ATV-Geschäftsführer: ‚Die Kostenseite ist die...
 

ATV-Geschäftsführer: ‚Die Kostenseite ist die Pflicht‘

P7S1P4/ ATV/Trauer
ATV liegt konstant über der VierProzent-Marke, ATV2 performt konstant über der Ein-Prozent-Marke“, freuen sich die ATV-GFs Thomas Gruber und Bernhard Albrecht.
ATV liegt konstant über der VierProzent-Marke, ATV2 performt konstant über der Ein-Prozent-Marke“, freuen sich die ATV-GFs Thomas Gruber und Bernhard Albrecht.

Ein Jahr nach der Übernahme sehen die ATV-Geschäftsführer Bernhard Albrecht und Thomas Gruber die Integration in die ProSiebenSat.1-Puls 4-Gruppe gelungen – im Interview sprechen sie über Umsätze, Mitarbeiterabbau, Strategie und die Konkurrenz.

Dieses Interview ist zuerst in Ausgabe Nr. 21/2018 erschienen. Noch kein Abo? Hier klicken!

HORIZONT: Neuer Eigentümer, neuer Standort, neue Technologie, neues Programm: Was ist ein Jahr nach Übernahme vom alten ATV noch übrig geblieben?

Thomas Gruber: Sehr vieles. Alle bekannten Programmfarben auf ATV im Eigenproduktionsbereich sind erhalten geblieben, ebenso im Informationsbereich. Bei ATV2 hat sich einiges mehr getan, dieser ist nicht mehr nur reiner Abspielsender, sondern klar positioniert im Ficition-Segment. Abseits vom Programm ist der Spirit des Teams erhalten geblieben, auch personelles Know-how wurde etwa in die gemeinsame Senderabwicklung übernommen. Quotenmäßig haben wir uns verändert – nach oben. Seit der Programmumstellung im Mai liegt ATV konstant über der Vier-Prozent-Marke, ATV2 performt konstant über der Ein-Prozent-Marke. Am neuen Standort ergeben sich viele neue technische Möglichkeiten, wir agieren etwa im Informationsbereich auf einem Niveau von dem der Sender lange geträumt hat.

Wie fällt denn Ihr Resümee zur Integration aus?

Bernhard Albrecht: Der Plan von Anfang April letzten Jahres war sehr weitfassend. Rückblickend haben wir diesen in den großen Punkten realisiert: Es gab keine Verzögerungen, es wurde nicht teurer als veranschlagt. Die organisatorische Restrukturierung haben wir wie ursprünglich vorgenommen in zwölf Monaten geschafft.

Einher mit der Restrukturierung ging auch ein Personalabbau – in welcher Dimension ist dieser schlussendlich ausgefallen?

Albrecht: Von 57 Mitarbeitern haben wir uns trennen müssen – das ist etwas weniger, als wir ursprünglich mit 70 Stellen geplant hatten. 17 Mitarbeiter von ATV haben wir auf offene Stellen der Sendergruppe shiften können.

Viele befürchteten Kürzungen an sensiblen Stellen wie in der Redaktion, die BWB hat dazu klare Auflagen erteilt – teils für die Öffentlichkeit geschwärzt. Wie viele Journalisten arbeiten noch bei ATV?

Gruber: Der Stand der Mitarbeiter sowohl in der Nachrichtenredaktion als auch bei Eigenproduktionen ist unverändert geblieben. Es gab Abgänge, diese wurden aber personenmäßig nachbesetzt.

Albrecht: Wir sprechen von 21 Mitarbeitern in der Nachrichtenredaktion, im Bereich Eigenproduktionen sind es sieben Personen. Die Abgänge haben vor allem Bereiche wie Administration betroffen.

Sie meinten vorhin technologisch hätte der Sender nun Möglichkeiten, von denen man vorher nur träumen konnte. Inwiefern ändert das die strategische Ausrichtung?

Gruber: Wir strahlen seit 23. November in echtem nativem HD aus, vorher war das hochskaliert. In der Sendeabwicklung war vieles auf Band und total veraltet, jetzt arbeiten wir digital und rein filebasiert. Künftig bringt uns das noch mehr Schnelligkeit und Flexibilität.

Albrecht: Die Möglichkeiten durch die neuen Studioflächen sind immens. ATV Aktuell: Die Woche beispielsweise ist jetzt zu einem Bruchteil der Kosten zu realisieren, die früher notwendig gewesen wären. Das eröffnet neue Potenziale: Momentan agiert ATV stark im Bereich der Doku-Soaps mit außerhalb des Senders gedrehten Formaten; mit dem Studio können wir künftig vieles und auch Neues bei uns im Haus realisieren.

Die Übernahme spiegelte sich zuletzt auch in den Bilanzzahlen der deutschen Mutter wieder; der Sender habe zum Umsatzwachstum der ProSiebenSat.1-Gruppe beigetragen, Details wurden nicht ausgewiesen. Wie performt denn ATV Kosten- und Umsatzseitig?

