ATV-Verkauf bereits auf der Zielgeraden?
 

ATV-Verkauf bereits auf der Zielgeraden?

© TMG / Andreas Büttner
Herbert Kloiber kündigte an, dass er sich in diesem Jahr aus der Leitung der Tele München Gruppe zurückziehen und die Geschäfte an seinen Sohn übergeben werde.
Herbert Kloiber kündigte an, dass er sich in diesem Jahr aus der Leitung der Tele München Gruppe zurückziehen und die Geschäfte an seinen Sohn übergeben werde.

Noch ist kein Antrag auf Übernahme von ATV durch ProSiebenSat.1 bei der BWB eingelangt - sobald das der Fall ist, könnte alles ganz schnell gehen.

Dieser Artikel erschien auch in der HORIZONT-Printausgabe 04/2017 vom 27. Jänner. Hier geht's zum Abo.

Lange Zeit hatte ATV-Eigentümer Herbert Kloiber Verkaufsabsichten dementiert - Anfang September platzte dann die Bombe. Gegenüber dem Handelsblatt kündigte Kloiber an, dass er sich in diesem Jahr aus der Leitung der Tele München Gruppe (TMG) zurückziehen und die Geschäfte an seinen Sohn übergeben werde. "Zu meinem 70. Geburtstag am 6. Dezember 2017 will ich die Geschäftsführung der Tele München Gruppe an meinen Sohn übergeben, der vermutlich andere Akzente setzen wird." Bis dahin werde er das Portfolio bereinigen, ATV gehöre danach wohl nicht mehr zum Konzern. "ATV war mein größter Fehler. Mit ATV habe ich bislang Verluste in zweistelliger Millionen-Euro-Höhe gemacht", so der Medienmogul in diesem Interview. Seit dieser Aussage, die er später relativierte, beschäftigt die Branche eine Frage: Was passiert mit ATV? Langsam kommt nun etwas Licht ins Dunkel.

Das Prozedere bei der BWB

Vor wenigen Tagen wurde das Grundrauschen zu Gerüchten und Spekulationen, dass ProSiebenSat.1 ernsthaftes Kaufinteresse hat, wieder etwas lauter. Laut der Sonntagsausgabe von Österreich soll der Kauf bis 31. Jänner unter Dach und Fach sein und auch Der Standard berichtet, dass die Bundeswettbewerbsbehörde (BWB) noch im Jänner entscheiden will. Ein ambitioniertes Ziel, denn die Übernahme müsste bei der BWB vorerst einmal angemeldet werden - dort gibt es aber noch keinen Prüfantrag, heißt es auf HORIZONT-Anfrage. Das Prozedere sehe dann folgendermaßen aus: Ab Anmeldung hat die BWB längstens einen Monat Zeit, den Antrag zu prüfen. Danach gibt es drei Optionen: Der Zusammenschluss wird freigegeben, mit Auflagen genehmigt oder es wird ein Prüfungsantrag an das Kartellgericht gestellt. Kartellrechtsexperten rechnen für den Fall, dass die ProSiebenSat.1-Gruppe ATV übernimmt, mit Auflagen. Denn die österreichische Tochter des Münchner Medienkonzerns ist - jedenfalls nach Bruttowerbevolumen - schon größter Player am TV-Werbemarkt und laut Marktanteilen zweitstärkste Gruppe nach dem ORF in der Zielgruppe 12+. "Derzeit können wir zu den Bedingungen noch nichts sagen. Erst am Ende der Prüfung werden diese bekannt gegeben", so eine Sprecherin der Medienbehörde gegenüber HORIZONT.

Zu einem möglichen Kauf des Privatsenders ATV durch die ProSiebenSat.1-Gruppe hat Medienminister Thomas Drozda (SPÖ) nun betont, dass eine derartige Fusion von der Medienbehörde und der Kartellbehörde zu prüfen sei und "zweifellos unter gewissen Auflagen" bewilligt werden könne. Seines Wissens nach gebe es bereits Gespräche mit der Medienbehörde und auch Gespräche mit der Kartellbehörde, die "in der Finalisierung" seien - auf Basis dessen werde eine Entscheidung getroffen werden, das berichtet die APA.

Weitere mögliche Interessenten

Wie es mit dem Sender weitergehen soll, war lange Zeit völlig unklar. Auf die Frage, wer an einem Kauf von ATV Interesse haben könnte, wurden die üblichen Verdächtigen genannt: Die ProSiebenSat.1 PULS 4-Gruppe, die RTL-Gruppe und Wolfgang Fellner. Aber auch die Mediaprint, die sich den früheren Kaufmännischen Direktor des ORF, Richard Grasl, als Berater für Bewegtbild-Initiativen geholt hat, wird ernsthaftes Interesse zugetraut. Markus Breitenecker, Geschäftsführer ProSiebenSat.1 PULS 4, hat ein mögliches Interesse seines Unternehmens anfangs dementiert. Wenngleich es in Branchenkreisen schon damals hieß, der Medienkonzern habe bei ATV bereits eine Due-Diligence-Prüfung durchgeführt - also eine Risikoprüfung im Vorfeld eines möglichen Kaufs. Mitte November wurden die Gerüchte dann erstmals hartnäckiger, dass die deutsche ProSiebenSat.1-Gruppe Interesse an einem Erwerb haben könnte. Laut Kurier sondierte der Münchner Konzern zu diesem Zeitpunkt, ob und wie eine Übernahme wettbewerbsrechtlich machbar wäre. Bestätigen wollten dies damals weder ProSiebenSat.1 noch Kloiber.

Rote Zahlen seit Gründung

Wie viel Kloiber für ATV haben will, ist nach wie vor unklar. Vor wenigen Monaten war von 50 Millionen Euro die Rede, dann wieder von 35 Millionen. Aktuell werden 20 bis 25 Millionen für den Sender kolportiert, der sich seit seiner Gründung 2008 konsequent im Minus befindet. Ein Blick in die Bilanzen zeigt die konkreten Zahlen dahinter: Zwischen 2008 und 2014 war der Verlust beim Ergebnis der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit (EGT) nur einmal nicht zweistellig - die zweistelligen Verluste beliefen sich zwischen zehn und 20 Millionen Euro. Insgesamt hat sich in diesen sieben Geschäftsjahren laut Firmen-Compass ein Verlust von 97,3 Millionen Euro angesammelt.

Abgesehen von den roten Zahlen hat Kloiber auch noch weitere Gründe, warum er den Sender verkaufen will. Unter anderem, weil sein Sohn nichts mit dem Österreich-Geschäft zu tun haben wolle. Kloiber sagt, er will ihm die obligatorischen Politikerbesuche und Diskussionen rund um die Medienpolitik ersparen. Er hat in der Vergangenheit immer wieder das angeblich fehlende Gleichgewicht zwischen ORF und Privaten kritisiert.
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