Angstmachende Medienberichte
 

Angstmachende Medienberichte

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European Newspaper Congress 2012: Führende Journalisten diskutieren über Verantwortung und Selbstschutz der Medien.

"Wie viele schlechte Nachrichten brauchen die Medien?" und "Wie viele schlechte Nachrichten vertragen die Menschen?" lauten die zentralen Fragen der im Rahmen des European Newspaper Congress abgehaltenen Podiumsdiskussion zum Thema "Die Angst und die Medien" am 8. Mai 2012.

Der Atomunfall in Japan, die arabische Revolution, die Finanzkrise und der Euro - die Katastrophenmeldungen häufen sich. "Und die erste Frage, die sich das Publikum stellt, ist: ,Bin ich betroffen?'", erklärt sich Cornel Binder-Krieglstein, Vizepräsident des Berufsverbands der Österreichischen Psychologen, das in Krisen gesteigerte Interesse an Medienberichterstattung.

"Wenn wirklich etwas passiert, sind die Leute sofort vor dem Fernseher. Man möchte sehen, was passiert ist", liest auch ORF-Magazinchefin Waltraud Langer das Katastropheninteresse des Publikums aus den ORF-Zahlen. Aber: "Es gibt dann auch bald wieder einen Gewöhnungseffekt." Soll heißen: Ist das erste Interesse gestillt, sind die wichtigsten Hintergründe erklärt und die ersten Bedürfnisse nach Orientierung befriedigt, mache sich mitunter eine gewisse "Erschöpfung" breit, glaubt Langer. "Es ist alles so unübersichtlich geworden und auf Dauer anstrengend, immer alles zu verfolgen." Das Resultat aus diesen Katastrophen-Ermüdungserscheinungen des Publikums: "Im Fernsehen boomen Magazine über das schöne Landleben, Gärten" oder derart Übersichtliches, so die ORF-Magazinchefin.

Auch Universitätsprofessor Jürgen Grimm sieht in der allgemeinen "Lust" an der Katastrophenmeldung hauptsächlich "Angstbewältigungsbedarf": "Medien liefern Angstbewältigungshilfe, mehr als Panikmache". Allgemeines Fazit der Diskutanten: Die Qualitätsmedien dürften nicht Ängste schüren, sondern müssen Hintergründe aufzeigen, um angstbesetzte Themen nachvollziehbar zu machen.
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