Albrecht: Die Anfangssituation war bekanntermaßen äußerst schwierig. ATV hatte die letzten Jahre jeweils Verluste in zweistelliger Millionenhöhe gemacht. Wir sind natürlich noch nicht dort, wo wir hinwollen – 2019 soll der break even ja nachhaltig erreicht werden –, aber wir liegen etwas vor unserem Plan. Die Kostenseite von ATV hat sich gegenüber 2017 schon deutlich verbessert, auch bedingt durch den Abschluss der technischen Migration. In Sachen Umsatz war das letzte Jahr sehr schwierig, weil die Kunden anfangs noch zurückhaltend waren. 2018 verspüren wir schon ein deutliches Umsatzwachstum. Die Kostenseite ist die Pflicht, die Umsatzseite macht dann den Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg aus.

Kostenseitig ist der Sender also schon dort, wo Sie ursprünglich 2019 sein wollten?

Albrecht: Nein, noch nicht ganz.

Wie begründen Sie die nun positivere Resonanz vom Werbemarkt?

Albrecht: Der Werbemarkt hat großes Interesse daran, dass es starke österreichische Programme am Markt gibt. Unsere Kunden sehen die Entwicklung und sie sehen, dass investiert wird. Sie sehen, dass es sich nicht nur um ein kurzes Aufflackern handelt, sondern wir einen nachhaltigen Plan verfolgen.

Sie haben anfängliche Befürchtungen im Zuge der Übernahme in Richtung wenig Nachhaltigkeit also auch deutlich am Werbemarkt gespürt?

Albrecht: Ja, natürlich herrschte Unsicherheit. Am Beginn eines solchen Prozess ist es selbstverständlich, dass einem von außen Skepsis entgegengebracht wird. Aber wir haben in zwölf Monaten bewiesen, dass wir ATV als selbstständigen Sender im Wettbewerb sowohl mit Puls 4 aber auch mit ORF und Servus TV am Markt etablieren wollen.

Die Quoten entwickelten sich wie berichtet mit der vorgenommenen Komplementärprogrammierung der Sender gut. War das allein ausschlaggebend, die Sender eben programmlich ineinandergreifend auf den Markt zu schicken?

Gruber: Das ist ein Baustein im Gesamtkonstrukt. Wir programmieren nun ähnliche Filmgenres nicht mehr direkt gegeneinander; Sitcoms sind zu Puls 4, Crime zu ATV gewandert. Trotzdem stehen die Sender im direkten Wettbewerb am Sehermarkt. Ausschlaggebend ist aber auch, dass ATV und ATV2 nun auf einen weitaus größeren Fiction-Programmstock zurückgreifen können. Zudem haben wir gewisse Programmierungen senderintern geändert und beispielsweise Hubert und Staller vom Vorabend in die Prime Time gehoben. Auch diese Feinjustierungen im bestehenden Programm machen sich bemerkbar.

Wie groß waren die Bedenken der Kannibalisierung am Sehermarkt, wenn zwei einst konkurrierende Sender nun unter gemeinsamen Dach aber weiterhin am Sehermarkt gegeneinander treten?

Albrecht: Die gab es nicht. Wir waren fest davon überzeugt, dass der Plan aufgeht: Es hat ja bei den Quoten nicht nur ATV profitiert, sondern auch Puls 4.

Einen Umbau gab es auch in der Nachrichtenschiene. Klartext wurde eingestellt, „ATV Aktuell: Die Woche“ am Sonntagabend gelauncht – parallel zu „Im Zentrum“ am ORF. Gehen sie da bewusst auch in Konfrontation zum Öffentlich-rechtlichen?

Gruber: Klartext steht und fällt mit dem Namen Martin Thür, der uns ja Ende Juni verlassen hat. Insofern war eine neue Marke wichtig. Uns war bewusst, dass parallel „Im Zentrum“ stattfindet, wir haben aber nach dem besten Sendeplatz gestrebt. Mit dem Quoten-Opener Hubert und Staller sind wir zuversichtlich, dass das auch funktioniert. Natürlich wollen wir bestehende Seher halten, aber mittelfristig auch den ein oder anderen „Im Zentrum“-Seher zu uns holen.

Ihr Format ist aber inhaltlich völlig anders konzipiert als das der Konkurrenz.

Gruber: Unser Format ist kürzer, dynamischer, weniger Diskussion, behandelt mehr Themen. Das war schon klar, dass wir nicht Talk gegen Talk programmieren.

Thema Konkurrenz: Ihre Sendergruppe hat keine Rechte an der bevorstehenden Fußball-WM. Gut informierten Quellen zufolge sind Sie aber gegen Wolfgang Fellner um Sublizenzen in den Ring gestiegen. Woran ist es gescheitert?

Albrecht: Wir haben uns das Package natürlich angesehen. Aber Geld ist immer ein knappes Mittel, und manchmal muss man auch die Entscheidung treffen Nein zu sagen.

