Fahnenstange. Wir werden etwa die Anzahl unserer Onlineredakteure verdoppeln.

HORIZONT: Von eins auf zwei?

Rainer: (lacht) Nein, von zwei auf vier, um genau zu sein.

HORIZONT: Wird es dann auch generische Onlinegeschichten geben?

Rainer: Klar ist das in Planung. Wobei ich eher darauf setze, dass die Print­redaktion auch mit großer Freude ­online schreibt oder gar Videoclips produziert und zu Geschichten stellt.

Soucek: Da spielt etwas hinein, was generell wichtig ist für die erfolgreiche Kommerzialisierung – das sogenannte „Windowing“: Wann werden welche Inhalte gezielt über welche Kommunikationskanäle in welcher Abfolge ausgespielt? Da kann man viel von den Filmproduzenten lernen, und das wird sicher spielentscheidend für alle Medienunternehmen, auch jene mit verlegerischer Herkunft, sein.

HORIZONT: Wie könnte die Verwertungskette bei Print-Content konkret ausschauen?

Rainer: Das hat auch viel mit unseren Planungen rund um eine Paywall für "profil" online zu tun. Wenn zum Beispiel eine Wissenschaftsgeschichte im Heft erscheint, könnte man online einen Wissenschaftskanal anbieten, auf dem Zusatzmaterial zu dieser Geschichte, aber auch die gesammelten Wissenschaftsgeschichten aus "profil" abrufbar sind – dann allerdings bezahlt –, obwohl sie vorher schon in Print erschienen sind. Das kann dann ein Kanal sein, der als Ganzes abonnierbar ist. Es können aber auch einzelne Geschichten erworben werden. Damit werden wir sehr bald, also vor dem Sommer, experimentieren. Das ist nichts, wo wir viel Geld verdienen werden. Ein Groscherlgeschäft vielleicht, aber ein wichtiger Bestandteil der journalistischen Verwertungskette der Marke "profil".

Soucek: Generell glaube ich, dass man hinsichtlich der Verwertungskette bei TV, Film und auch beim ­Musikgeschäft Anleihen nehmen kann. Es geht darum, die Themen und Spielfelder, in denen wir unsere Marke kommerzialisieren können und ­wollen, auszuweiten.

HORIZONT: Haut der Vergleich mit der Musik- und TV-Branche wirklich hin? Einen David-Bowie-Song höre ich mir immer wieder an, eine "profil"-Reportage lese ich wohl bei aller Hochachtung eher nur ein Mal.

Rainer: Also ich könnte mir wunderbar vorstellen, die Serien von Herbert Lackner als Hörbuch oder als Audiostream auf der "profil"-Page anzubieten. Das ist eine völlig andere Form des Medienkonsums. Ich kenne Menschen, die gerne Bücher, die sie vor längerer Zeit gelesen haben, dann auch mal wieder vorgelesen hören wollen.

HORIZONT: Als Kern der Pirker’schen Strategie gelten die Community jedes Magazins und der Leitsatz: „Serve them, own them, share them“. Bei Titeln wie "trend"/"Format", "Woman" oder der "Yacht Revue" ist die Eingrenzung der Community naheliegend. Aber wodurch definiert sich die "profil"-Com­munity?

Rainer: Ich sehe es ja als große Chance, dass wir nicht auf 52 Prozent der Bevölkerung, nämlich Frauen, beschränkt sind oder auf 0,7 Prozent der Bevölkerung, nämlich Yachtbe­sitzer. Wir zielen auf die gesamte ­Bevölkerung ab und dort wiederum auf all jene, die sich intelligent in­formieren wollen, um nachher eine fundierte Meinung zu haben, indem sie pro­filierte Meinungen geliefert bekommen. Unsere Community de­finiert sich durch die Bereitschaft zur intelligenten Auseinandersetzung.

HORIZONT: Und wie kann man die mit Werbepartnern teilen?

Soucek: Wenn wir als Nachrichtenmagazin davon ausgehen, dass uns die Politik und somit die Politiker lesen, dann kann man das relativ exakt durch die drei Ebenen Bund, Land und Gemeinde definieren. Ziel im Vertrieb muss daher sein, dass wir alle Politiker Österreichs erreichen. Wir haben dann im Pirker’schen Sinn diese Community der Politiker, weil sie uns lesen müssen und lesen wollen. Das ist dann eine Gemeinschaft, die für jene, die in Österreich investieren – in Infrastruktur, in Wirtschaftsleistung, in Arbeitsleistung – sehr relevant und interessant ist.

HORIZONT: Die Branche blickt im Moment gespannt auf "News". Im "Standard" war zu lesen, dass Pirker die Devise ausgab, "News" müsse bei der neuen Positionierung keine Rücksicht auf das "profil" nehmen. Was sagt Ihnen das?

Rainer: Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass Pirker das gesagt hat – aber aus einem ziemlich einsichtigen Grund, weil das "profil" so gut positioniert ist und so fest im Markt steht, dass man auf "profil" wirklich keine Rücksicht nehmen muss. Ich hoffe, dass "News" reüssieren wird, und der Weg, den die dort einschlagen – sowohl personell als auch mit dem Samstag als Erscheinungstermin – ­erscheint mir logisch. Aber ich glaube nicht, dass "profil" davon in irgendeiner Form bedrängt werden könnte. Die Überschneidung war immer sehr klein und ich glaube auch nicht, dass sie jetzt viel größer werden wird.

Dieses Interview erschien bereits am 6. März 2015 in der HORIZONT-Ausgabe 10/2015. Hier geht's zur Abo-Bestellung.
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