Anständige Amtsträger
 

Anständige Amtsträger

Editorial von Sebastian Loudon (HORIZONT 6/2013)

Langsam, stöhnend, aber immerhin beginnt sich die Kommunikationswirtschaft mit den seit 1. Jänner gültigen Verordnungen aus den verschärften Antikorruptionsbestimmungen im Strafgesetzbuch anzufreunden. Man hört es überall, bei Events, am Rande von ­Interviews oder bei Hintergrundgesprächen. Und man sieht es auch, wie etwa zuletzt, als Zeitungen großflächig über die neuen strengen Corporate-Compliance-Regeln für ­ORF-Mitarbeiter, die nunmehr konsequenterweise Amtsträger sind, berichteten. Wobei: „Anfreunden“ ist bestimmt nicht das richtige Wort, eher ist es ein sukzessives Annähern, ein mühse­liger Kennenlernprozess, im Zuge dessen so manchem offenbart wird, dass die neuen Bestimmungen grundsätzliche Mechanismen und Gewohnheiten des Geschäftslebens entweder erschweren oder gänzlich außer Kraft zu setzen drohen.

Wenn eine PR-Agentur ihren Neukunden aus dem öffentlichen Bereich nicht zu ihrem exklusiv ­ausgerichteten Networking-Event einladen kann, wenn ORF-Mitarbeiter angesichts von Einladungen zu ähnlichen Events die Schweißperlen aus der Stirn schießen, wenn Pressesprecher von Sponsoren der Ski-WM in Schladming Schwierigkeiten haben, ihre Kontingente an Einladungen loszuwerden, wenn Unternehmen plötzlich keinen Sinn mehr darin sehen, kulturelle Veranstaltungen zu unter­stützen, weil sie nur unter größter Vorsicht und Rücksichtnahme dorthin einladen dürfen – dann ­verändert sich etwas fundamental.

Sehr zum Ärger oder zur Häme mancher Beobachter haben wir uns schon einige Male differenziert bis kritisch zum Thema Corporate Compliance und dem ein oder anderen Auswuchs entsprechender Regelungen geäußert. Tatsächlich ist es so, dass hier auch Handlungen kriminalisiert werden, die bis dato zum ganz normalen Geschäftsleben und zu einer Beziehungspflege zwischen sich freundlich ­gesinnten Menschen gehören – sofern, und das ist entscheidend, diesem Miteinander ein gemein­sames, wenn auch unausgesprochenes Verständnis von Anstand zugrunde liegt. Ist es anständig, wenn ein Dienstleister seinen Kunden, mit dem er bereits einen Vertrag abgeschlossen hat, zu einem ele­ganten Dinner einlädt, dessen Wert vielleicht sogar jenseits der Grenze von 100 Euro pro Gast liegt? Na selbstverständlich! Ist es in Ordnung, wenn ORF-Journalisten bei den Top-Events des Landes dabei sind, ohne verzweifelt „Ich bin privat hier“ in die Kamera rufen zu müssen? Aber sicher doch! Ist es ­hingegen anständig, wenn sich ein Landeshauptmann von Unternehmern auf einen Hirsch einladen lässt? Eine rhetorische Frage …

Die Grenzen sind fließend, denn ganz bestimmt ist nicht jede Beziehungspflege gleichzeitig ­Anfüttern und Korruption. Ein einigermaßen ausgeprägtes Sensorium bei Einladenden und Eingeladenen müsste eigentlich ausreichen, um sich überbordende Regelungen zu ersparen. Allein: Dieses Sensorium fehlt und damit einher geht auch ein mangelndes Bewusstsein – das haben uns die Korruptions­skandale der jüngeren österreichischen Wirtschaftsgeschichte eindrucksvoll vor Augen ­geführt. Und wo das kollektive Gefühl für Anstand verloren geht, da springt eben der Gesetzgeber ein, mit allen Schwächen, die damit unausweichlich verbunden sind. Wirtschaft ist Handel, Handel ist Kommunikation, Kommunikation ist etwas zutiefst Menschliches – und gesetzliche Bestimmungen können hier nur bedingt greifen.

Wenn die Wirtschaft, wie vielerorts vorgebracht, unter den neuen strengen Bestimmungen und der derzeit grassierenden Verunsicherung leidet, dann ist es erstens ihre – unser aller – Schuld, dass es so weit kommen musste. Der schlampige Umgang und der Missbrauch von Vertrauen haben dazu geführt, dass wir so weit gekommen sind. Und zweitens: Vorsicht ist angesichts der neuen Gesetzeslage allemal ­angebracht, keineswegs aber Untergangsstimmung. Mag sein, dass in der neuen Corporate-Compliance-Welt Handlungen verboten sind, die per se schlicht nicht unanständig sind. Mag sein, dass zunächst ­einmal nur die Juristen profitieren. Mag sein, dass die Kulturwirtschaft, der Sport, die Eventbranche von der vorherrschenden Verunsicherung in Mitleidenschaft gezogen werden. Umso entscheidender ist es, möglichst schnell mit den neuen Regeln leben und arbeiten zu lernen, den berühmten „modus vivendi“ zu finden. Für Wehklagen ist es längst zu spät.
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