Gibt es künftige Bestrebungen in Richtung mehr Livesport?

Albrecht: Für ATV ist Livesport kein Thema – das ist aus Kostengründen auszuschließen. Für ATV2 kann ich mir das in Nischen vorstellen.

Gruber: Wir prüfen aktuell Rechtepakete zur eSports-League, die relativ kostengünstig zu produzieren wäre. Ich kann mir auch vorstellen das ein oder andere Fußballspiel zu zeigen, das wir günstig einkaufen können. Sport ist für die Gruppe an sich wichtig, insofern verfolgen wir den Lizenzmarkt sehr genau – da gilt es Gelegenheiten auszuloten.

Albrecht: Das ist aber offen gestanden nicht nur wegen der Konkurrenz im Pay-TV schwierig, sondern auch weil der öffentlich-rechtliche Rundfunk mit ganz anderen Mitteln ausgestattet ist wie wir.

Sie kämpfen im gesamten Rechtemarkt nicht nur gegen Pay-TV und den ORF, sondern auch gegen DAZN und andere neue Player. Wie sieht die Strategie gegen diese Mitbewerber perspektivisch aus?

Albrecht: Lineares, kuratiertes Fernsehen bietet dem Zuseher einen hohen Unterhaltungswert und ein breites Spektrum an Inhalten. Insofern wird es nicht an Attraktivität verlieren. Künftig müssen wir aber das Liveelement des Fernsehens stärker in Erinnerung rufen und Angebote dahingehend machen: Sport, Nachrichten, Talk. Liveelemente sind die große Stärke des linearen Fernsehens.

Gruber: Fernsehen bietet mit dem fixen Programm eine Konstante im Leben – und im Endeffekt schätzt der Seher das. Insofern machen mir Streamingdienste keine große Sorge. Zudem bieten wir unsere Angebote ja auch über andere Kanäle als klassisch-lineares Fernsehen, teils als Stream, teils on Demand oder auch über die ZAPPN-App Diesen Zug dürfen wir natürlich nicht verpassen.

Europaweit setzen Sender von Sky bis RTL zur Abgrenzung auf Eigenproduktionen und betonen das auch. Werden auch Sie diese Richtung forcieren?

Albrecht: Die Sanierung und Restrukturierung samt Neuausrichtung zielt nicht nur darauf ab, positiv zu wirtschaften und den Kaufpreis zurückzuverdienen, sondern auch möglichst viele Mittel für österreichische Inhalte freizumachen. Im Endeffekt sind es diese Elemente, die uns unterscheidbar machen. Solche Formate – wie etwa etablierte langjährige Formate mit hoher Fanbase auf ATV von „Wir leben im Gemeindebau“ bis zu „Teenager werden Mütter“ – zu finden und zu entwickeln wird den Unterschied ausmachen.

Erfolge sind hier aber nicht vorprogrammiert. Wieviel Scheitern ist erlaubt?

Albrecht: Es wird immer wieder auch Flops geben, das ist auch erlaubt.

Gruber: Wer nicht wagt gewinnt auch nicht. Wir wählen mit sehr viel Sorgfalt aus, was wir tun. Zudem funktioniert nicht alles von Beginn weg, manches klappt erst mit der Zeit – es braucht den Glauben und das Festhalten an diese Formate.

Im Juni steht die Medienenquete bevor. Die Position von Gruppenchef Markus Breitenecker ist bekannt; was wünschen sich die Senderchefs von ATV von der Medienpolitik?

Gruber: Es ist zu begrüßen, dass die Privatsender Gehör finden. Ich blicke auch durchaus positiv etwaigen Kooperationen zwischen Öffentlich-rechtlichen und Privaten entgegen.

ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz hat seine Vorstellungen zu Allianzen schon sehr konkret geäußert. Welche würden denn für ATV Sinn machen?

Albrecht: Das entscheidende aus meiner Sicht ist, dass es zu einem grundsätzlichen mind change am Markt kommt; dass trotz allen Wettbewerbs es eben auch Gemeinsamkeiten gibt und der österreichische Medienmarkt gemeinsam entwickelt werden muss, weil die Bedrohung durch digitale US-Firmen gewaltig ist. Wie man das konkret ausgestaltet ist eine Frage, die man im ersten Schritt hinten anstellen kann. Es kann jedenfalls nicht sein, dass ein Sender wie ORF 1 mit Gebührengeldern primär nicht-österreichische Inhalte zeigt und erstaunlich vergleichbar mit einem Privatsender ist – detto Ö3 mit Privatradios. Eine Richtungsänderung diesbezüglich, die auch vom ORF mitgetragen wird, wäre ein Riesenfortschritt. Inwieweit man das gesetzlich regeln muss, ist für mich ein zweiter Schritt. Ich bin jedenfalls lange genug im Geschäft und sehe aktuell eine wirkliche Ernsthaftigkeit, etwas nachhaltig verändern zu wollen. Daran glaube ich.




stats